Potenziale von Hochsensiblen nutzen

7. Dezember 2015

Als Mitarbeiter im Unternehmen verfügen Hochsensible über wertvolles Potential. Dr. Michael Jack, Sprecher des Informations- und Forschungsverbunds Hochsensibilität, gibt im Interview Anregungen für den richtigen Umgang mit dieser Begabung.

Hochsensibilität zwischen „Begabung“ und „Störung“

Gibt es Erkenntnisse darüber, wie verbreitet Hochsensibilität genau ist - und wo?

Dr. Michael Jack: Nichts Genaues weiß man nicht. Elaine Aron, die das Konstrukt postuliert hat, spricht von 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung; diese Zahl will sie aus ihren Fragebögenforschungen haben. Meines Wissens nach hat niemand, der zum Thema geforscht hat, gesagt, dass die Zahl so nicht stimmt. Sie steht allerdings in einem gewissen Widerspruch zur subjektiven Wahrnehmung vieler Betroffener, die das Gefühl haben, „niemanden“ zu kennen, der so ist, wie sie. Prof. Peter Falkai von der Uniklinik München geht von ein bis drei Prozent aus. Es wird die These ventiliert, die meisten Hochsensiblen hätten ihre Sensibilität gut in ihr Leben integriert bzw. seien in der Lage, sie quasi zu „verstecken“; daher sei die von Aron genannte Zahl schon realistisch. Belastbare Zahlen gibt es aber nicht.

Muss man bei Hochsensibilität nach dem individuellen Grad der Ausprägung differenzieren?

Dr. Michael Jack: Das wissen wir auch nicht. Es gibt Aspekte, die dafür sprechen, namentlich dass manche HSP massive Probleme haben und andere nicht so sehr. Aber intuitiv würde ich eher sagen, dass es weder „fließende Übergänge“ noch unterschiedliche „Stärkegrade“ gibt; ich glaube, die unterschiedlichen Intensitäten, was Schwierigkeiten angeht, sind eher Folge unterschiedlich wirksamer Coping-Strategien bzw. bereits manifester Folgeprobleme und -erkrankungen. Das ist allerdings zugegebenermaßen halbe Spekulation.

Darf man Hochsensibilität wie eine Krankheit oder wie eine Behinderung einschätzen - auch hinsichtlich des Umgangs anderer mit betroffenen Mitmenschen?

Dr. Michael Jack: Wahrscheinlich nicht. Offizielle Position des Vereins ist, dass Hochsensibilität keine Behinderung ist, sondern ein wertneutral zu beschreibendes Temperamentsmerkmal, das Vor- und Nachteile mit sich bringt. Manche betrachten Hochsensibilität als „Begabung“; das halte ich für – so gerade eben – vertretbar, mache mir das aber nicht zueigen. Denn ich glaube ähnlich sinnvoll wäre es, beispielsweise das „Frau-sein“ als „Begabung“ zu betrachten. Natürlich können Frauen Dinge, die Männer nicht können, und umgekehrt. Aber da spricht man dann auch nicht von einer „Begabung“ der Frauen oder Männer.

Fühlen sich manche Betroffene nicht gleichwohl behindert oder belastet?

Dr. Michael Jack: Ich gebe zu, dass so mancher Hochsensibler einen erheblichen Leidensdruck aufgrund der eigenen Sensibilität zu haben scheint, was einen schon gelegentlich zu der Frage führt, ob man nicht doch von einer Behinderung sprechen sollte. Trotzdem würde ich das verneinen, weil man erstens Folgeprobleme aufgrund nicht angepasster Lebensweise nicht mit Hochsensibilität selbst verwechseln sollte, und weil zweitens meines Erachtens nicht unter der Sensibilität selbst gelitten wird, sondern darunter, dass es anscheinend – oder scheinbar? – so wenige andere Hochsensible gibt.

Rücksicht bei der Gestaltung von Arbeitsbedingungen lohnt sich

Versuchen Sie als Verein, um Verständnis für Hochsensible zu werben?

Dr. Michael Jack: Nein. Zum einen glaube ich, dass das insofern nicht wirklich sinnvoll ist, als dass nicht-Hochsensible selbst mit gutem Willen kaum werden nachvollziehen können, welche spezifischen „grievances“ Hochsensible haben. Zweitens ist das meines Erachtens auch ein bisschen viel verlangt, weil Hochsensible nun mal eine Minderheit und nicht-Hochsensible die Mehrheit sind. Drittens sehe ich die Gefahr, dass Hochsensibilität als Machtinstrument etwa in einer Beziehung missbraucht wird. Ich bin auch schon der Versuchung erlegen, meine Hochsensibilität als Entschuldigung oder Ausrede zu benutzen; meiner Erfahrung nach erlebt man da ganz schnell ganz furchtbar Schiffbruch.

Lohnt es sich, bei der Schaffung der Arbeitsumgebung auf die Bedürfnisse der Hochsensiblen Rücksicht zu nehmen?

Dr. Michael Jack: Es lohnt sich aus meiner Sicht aus zwei Gründen, auf die Bedürfnisse Hochsensibler in der Gestaltung der Arbeitsbedingungen Rücksicht zu nehmen. Zum einen hat ein Arbeitgeber ein ganz selbstverständliches Interesse daran, dass die Mitarbeiter nicht krank werden bzw. optimal arbeiten können; und Hochsensible bringen potenziell wichtige spezifische Beiträge in Arbeitsprozessen. Zweitens glaube ich, dass Hochsensible eine Indikatorfunktion haben können: Wenn es ihnen nicht gut geht, ist irgendwo im Unternehmen „der Wurm drin“, was die anderen vielleicht nicht (sofort) merken, was sich aber doch in geringerer Arbeitsproduktivität etc. niederschlagen kann.

Müssen Arbeitgeber auch Schutzmaßnahmen ergreifen?

Dr. Michael Jack: Ob und inwieweit Schutzmaßnahmen erforderlich sind, lässt sich nicht generell sagen, auch weil Hochsensible auf ganz unterschiedliche Reize stark reagieren. Ich fände es gut, wenn eine Unternehmenskultur herrschte, in der Mitarbeiter gegenüber Führungskräften offen kommunizieren, wenn sie etwas an den Arbeitsbedingungen irritiert, und die Vorgesetzten sich bemühen, eine akzeptable Lösung für dieses Problem zu finden, wenn das mit vertretbarem Aufwand möglich ist. Wenn Sie ein plakatives Beispiel haben wollen: Großraumbüros zum Beispiel hielte ich tendenziell nicht für eine besonders gute Idee. Es gibt aber mit Sicherheit HSP, die ganz hervorragend in einem Großraumbüro arbeiten können.

Welche Aufgaben müssen Personalverantwortliche hier übernehmen?

Dr. Michael Jack: Der perfekte Vorgesetzte würde wissen, dass irgendetwas grundlegend schief läuft, wenn es HSP im Unternehmen nicht gut geht. Daher würde er allgemein darauf achten, wie es den Mitarbeitern geht, und unter Umständen aktiv abfragen, ob es Probleme oder Störungen gibt, um deren Wurzeln und Ursachen zu finden und entsprechend zu reagieren. Das ist allerdings viel verlangt. Insofern wäre es schon gut, was nicht selbstverständlich ist, wenn eine Unternehmenskultur herrschte, in der Mitarbeiter das Gefühl haben, sie können mit konkreten „Empfindlichkeiten“, also Umständen, die sie nervlich belasten, an Vorgesetzte herantreten, die dafür grundsätzlich auch Verständnis haben und sich bemühen, das Problem abzustellen oder zu lindern.

Hochsensible bringen rare Talente mit an ihren Arbeitsplatz

Wo bestehen Risiken am Arbeitsplatz?

Dr. Michael Jack: Angeblich sind Hochsensible „gute“ Mobbingopfer, auch weil sie mitunter eine Tendenz zum Rückzug aus der Arbeitsgruppe haben. Daneben suchen viele Hochsensible, so liest man, einen besonderen Sinn in ihrer Tätigkeit und leiden stark, wenn sie diese Empfindung nicht erfüllt. Nervliche Überlastung kann auf Dauer psychosomatische Erkrankungen und eine Erschöpfungsdepression oder einen Burnout hervorrufen. Das gilt ein Stück weit für jeden Arbeitnehmer. Die Betonung liegt auf „ein Stück weit“.

Was sind die schlimmsten Fehler oder Nachlässigkeiten, die Kollegen oder Vorgesetzte gegenüber Hochsensiblen begehen können?

Dr. Michael Jack: Der schlimmste Fehler ist aus meiner Sicht, artikulierte Irritationen nicht ernst zu nehmen, eventuell hierauf gar mit Unwillen zu reagieren oder sogar sie lächerlich zu machen. Das ist ein Königsweg, um den HSP zur „inneren Kündigung“ zu bringen. Ansonsten sollen Hochsensible ein feines Gespür dafür haben und korrespondierend stark darunter leiden, wenn Ungerechtigkeiten geschehen. Vorgesetzte sollten also versuchen, „gerecht“ zu sein in Bewertungen etc.

Welche Talente und Fähigkeiten bringen Hochsensible mit, die sie für besondere Aufgaben oder Berufsbilder befähigen?

Dr. Michael Jack: Hochsensible sollen ein feines Gespür für Details haben, gründlich und gewissenhaft sein. Man sagt ihnen Kreativität, eine Neigung zur Meta-Perspektive und Sachorientierung nach. Schließlich würde ich noch Empathie als besondere Fähigkeit nennen. Wobei wir nicht genau wissen, ob Hochsensibilität automatisch mit besonderer Empathie einhergeht. Es gibt gute Argumente dagegen.

Wie stellen sich Hochsensible auf die Widerstände und Hürden ein, die ihnen ihre Umwelt und Mitmenschen entgegenbringen? Ist es empfehlenswert, offensiv zu kommunizieren, was im Einzelnen vorgeht?

Dr. Michael Jack: Es lässt sich nicht generalisierend sagen, wie Hochsensible mit einer widrigen Umwelt zurechtkommen. Es gibt da die unterschiedlichsten Strategien, Techniken etc. Tendenziell würde ich zur Minimierung der Exposition raten, was unangenehme Reize angeht. Ist das schwer möglich, muss der Betroffene selbst schauen, wie er zurechtkommt. Das klingt vielleicht etwas lahm, aber Techniken, die bei mir bzw. für mich funktionieren, müssen nicht jedem helfen; jeder sammelt seine eigenen Erfahrungen. Als von existenzieller Wichtigkeit sehe ich aber an, dass der betroffene Hochsensible weiß, dass er hochsensibel ist. Nur unter der Voraussetzung ist systematische Arbeit an den Schwierigkeiten möglich; sonst „wurschtelt man sich so durch“ und nutzt Potenziale zur Steigerung der Lebensqualität oder Arbeitsproduktivität nur unzureichend.

Ihr Rat im konkreten Fall?

Dr. Michael Jack: Ich empfehle, nicht die Hochsensibilität als solche zu kommunizieren, sondern nur konkrete, klar abgrenzbare Umstände zu nennen, die stören. Hierauf kann erstens konkret reagiert werden, zweitens muss man keine Debatte dahingehend führen, ob es Hochsensibilität überhaupt gibt. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, konkrete Grenzen zu kommunizieren und konkrete Wünsche zu artikulieren.

Info zur Person Dr. Michael Jack

Dr. Michael Jack vertritt den 2007 gegründeten Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V. gegenüber der Öffentlichkeit. Der Verein widmet sich dem Thema Hochsensibilität in Deutschland und in internationalen Kooperationen mit ausländischen Verbänden. Die Schwerpunkte der Arbeit liegen im Sammeln und Bereitstellen von Informationen, der Öffentlichkeitsarbeit, der Vernetzung forschender Wissenschaftler sowie der Unterstützung lokaler Aktivitäten. Weitere Informationen finden sich online unter http://www.hochsensibel.org/

investor relations