Kriterien attraktiver Ausbildung wandeln sich

Nachwuchskräfte in ausreichender Qualität und Zahl zu gewinnen, fordert ein Umdenken in den Unternehmen. Die Instrumente dafür sind schon verfügbar.

  • Perspektiven für Work-Life-Balance fallen schon bei Berufseinsteigern stark ins Gewicht.
  • Karriere wird nicht mehr als Ergebnis maximaler Arbeitsleistung verstanden.
  • Theoretisch definierte Berufsbilder und praktische Perspektiven für die individuelle Entwicklung müssen glaubwürdig kommuniziert werden.

Die „Qual der Wahl“ hat ihre Richtung gewechselt: Anders als noch vor ein paar Jahr bewerben sich heute mehrere Unternehmen um einen Auszubildenden. Gleichzeitig treten Schul- und Universitätsabgänger mit wachsenden Ansprüchen an ihren Arbeitgeber und Ausbilder heran. Das führt dazu, dass standardisierte Verfahren ihre Nützlichkeit verlieren. Individualisierte und an den Fähigkeiten und Wünschen der Nachwuchskräfte orientierte Angebote rücken in den Vordergrund. Das gilt nicht nur beim Recruiting, das setzt sich während der ganzen Ausbildung fort – bis hin zum weiterführenden Karriereplan an deren Ende.

Freizeit ist keine Nebensache mehr

Den wichtigsten Ansatzpunkt für Unternehmen stellt die Erkenntnis dar, dass sich die Vorstellungen von Berufsanfängern nicht mehr von jenen langjähriger Mitarbeiter unterscheiden. Alles, was im Zuge von Work-Life-Balance und Employer Branding in den Mittelpunkt der Personalarbeit gerückt ist, zählt auch schon beim Nachwuchs. „So erkennen wir beispielsweise, dass die Jugendlichen ihre Freizeit überwiegend im sportlichen Bereich gestalten, dass sie sich stark in sozialen Netzwerken bewegen, aber eher wenig in medialen Projekten mitwirken. Sie engagieren sich gerne für Kinder und bewerten die Familie als ihr höchstes Gut. Bei der Berufswahl wünschen sich die Jugendlichen mehr Unterstützung, ebenso ein breiteres Angebot für die Freizeitgestaltung in ihrem Ort“, heißt es in der Jugendstudie 2015 des Landes Baden-Württemberg.

Männer akzeptieren Überstunden, Frauen suchen Erfüllung

In die gleiche Kerbe schlägt die letztveröffentlichte Shell-Jugendstudie, seit langem ein verlässlicher Indikator sowohl für den Status quo als auch die Zukunftserwartungen der nachwachsenden Generationen. „Für die Mehrheit der Jugendlichen soll der Beruf das Leben nicht ausschließlich bestimmen. Für 91 Prozent ist wichtig, dass Familie und Kinder neben dem Beruf nicht zu kurz kommen“, heißt es in der Zusammenfassung. „Nur weniger als jeder zweite Jugendliche vertritt die Meinung, dass Überstunden einfach dazugehören, wenn man Karriere machen möchte. Dabei können sich junge Männer eher mit Überstunden und Wochenendarbeit anfreunden als junge Frauen, denen der Ausgleich mit der Familie wichtiger ist. Im Gegensatz zu den jungen Männern legen jungen Frauen stärker den Fokus darauf, sich um andere zu kümmern und eine erfüllende Tätigkeit zu haben.“

Berufsbilder allein geben keine Perspektive

Gleichzeitig ist eine andere Entwicklung zu beobachten, die ebenfalls das traditionelle Berufseinstiegs-Verfahren in Frage stellt: Viele klassische Ausbildungsberufe wie etwa der „Elektroniker für Infrastruktur“ leiden darunter, dass sie Jugendlichen entweder zu langweilig vorkommen oder sie in der Gestaltung ihrer beruflichen Zukunft zu stark einzuschränken scheinen – auch weil ihnen die akademische Komponente fehlt. Obwohl die zuständigen Gremien die Inhalte der Ausbildungsprofile immer wieder aktualisieren und ergänzen, entscheiden bei der Berufswahl die unmittelbare Begrifflichkeit – und die Wahrnehmung von öffentlichen Beispielen. Das war vor Jahrzehnten beim „Lokomotivführer“ nicht anders als heute beim „VJ“. Aber die Zunahme der Medienkanäle und der gleichzeitige Mangel an attraktiv präsentierbaren „Influencern“ aus dem aktiven Pool der Beschäftigten heraus verengen die Perspektiven. Darum gibt es keine TV-Show „Germany’s Next Top-Dachdecker“ oder „Deutschland sucht den Super-Spengler“.

Örtliche Nähe als Chance für Arbeitgeber

Aus der Kombination beider Phänomene erwächst allerdings gerade kleineren und mittleren, regional verankerten Unternehmen eine gute Chance, auf sich aufmerksam zu machen. Sie können sowohl die gewünschte örtliche Nähe wie auch den unmittelbaren Bekanntheitsgrad „in der Nachbarschaft“ in die Waagschale werfen und so während der Berufsorientierungs-Phase der Jugendlichen besser wahrnehmbar werden. Dabei liegen nicht nur Praktika und Ferienjobs als probate Mittel auf der Hand.

Mitarbeiter werden zu Botschaftern

Mitarbeiter, die in Organisationen oder Vereinen tätig sind oder die als familiärer Ansprechpartner wirken, sind der nächstliegende Kanal, um Berufsbilder und -chancen nach außen zu transportieren. Gerade beim Differenzieren zwischen den theoretischen Rahmenbedingungen von Ausbildungsrichtlinien und den tatsächlichen Möglichkeiten im Betrieb und für die eigene Karriere sind diese Zeugen besonders wertvoll. Obendrauf kommt noch ihre tragende Rolle im Konzept des „glaubwürdigen Vorbilds“, das für die nachwachsende Generation eine zentrale Rolle sowohl bei der Berufs- wie bei der Arbeitgeberwahl spielt. Dafür ist allerdings eine entsprechende Unterstützung durch ihren Betrieb unerlässlich – eine neue Herausforderung sowohl für die Personal- wie die Kommunikationsabteilung.