Notwendige Weichenstellungen für den deutschen Arbeitsmarkt

Nach Schätzungen des DIHK bleiben 1,6 Mio. Arbeitsstellen in Deutschland langfristig unbesetzt. Welche Handlungsoptionen sieht der CDU Wirtschaftsrat, um diesem Trend etwas entgegen zu setzen? Carlotta Köster-Brons, Leiterin des Hauptstadtbüros von Randstad im Gespräch über den Fachkräftemangel in Deutschland mit Dr. Holger Fricke, stellvertretender Leiter Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik beim Wirtschaftsrat der CDU.

Herr Dr. Fricke, laut der Bertelsmann Stiftung braucht Deutschland bis zum Jahr 2060  jährlich mindestens 260.000 Einwanderer, damit die Wirtschaft nicht einbricht. Wie schätzt der Wirtschaftsrat der CDU die Lage ein? 

Tatsächlich müssen wir alle Hebel in Bewegung setzen, damit sich der Fachkräftemangel nicht zur Wachstumsbremse Nr. 1 in Deutschland entwickelt. Es muss uns bewusst sein: Der Mangel an Fachkräften ist auch strukturell bedingt und wird sich verstärken. Bis 2040 sinkt voraussichtlich die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter um 6 Millionen. 

Beschäftigungspotenziale müssen ausgeschöpft und ein transparentes Fachkräfteeinwanderungsgesetz eingeführt werden.

Deshalb ist es wichtig, alle Beschäftigungspotenziale im Inland auszuschöpfen und mehr qualifizierte Zuwanderer zu gewinnen. Seit etwa zehn Jahren kämpft der Wirtschaftsrat für ein transparentes Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Wir freuen uns, dass nun ein entsprechender Vorschlag vorliegt und fordern die rasche Umsetzung bei gleichzeitiger Öffnung für die Zeitarbeit.

Tatsächlich wäre die Personaldienstleistungsbranche, mit großer Expertise bei der Rekrutierung von Fachkräften im EU-Ausland, nach derzeitigem Stand vom neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz ausgeschlossen. Sie fordern hier eine Änderung?

Ganz genau. Gerade Mittelständler tun sich schwer, im Ausland auf die Suche nach Fachkräften zu gehen. Umso wichtiger sind Personaldienstleister, die das übernehmen und Arbeitskräfte hier an Mittelständler überlassen. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz muss so geändert werden, dass auch Personaldienstleister Arbeitnehmer aus dem Nicht-EU-Ausland rekrutieren und beschäftigen können.

Welche Qualifikationen werden Ihrer Meinung nach besonders benötigt? 

Waren es noch vor einigen Jahren v. a. die MINT-Berufe, trifft der Arbeitskräftemangel mittlerweile die Wirtschaft in der Breite. Es dauert mittlerweile durchschnittlich ein halbes Jahr, bis im Bereich Sanitär, Klempnerei und Heizung eine vakante Stelle neu besetzt werden kann – fast genauso lange in den Bereichen Altenpflege, Energietechnik oder IT-Beratung und Softwareentwicklung. 

Der Arbeitskräftemangel trifft mittlerweile die gesamte Wirtschaft. Der erleichterte Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt ist notwendig.

Umso wichtiger ist es, auch beruflich Qualifizierten von außerhalb der EU mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Dabei können wir nicht davon ausgehen, dass die Personen über einen dualen Ausbildungsabschluss verfügen. In den meisten Fällen müssen die Qualifikationen unabhängig von formalen Abschlüssen erhoben werden.

Was muss sich ändern, damit Deutschland inländische Fachkräfte halten kann?

Besonders junge Deutsche im Alter von 22 bis 30 verlassen ihr Heimatland zahlreich – jährlich bis zu 10.000 je Jahrgang. Für sie ist es entscheidend, die Steuern- und Abgabenlast zu senken. Hierbei nimmt Deutschland eine unrühmliche Spitzenstellung unter Alleinstehenden ein.

Neue Arbeitsformen müssen im BGB verankert werden.

Außerdem ist es wichtig, Projektarbeit als neue Beschäftigungsform im BGB zu verankern. Gerade IT-Fachkräfte arbeiten häufig ungern festangestellt. Weil dies in Deutschland nur schwer rechtssicher möglich ist, gehen sie ins Ausland. Diesen Rechtsnachteil muss Deutschland schnell überwinden.

Über Dr. Holger Fricke

Dr. Holger Fricke, stellvertretender Leiter Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik  beim Wirtschaftsrat der CDU

Dr. Holger Fricke ist Stellvertretender Leiter Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik und Bereichsleiter für Arbeitsmarkt, Alterssicherung und Gesundheit des Wirtschaftsrats der CDU e.V.