Ich bin dann mal gar nicht richtig weg...

5. März 2013

Nicht nur der Urlaub gehört geplant, sondern auch die Kommunikation im Unternehmen: Nur wer wirklich unerreichbar sein darf, kann Erholung uneingeschränkt genießen. Mitarbeiter, die den Draht zur Firma nicht abreißen lassen, regenerieren sich unzureichend.

Der Klingelton mag noch so schön sein: Wenn im Urlaub der Arbeitgeber anruft, ist für den betroffenen Mitarbeiter das Vergnügen vorbei. Doch schon bevor es so weit kommt, wird die großzügig vorausgesetzte Erreichbarkeit zur Belastung und verkehrt die eigentlich für die Regeneration vorgesehene Zeit in ihr Gegenteil.

Das allgegenwärtige Handy hat die Hemmschwelle gesenkt, auch nach Dienstschluss schnell noch Geschäftliches zu besprechen. E-Mails im Urlaub lesen oder schnell auf Kurzmeldungen zu antworten, gilt bei vielen als selbstverständlich. „Die Folgen dieser neuen Kultur der Dauererreichbarkeit sind aber nicht abzusehen“, so Professor Markus-Oliver Schwaab von der Hochschule Pforzheim.

Erreichbarkeit – mehr Fluch als Segen

Der Wissenschaftler untersucht derzeit, wie sich umkehren lässt, was ursprünglich als vermeintlicher Segen der neuen Medien galt: die ständige Erreichbarkeit, die für viele inzwischen zum Fluch geworden ist. „Die ersten Arbeitgeber haben Konsequenzen gezogen“, stellte der Professor für Personalmanagement in einer Voruntersuchung fest.

Inzwischen gelte es als gesichert, dass durch den ständigen Zugriff auf Informationen die Grenzen zwischen privat und geschäftlich verschwinden. Der Arbeitnehmer kann nicht mehr abschalten, die Erholungsphasen fallen zu gering aus und die Leistungsfähigkeit sinkt. Einige Unternehmer versuchen, diesen Auswirkungen jetzt entgegen zu wirken.

Persönliches Abschalten wird erschwert

„Doch das Eindämmen der Informationsflut ist schwierig“, stellte Schwaab fest. „Sie können das Netz nicht einfach ausknipsen!“ Die Omnipräsenz der neuen Medien erschwert das persönliche Abschalten. Was für den Arbeitsplatz gilt – die ständige Ablenkung durch E-Mails oder andere Meldungen verhindert ein konzentriertes Arbeiten – multipliziert sich in seinen negativen Folgen in Freizeit und Urlaub. Je schlechter die interne Kommunikation geplant und geregelt ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass E-Mails, mitunter sogar Anrufe auf private Anschlüsse weitergeleitet werden und die Arbeit in die Freizeit hineintragen.

Hauptgrund, wieso man sich im Sommerurlaub nicht gut erholen konnte, waren beim DAK Urlaubsreport 2012 das schlechte Wetter und Stress mit der Familie die häufigsten Gründe. Auf Platz drei: Die Unmöglichkeit, vom Job abzuschalten, wobei dies 25 Prozent der Frauen und 13 Prozent der Männer angaben. 13 Prozent der Befragten mussten ihren Urlaub für die Arbeit unterbrechen. Acht Prozent mussten über Handy oder Internet erreichbar sein.

Wellenreiten statt Internet-Surfen

„Nachdem vielen Arbeitnehmern schon im Alltag die Trennung zwischen Beruf und Freizeit schwerfällt, setzt sich dieser Trend offenbar im Urlaub fort“, erklärt Experte Frank Meiners von der DAK-Gesundheit. „Körper und Psyche brauchen längere Pausen, um gesund und leistungsfähig zu bleiben. Wasser und Wellen sind zur Erholung besser als Informationsflut und Internet-Surfen.“ Wer auch im Urlaub berufliche Mails bekomme und dadurch nicht abschalten könne, gefährde langfristig seine Gesundheit. Auch Arbeitgeber hätten eine Verantwortung, ihre Beschäftigten hiervor zu schützen. Die Doppelbelastung von Job und Familie belaste im Urlaub vor allem Frauen.

Störung der Freizeit hat Methode

Dabei hat das telekommunikative Eindringen beruflicher Belange in die Freizeit längst Methode. Erreichbarkeit an den Feiertagen ist für die meisten Berufstätigen selbstverständlich, ergab eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Branchenverbandes BITKOM 2011. Fast drei Viertel (71 Prozent) der Berufstätigen, die zwischen Weihnachten und Neujahr frei haben, sind dennoch beruflich erreichbar. Zwei Drittel (68 Prozent) sind per Telefon erreichbar, 43 Prozent per Mail.

Übertriebenes Zeichen von Identifikation

„Zwar ist es prinzipiell ein gutes Zeichen, wenn sich so viele Beschäftigte stark mit ihren beruflichen Aufgaben identifizieren“, kommentiert Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des BITKOM, die Umfrageergebnisse. „Aber zumindest zum Jahresende sollte jeder auch einmal komplett abschalten.“ Dieses „komplette Abschalten“ ist durchaus im Sinne des Unternehmens. Weshalb berufliches Fremdgehen während eines genehmigten Urlaubs für Angestellte auch verboten ist. So richten sich letztlich Vorschriften aus dem Bundesurlaubsgesetz, die den Anspruch des Arbeitgebers auf einen erholten Mitarbeiter festigen sollen, fast schon buchstäblich gegen den Missbrauch des Campingwagens oder Ferienappartements als exterritoriales Büro: Der Urlaubszweck ist nach dem Bundesurlaubsgesetz ausschließlich Erholung und Freizeitgestaltung.

Arbeit im Urlaub ist verboten

Ein Arbeitnehmer darf dem Gesetz zufolge auf eigene Rechnung keine Erwerbstätigkeit ausüben, die dem Urlaubszweck widerspricht. Sprich: Er darf nichts tun, wobei er sich nicht erholt und wofür er geldwerte Güter erwirbt. Das gilt dem Sinn des Gesetzes nach zweifelsohne auch für die Beziehung zu dem Unternehmen, in dem er angestellt ist. Spätestens, wenn ihn im Urlaub ein „Arbeitsunfall“ ereilt und Versicherungen involviert sind, wird die Angelegenheit für den Arbeitgeber kritisch.

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