Produktivität hinter Gittern

Arbeitspflicht in deutschen Justizvollzugsanstalten ist mehr als nur organisierte Haftzeit. Als Dienstleister und Zulieferer sind die JVAs aktiv am Markt unterwegs.

JVAs positionieren sich als „verlängerte Werkbank“ für Privatwirtschaft

„Wir sind hauptsächlich als Zulieferer von Produkten für Industrie- und Handwerksbetriebe tätig. Für deren Fertigung erstellen und montieren wir Einzelteile und Baugruppen“, heißt es in der Selbstdarstellung des Unternehmens. Und weiter: „Für Privatkunden stellen wir zum Beispiel Gitter, Zaunanlagen oder Torbögen her aber auch Grills, Feuerkörbe und weitere Produkte.“ Klingt wie ein ganz normaler Handwerksbetrieb – und ist doch die Justizvollzugsanstalt Neumünster.

Verlängerte Werkbank steht im Knast

Im Fachjargon laufen derlei Angebote als „Unternehmerbetriebe“, als regelrechte Firmen also, die mit ihrem Angebot am Markt auftreten. Die andere Seite der Medaille sind die „Eigenbetriebe“, eine Hart Hauswerkstatt mit Schlosserei, Schreinerei, Schneiderei und dergleichen. Die Zugehörigkeit der Häftlinge zum einen oder anderen Betrieb regelt nicht nur die Qualifikation, sondern auch der jeweilige Haft-Status. Heißt: Je besser die Führung, desto anspruchsvoller ein möglicher Einsatz. Denn zu arbeiten gehört zu den Pflichten jedes Häftlings in Deutschland.

„Wir verstehen uns als verlängerte Werkbank und führen Lohnarbeiten aller Art durch“, wirbt die JVA Neumünster um Aufträge von Kunden, genauso wie die beiden anderen großen Anstalten in Schleswig-Holstein, Kiel und Lübeck. Zwischen 10 und 60 Mitarbeiter können dort für bestimmte Aufträge engagiert werden – die Ausführung erfolgt aber überwiegend innerhalb der Gefängnismauern unter der Aufsicht qualifizierter Meister oder Spezialisten. Im offenen Vollzug dagegen befinden sich Arbeitsplätze auch außerhalb der Gefängnismauern. Die Kundschaft reicht dabei von öffentlichen Betrieben wie Krankenhäusern oder Behördenkantinen über Gärtnereien und Obstbauern bis zu Verpackungs- und Möbelherstellern und Zulieferbetrieben der Automobilindustrie.

Freigänger erhalten Tariflohn

Insassen einer deutschen JVA sind grundsätzlich arbeitslosen- und unfallversichert. Für eine Arbeit als Freigänger außerhalb der Anstalt werden sie nach Tariflohn bezahlt. Davon erhalten sie aber während ihrer Haftzeit nur ein monatliches Taschengeld. Mehr als die Hälfte ihres Arbeitslohns wird angespart für den Tag der Entlassung – damit sie dann nicht mit leeren Taschen auf der Straße stehen.

Für die meisten der Inhaftierten, so entsprechende Berichte, ist zwar der Verdienst aus ihrer Arbeit das Wesentliche. Aber gerade jene, die sich wirklich Besserung vorgenommen haben, profitieren auch vom geregelten Tagesablauf und der Anerkennung, die sie durch ihre Tätigkeit erhalten. Vielfach waren es Defizite in diesen Bereichen, die den ursprünglichen Lebensweg zur schiefen Bahn haben kippen lassen.

Aus- und Weiterbildung soll Häftlingen verbesserte Berufsaussichten verschaffen

Um solchen Entwicklungen vorzubeugen oder sie frühzeitig zu korrigieren, sind die JVAs ihren Kunden nicht nur mit Arbeitskräften zu Diensten. Sie kümmern sich auch darum, dass vor allem jugendliche Insassen die widrigen Umstände für weitere Schritte in ihrer beruflichen Qualifikation nutzen. „Wir bilden aus“, heißt es in vertrautem Ton auf der Website der Schleswig-Holsteiner Anstalt: „Als Ausbildungsbetrieb halten wir für interessierte Inhaftierte insgesamt 9 Ausbildungs- beziehungsweise Umschulungsplätze vor. Daneben sind bis zu 14 Arbeitsplätze für die allgemeinen Produktions- und Dienstleistungsbereiche vorhanden. Der Ausbildungs- und Produktionsbetrieb in unserer knapp 600 Quadratmeter großen Werkhalle wird durch einen Meister sowie ausgebildetes Fachpersonal geleitet.“

Schulabschlüsse nachholen

Aus- und Weiterbildung gibt es im Rahmen von Resozialisierung aber auch für jene, die schon einen Beruf erlernt haben oder fehlende Qualifikationen nachholen wollen. So unterbreitet die Justizvollzugsanstalt Burg in Sachsen-Anhalt ihren Gefangenen verschiedene schulische und berufliche Bildungsangebote. „Es stehen Räumlichkeiten für die Durchführung theoretischen Unterrichts und für EDV-Schulungen zur Verfügung“, heißt es in der Selbstdarstellung. Unter anderem ist es für die Häftlinge möglich, einen Haupt- oder Realschulabschluss nachzuholen, wenn ihnen ein solcher Abschluss bislang verwehrt war. Die JVA arbeitet hier mit der Volkshochschule Magdeburg und Honorarlehrern zusammen.

In zahlreichen JVAs ist zum Beispiel auch das „bfw –Unternehmen für Bildung“ als Partner unterwegs. Das bfw plant und setzt als externer Dienstleister Maßnahmen der beruflichen Bildung und Wiedereingliederung für Erwachsene, Frauen und Jugendliche in den Justizvollzugsanstalten und Jugendanstalten (JA) um. Von der Eingangsdiagnostik bei Haftantritt über Analyse- und Orientierungsseminare und einer soliden beruflichen Qualifikation oder Umschulung bis hin zu einem professionellen Übergangsmanagement erstreckt sich die Bandbreite der Angebote während und nach der Inhaftierung. Offenkundig mit Erfolg: In der JVA Brandenburg/Havel etwa qualifizierte das bfw in den letzten zwölf Jahren 67 Häftlinge mit einer Quote von 100 Prozent. 52 bestanden ihre Abschlussprüfung zum Hochbaufacharbeiter, 15 sind nun ausgebildete Maurer.

Wissensvermittlung hilft Persönlichkeit bilden

Dahinter steckt aber noch mehr: „So anspruchsvoll und vielfältig wie im Strafvollzug ist pädagogische Arbeit nirgends. Wissensvermittlung ist hier mit Persönlichkeitsbildung untrennbar verbunden. Wer Lesen und Schreiben lernt, erwirbt das Selbstbewusstsein, Konflikte demnächst mit Worten auszutragen.“ So argumentieren die JVA-Werkstätten des Landes Brandenburg auf ihrer Website www.meisterhaft-brandenburg.de. Weiter heißt es: „Wer seinen Haftalltag durch Ausbildung oder Arbeit strukturiert, wird auch nach seiner Haftentlassung nicht am Frühaufstehen scheitern oder am Arbeitsplatz schlapp machen.“

Anders als es das Bundesgesetz regelt, haben die Brandenburger die allgemeine Arbeitspflicht in ihren JVAs aufgehoben. Arbeit werde nun wie alle Behandlungsmaßnahmen gezielt in Form von Arbeitstherapie und Arbeitstraining bei solchen Gefangenen eingesetzt, „die dieser Maßnahme zur Rückfallverhinderung bedürfen“. Daneben trete die auf Antrag oder mit Zustimmung der Gefangenen zugewiesene Arbeit, die keine spezifische „behandlerische“ Zielsetzung hat und dem Gelderwerb dient. Die Ergebnisse – vom Schlafanzug übers Büromöbelsystem bis zum Kerzenständer – lassen sich dann unter anderem im gemeinsamen Online-Shop der Anstalten unter der Marke „meisterhaft“ erwerben.

Was steht im Lebenslauf?

Dennoch: Wie der Blick in einschlägige Internetforen zeigt, tun sich entlassene Häftlinge schwer beim Berufseinstieg. Insbesondere eine Frage beschäftigt sie: „Wie gehe ich mit der Knastzeit im Lebenslauf um?“ Ihre Sorge ist, dass sie erst gar nicht zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden, wenn dieser Fakt in der Vita auftaucht. Sozialarbeiter und Berufsberater empfehlen daher oft, den jeweiligen Zeitraum als „persönliche Auszeit“ zu deklarieren und dann – „unbedingt“ – im Gespräch die Wahrheit auf den Tisch zu legen. Zusammen mit einer günstigen Sozialprognose und der nachgewiesenen Qualifikation bestünde dann wenigstens eine Grundchance, berücksichtigt zu werden.