Paarweiser Mehrwert in der Chefetage

Lianne Fravi und Bettina Plattner-Gerber haben gemeinsam das Buch „Wenn Paare Unternehmen führen“ (ISBN 978-3-466-30964-1) geschrieben. Darin enthalten sind unter anderem Ansätze zur Personalarbeit, die auch für Nicht-Paare vorteilhaft wären. Im Interview geben die beiden Autorinnen tiefere Einblicke.

Zwei Seiten einer Medaille, zwei Seiten des Umgangs mit Führungsaufgaben

Worin unterscheiden sich Führungspaare beim Umgang mit ihren Mitarbeitenden von Nicht-Paaren?

Fravi: Führungspaare sind in Sachen Beziehungsmanagement oft im Vorteil, da sie sich durch das gemeinsame Leben und Arbeiten in einem permanenten Kommunikations- und Beziehungstraining befinden. Da für diese Paare die Entwicklung von guten Beziehungs- und Problemlösungskompetenzen elementar wichtig sind, sind sie hoch sensibilisiert für das Thema Beziehungsgestaltung und wissen um die Wichtigkeit einer gelungenen Kommunikation und eines sorgfältigen Umgangs mit wichtigen Bedürfnissen. Die Gestaltung von guten Beziehungen zu den Mitarbeitenden ist in der Führung ein großer Erfolgsfaktor, wenn nicht sogar ein echter Wettbewerbsvorteil.

Plattner-Gerber: Das Führungspaar hat die Beziehungsperspektive naturgemäß stark im Auge. Da das gute Beispiel auch im paargeführten Unternehmen das beste und wirksamste Führungsinstrument darstellt, ist das Paar in seiner Vorbildfunktion besonders gefordert. Das Paar lebt als Führungsduo mit einer optimalen Gestaltung seiner Beziehung und mit einer gelungenen Kommunikation im Unternehmen den Mitarbeitenden seinen Beziehungsstil vor und ist somit ein entscheidendes Modell für alle Beteiligten. Da das Führungspaar durch die Tatsache, dass es auch privat liiert ist, immer mit einer gewissen Neugier beobachtet wird, steckt darin eine große Chance aber auch ein gewisses Risiko.

Ihrem Buch zufolge scheint dies vor allem eine Frage der Kommunikation zu sein – stimmt der Eindruck?

Plattner-Gerber: Die Kommunikation ist in der Mitarbeiterführung wie in der privaten Beziehungsgestaltung der Schlüssel zu Erfolg und Glück. Eine gute Kommunikation gekoppelt mit einer guten Beziehung ist die Basis für Höchstleistungen im Unternehmen. Kommunikation findet immer und überall und in jedem Moment statt. Wenn das Unternehmen das Getriebe ist, dann ist die Kommunikation sozusagen das Öl im Getriebe. Ohne wirksame Kommunikation bleibt alles stecken, es gibt Missverständnisse und die Dinge gehen nicht voran. Die Folge davon ist Frustration, Ineffizienz, Freudlosigkeit, mangelnde Motivation, fehlende Identifikation mit dem Unternehmen und schlussendlich finanzieller Misserfolg.

Fravi: Ihr Eindruck stimmt: Die gute Kommunikation ist die Grundvoraussetzung sowohl für eine wirksame Führung als auch für eine glückliche Partnerschaft. Aus diesem Grund widmen wir diesem Thema auf beiden Ebenen, Partnerschaft und Unternehmen, auch die nötige Anzahl Seiten. Ein zentrales Element der Kommunikation ist z.B. die Unterscheidung von Wie und Was. Wie wir etwas sagen und was wir sagen, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Die meisten Konflikte entstehen nicht wegen dem Was sondern wegen dem Wie.

Welche Kommunikationsform ist Mitarbeitenden gegenüber denn die unternehmerisch bessere – die weibliche oder die männliche?

Plattner-Gerber: Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: Männer und Frauen sind einfach grundverschieden. Es gibt einfach ein weibliches und ein männliches System. Es ist uninteressant, die Systeme zu bewerten, denn weder das eine noch das andere ist besser oder schlechter. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile und es gilt, beide Systeme zu würdigen und ihre Vorteile zu nutzen. Der größte Unterschied zwischen den beiden Systemen liegt darin, dass das weibliche System eher die Beziehung in den Vordergrund stellt und das männliche eher die Sache. Die Frau stellt eher die Harmonie und das Wohlergehen zwischen den Menschen ins Zentrum, während der Mann sein Interesse mehr auf die Aufgabe richtet und sich erst danach um die Beziehungen kümmert. Letztendlich spielt die Frage, wieso das so ist, keine wichtige Rolle. Entscheidend ist, dass sowohl Männer als auch Frauen die Unterschiede nicht als Defizite bewerten. Unterschiede sind Quellen von Erfahrung und Wissen. 

Fravi: Wir sollten Kommunikation zwischen Männern und Frauen nicht grundsätzlich als etwas Schwieriges betrachten sondern uns diese zunutze machen. Dank den Unterschieden können Männer und Frauen nämlich viel voneinander lernen. In der Unternehmensführung taugt die weibliche als auch die männliche Kommunikationsform gleichermaßen und die Kombination von beiden trägt erheblich zum Erfolg bei, besonders wenn beide Partner die Unterschiede nutzen, voneinander lernen und je nach Situation das eine oder andere zum Zuge kommen lassen.

Das Paar-Konzept beschert doppeltes Know-how und beeinflusst die Kommunikation

Die Bedeutung unterschiedlicher Charaktere wird bei einem Ihrer Beispiele, der Familie De Coi (Seite 341 ff), sehr anschaulich gezeigt. Deutet das aus Ihrer Sicht darauf hin, dass Führung, egal auf welcher Ebene, idealerweise zweigeschlechtlich sein soll?

Fravi: Aus unserer Sicht ist zweigeschlechtliche Führung ein Führungsmodell mit vielen Vorteilen, vorausgesetzt dass sich das Führungspaar in einer positiven Entwicklung befindet. Abgesehen vom Nutzen der individuellen Fähigkeiten und Ressourcen zeigt sich der Mehrwert auch in konkreten Marktvorteilen. Da Paare, die gemeinsam ein Geschäft aufbauen und führen, alles auf eine Karte setzen, sich in besonders hohem Maße engagieren und identifizieren und eine hohe Bereitschaft haben, Ausdauer zu zeigen und auch Durststrecken zu überstehen, sind sie z.B. im Kontakt mit potentiellen Geldgebern im Vorteil.

Plattner-Gerber: Das Paarkonzept bedeutet außerdem doppeltes Know-How und die Verteilung der finanziellen Risikoabsicherung auf zwei sich sehr loyal gegenüberstehende Menschen. Das von Außen erkennbare Bekenntnis eines Führungspaares stärkt den Glauben von externen Partnern an den Erfolg des Unternehmens und auch das Produkt selber wirkt besonders glaubwürdig, wenn ein Paar oder sogar eine ganze Familie dahinter steht.

Sie machen darauf aufmerksam, dass führende Paare meist eine eigene Sprache entwickeln (müssen). Auch hier die Frage: Wie kommt das bei den Mitarbeitenden an? Oder gibt es dafür eine „Zweitsprache“?

Plattner-Gerber: Damit ist nicht eine „Zweitsprache“ gemeint, welche die Mitarbeitenden nicht verstehen. Die Sprache zwischen einem Paar ist einfach sehr wichtig, weil sich darin die Beziehung spiegelt und jeder Weg zur Klärung eines Problems über die Sprache führt. Wenn ein Paar seine eigene Sprache entwickelt, heißt das, dass die Partner jederzeit wissen, wie etwas gemeint ist. Durch die Art und Weise, wie wir etwas sagen, beeinflussen wir das Verhalten und die Reaktion des Gegenübers. Ein eingespieltes Paar weiß um die Befindlichkeiten, Stärken und Schwächen des Partners und kann durch die Sprache ein wohlwollendes (oder eben feindliches) Klima schaffen. Es ist wie das berühmten Sprichwort „c’est le ton qui fait la musique“ es sagt.

Sehr früh im Buch betonen Sie, wie wichtig es ist, dass Führungsgemeinschaften sich ihrer Unterschiede bewusst sind und dies in eine Stärke umwidmen. Ist dieses Prinzip auch auf andere Hierarchieebenen übertragbar?

Fravi: Die individuellen Unterschiede der Partner in einer Führungsgemeinschaft oder von Mitarbeitenden im Team fordern uns heraus und machen die Kommunikation oft so anspruchsvoll. Vorausgesetzt dass die Unterschiede nicht fachliche und menschliche Anforderungen betreffen und mangelnde Qualifikation bedeuten, sollten sie nicht grundsätzlich als etwas Schwieriges und als Defizite sondern als Ressource betrachte werden. Dies kommt der Führungsarbeit sehr zugute und gilt auf allen Hierarchieebenen.

Paare zeigen größere Loyalität und Solidarität in der Krise

Darf ein HR-Verantwortlicher die geschlechtsspezifischen Unterschiede überhaupt en Detail entwickeln und ins Spiel bringen? Könnte man das nicht als diskriminierend betrachten?

Plattner-Gerber: Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen. Männer und Frauen sind gottseidank grundverschieden. Das macht unser gemeinsames Leben ja so reich und aufregend. Wenn ein HR-Verantwortlicher die Unterschiede nicht wertet und seine Ausdrucksweise im Griff hat, darf er sie gerne ins Spiel bringen. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede werden ja in Fachkreisen und auch öffentlich oft thematisiert. Diskriminierend können sie nur in einem wertenden Umfeld wirken. Die Tatsache, dass jemand sich vor Diskriminierung fürchtet, ist bereits ein Hinweis darauf, dass er das eine oder andere (vermutlich das weibliche) System als minderwertig betrachtet und die Unterschiede bewertet.

Sie schildern am Beispiel und mit Aussagen der Familie Weißbrod (Seite 195) den Umgang des Führungspaares mit einer unternehmerischen Krise. Man könnte das so verstehen, als verfügte ein Paar über eigendynamische Kräfte und Optionen, die eine Lösung der Krise leichter machen als in einem herkömmlichen Führungsteam.

Plattner-Gerber: Im Vergleich zu einem Managementteam ist das Unternehmer- oder Führungspaar auch privat ein Paar. Dies führt zu einer großen Loyalität und Solidarität. Das Paarsystem bildet so eine Zweck- und Schicksalsgemeinschaft. Das Wissen um dieses Risiko motiviert das Paar, dazu auch in herausfordernden Situationen möglichst aktiv und lösungsorientiert zu handeln.

Fravi: Durch diese enge Verknüpfung haben solche Unternehmen auch einen bedeutenden Vorteil gegenüber Unternehmen, die von Einzelpersonen geführt werden. So sind diese Unternehmen eben meistens volatiler, sprunghafter, wechselhafter. Eine weitere Eigendynamik entsteht durch die Stabilität und Kontinuität, die in solchen Paarbeziehungen grösser sind als bei Unternehmen, die von Einzelpersonen geführt werden und in denen weder Partnerschafts- noch Familienstrukturen herrschen. Ein Manager mit einem kündbaren Arbeitsvertrag wird ein Unternehmen rascher verlassen als ein eingebundenes Familienmitglied.

Und wie groß ist das Risiko, dass sich private Krisen zu Unternehmenskrisen entwickeln?

Plattner-Gerber: Eine Beziehungskrise bringt ein emotionales Risiko für das Paar und ein finanzielles Risiko für das Unternehmen mit. Dessen müssen sich Paare, die dieses Arbeits- und Lebensmodell leben oder umsetzen möchten, auch bewusst sein. Hilfreich ist, wenn das Paar im Unternehmen professionelle Strukturen mittels ein Managementsystem sichergestellt. Weiter sollte sich ein Paar, das sich für dieses Modell entscheidet, sich zum Beispiel einige wichtige Fragen stellen: Wie sieht die Sache aus, wenn man sich trennt? Und: Kann das Unternehmen auch bei einer Trennung weiterexistieren? Eine Außensicht kann eine gutfundierte Drittmeinung und neue Impulse bringen. Dem Austausch mit unabhängigen Drittpersonen sollte ein Paar daher besonders positiv gegenüberstehen.

Zum Schluss ein Perspektivwechsel: Paare unter den Mitarbeitenden – dürfen die in einem paargeführten Unternehmen (oder Unternehmensbereich) darauf hoffen, dass ihr Paar-Talent besser erkannt und entwickelt wird?

Fravi: Wenn ein Mitarbeiter-Paar in einem Unternehmen arbeitet, wäre es zu hoffen, dass das Paar-Talent vom Unternehmerpaar erkannt und weiterentwickelt wird. Dies unter der Prämisse, dass sich das Mitarbeiter-Paar dies auch so vorstellen kann und sich Gelegenheiten dazu bieten im Unternehmen.

Zur Person:

Lianne Fravi, geb. 1968, ist Psychologin mit eigener Praxis in Affoltern bei Zürich. 2001 gründete sie mit ihrem Mann das Beratungsunternehmen Fravi AG – Für die Entwicklung von Menschen und Unternehmen, das beide zusammen seither als Führungsduo leiten.

Bettina Plattner-Gerber, geb. 1964, ist Dipl.-Hotelière. Zusammen mit ihrem Mann hat sie 2010 die Plattner AG in Pontresina/St. Moritz gegründet und 2012 ein neues Konzept für Ferienwohnungen mit Dienstleistungen lanciert.