Langes Wochenende als Standard?

12. Oktober 2015

Drei Tage Arbeit, vier Tage frei – mit diesem revolutionären Vorschlag will der britische Professor David Spencer die Lebensqualität verbessern. Auch Arbeitgeber zögen daraus ihre Vorteile, so seine These.

  • David Spencer, Professor of Economics and Political Economy an der Leeds University Business School, plädiert für einen Rhythmus von „3 Tage Arbeit, 4 Tage frei“.
  • Er sieht darin das Optimum für einen Ausgleich von Arbeitszeit, Leistungsdruck, persönlicher Gesundheit und Lebensqualität.
  • Individuelles Wohlgefühl ist aus seiner Sicht dabei höher einzuschätzen als Wohlstand, der durch ein Übermaß an Arbeit erzielt wird.

Nicht zwei Minuten, auch nicht drei oder vier – deutlich über eine Dreiviertelstunde beträgt, mathematischen Modellen zufolge, die ideale Grün- bzw. Rot-Phase einer Ampel. Ideal in dem Sinne, dass in einer Stadt mit halbwegs geordnetem Wegenetz dauerhaft Staus vermieden werden. Zumal sich die Verkehrsteilnehmer dann auch darauf einstellen könnten, zu welchen Zeiten „Grüne Welle“ herrscht und wann nichts vorangeht.

Bessere Lebensqualität als Ziel

Ein ähnliches Idealbild dürfte auch der britische Wirtschaftswissenschaftler David Spencer vor Augen haben, der jüngst mit seinem Konzept vom „4-Tage-Wochenende“ Schlagzeilen machte. Der Professor of Economics and Political Economy an der Leeds University Business School hatte in einem Artikel für das Gesundheitsressort der „Daily Mail“ Arbeitszeit, Leistungsdruck, persönliche Gesundheit und Lebensqualität zueinander in Relation gesetzt. Dabei war er zu der Erkenntnis gekommen, dass längere Aus- und kürzere Arbeitszeiten im Wechsel nicht nur das Risiko von Herz-Kreislauf- und anderen inneren Krankheiten reduzieren. Eine solche Neuaufteilung trage gleichzeitig zu einer insgesamt besseren Lebensqualität bei.

Maximale Leistung, maximales Glück?

Das „drei Tage arbeiten, vier Tage nicht arbeiten“-Konzept des britischen Professors entspricht rechnerisch in etwa den üblichen Teilzeitmodellen. Nur dass er es zur Grundlage einer ausgewogenen Work-Life-Struktur für alle Beschäftigten empfiehlt – und überraschenderweise den Begriff „WochenENDE“ beibehält. In seinem Essay bezieht er ausdrücklich Stellung gegen eine verbreitete Arbeitsethik, die maximale Arbeitsleistung mit maximalem persönlichen Glück in Verbindung bringt. „Weniger zu arbeiten wird uns als Bedrohung von Gesundheit und Glück verkauft, nicht als Weg, um beides zu verbessern“, schreibt er.

Freizeit erhöht Lebensqualität stärker als Wohlstand

Spencer adressiert mit seinem Beitrag in erster Linie die Arbeitnehmer. Darum wies er auch darauf hin, dass eine solche Umstellung für den Einzelnen mit Einschränkungen beim Konsum und weniger Spielraum bei den wirtschaftlichen Möglichkeiten verbunden ist. Das ergebe sich aus der insgesamt signifikant verringerten Arbeitszeit. Der individuelle Zugewinn an Lebensqualität sei dann höher als jener, der über mehr Wohlstand durch längere Arbeitszeiten erzielt werden könne. In Richtung Arbeitgeber geht seine Argumentation dort, wo er den Fortschritt bei Technik, Automatisierung und Telekommunikation als Instrumentarium empfiehlt, um auch unter dem angesprochenen Arbeits-Freizeit-Verhältnis produktiv zu arbeiten.

Auf Keynes‘ Spuren zur 15-Stunden-Woche

Aus Spencers - kapitalismuskritischer - Sicht führt die 3-Arbeit-4-frei-Struktur zu einer doppelten Befreiung: einerseits vom „drudge work“, also einer Beschäftigung zwischen Arbeitstier und Sklave, andererseits vom Arbeitszwang, der durch permanente Konsumreize ausgelöst wird. Er bezieht sich dabei unter anderem auf John Maynard Keynes‘ Prognose, die Menschen würden im 21. Jahrhundert nur noch 15 Wochenstunden zu arbeiten brauchen. Stattdessen verbrächten sie heute viel Zeit am Arbeitsplatz, die keinerlei sozialen Wert halte. Dies schade letztlich auch den Arbeitgebern, die weniger Motivation und Produktivität für ihr Geld erhielten, als mit Mitarbeitern in einem zufriedeneren Gesamtzustand möglich wäre. Was an Kostenersparnis durch kleinere Büros und Produktionsstätten möglich wäre, hat er dabei noch nicht ins Kalkül gezogen. Ebenso wenig auch den Umstand, dass sich mit seinem Vorschlag auch das Thema „Urlaub“ radikal ändern würde.

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