Recruiting Workshops kommen der Job"Realität sehr nahe

24. April 2013

Die Frage „Wer hat"s erfunden?“ wird sich nicht mehr präzise klären lassen. Aber eins steht fest: Es war ein kluger Kopf, dem die Theorie in zahlreichen Assessment Centern zu viel wurde und der beschloss, der Angelegenheit einen Dreh ins Praktische zu geben. Inzwischen gehören „recruitment workshops“ zum guten Ton bei der Auswahl künftiger Nachwuchskräfte fürs Unternehmen.

Konkrete Aufgaben machen den Bewerbern Appetit

30 von 600 Bewerbern erschienen den Personalverantwortlichen bei Bain & Company gut genug, um sie einem Härtetest zu unterziehen. Genannt hat die Managementberatung das Ding allerdings vielversprechend. In der Einladung stand „Bainworks“, das Unternehmen sprach vom „Top-Recruiting-Event“ und die Reise ging nach Istanbul. Dort sollten die ausgewählten Studentinnen und Studenten eine Vertriebsstrategie für einen weltweit tätigen Konsumgüterhersteller entwickeln.

Ziel der Übung, erstens: In einem praxisnahen Umfeld lernten die Teilnehmer sowohl die Arbeitsweise einer Managementberatung kennen als auch die besondere Kultur von Bain erfahren. Ziel der Übung, zweitens: Bain wollte neue Leute mit Potenzial kennenlernen.

Bewerber hungrig gemacht

Die praxisnahe Aufgabe – warum verkauft ein Süßwarenhersteller in einem Lebensmittelladen ein bestimmtes Produkt deutlich häufiger als in einem anderen und das, obwohl die zwei Läden nicht weit voneinander entfernt und demographisch vergleichbar sind – war anspruchsvoll. Gleichwohl scheint sie den Hunger der Kandidaten angeregt zu haben.

„Die hohe Bewerberzahl zeigte uns schon früh, dass an diesem, der Berater-Realität sehr nahe kommenden Veranstaltungsformat großes Interesse besteht", sagt Michael Staebe, Partner bei Bain & Company in München und verantwortlicher Recruiting-Partner. „Doch die überragenden Arbeitsergebnisse der Teams und das durchweg enthusiastische Feedback der Teilnehmer haben uns überrascht.“

Profis suchen mit Nachwuchs nach praktischen Lösungen

Auch andernorts gewinnt das Verfahren rasch Anhänger, zum Beispiel bei der Suche nach dem vielgefragten Ingenieurnachwuchs: Das „Collège des Ingénieurs“ (CDI) in München hatte zum Beispiel Ende März vier große Unternehmen zu einem Workshop mit 40 jungen Ingenieuren des Collèges und der Stiftung der Deutschen Wirtschaft eingeladen. Sechs Manager von Siemens, Airbus, Henkel und Oetker gingen dabei unter Anleitung des anerkannten Coaches Hervé Baratte mit dem Ingenieur-Nachwuchs auf die Suche nach Lösungen zu realen Problemen der Unternehmen.

Die konkrete inhaltliche Arbeit in einem zwanglosen Ambiente erlaubte ihnen ein Recruiting „nebenbei“: Die Manager konnten auf die eigene Firma aufmerksam machen, jungen Talenten bei der Arbeit zusehen und gleichzeitig einen konkreten inhaltlichen Nutzen aus der Veranstaltung ziehen. Einige Teilnehmer wurden direkt im Anschluss zur Präsentation ihrer Ideen in die Unternehmen eingeladen.

Kreativität wird kanalisiert

Ziel der Workcamps ist es nach Angaben des CDI, die Kreativität der neuen Generation effektiv zu kanalisieren und sie für die Herausforderungen der Unternehmen zu nutzen. Es habe sich bereits beim ersten Mal gezeigt: Der Blick der jungen Talente von außen sei für die Unternehmen äußerst anregend gewesen. „Die Manager waren von den Ideen des Nachwuchses begeistert und wollen einige davon in ihren Firmen weiterentwickeln“, berichten die Veranstalter.

Beispiele dafür seien biologisch abbaubare Verbundwerkstoffe, Brandschutz als Contracting-Modell, individualisierte Sitze im Flugzeugbau oder Batterien als Anlagemodell. Vasco Szymanski, Geschäftsführer des Collège, zum Workcamp: „Wir sind es gewohnt, dass unsere Talente in den Unternehmen an spannenden Themen arbeiten. Es ist aber wirklich etwas Besonderes, ihnen und Managern verschiedener Unternehmen drei Tage lang über die Schulter zu schauen.“

Anspruchsvolle Agenda für mehrere Tage

Auch Bain konfrontierte die Teilnehmer mit einer anspruchsvollen Agenda, die sich aus Workshop-Modulen, Vorträgen, Team-Präsentationen und diversen Ladenbesuchen zusammensetzte. Einzelgespräche sowie Rückmeldungen in der Gruppe hinsichtlich der Performance sowie Gespräche mit Bain-Mitarbeitern über den Einstieg und die Karrieremöglichkeiten kamen dazu. Für die Möglichkeit zum besseren Kennenlernen sorgten zwischen den Arbeitsmodulen Sight-Seeing-Programme und ein attraktives Abendprogramm.

Staebe hält das Vorgehen für alle Beteiligten für wertvoll: „Von einem derart konzipierten Workshop profitieren beide Seiten, denn die Teilnehmer konnten ihrerseits und on-the-job ihr Faible und ihre persönliche Eignung für die Managementberatung ausloten. Und wir haben einige hochinteressante Kandidaten für uns entdeckt.“

Stärken gezielt abrufen

Noch einen Schritt weiter ging die Beraterkonkurrenz bei McKinsey. Dort bot man schon Anfang 2012 einen entsprechenden Workshop nur für Frauen an. Während der dreitägigen Veranstaltung tauschen sich die Teilnehmerinnen mit CEOs und Führungspersönlichkeiten aus ganz Europa aus. Während der Veranstaltung lernten die jungen Frauen, wie sie ihren persönlichen Führungsstil entwickeln und ihre Stärken gezielt einsetzen. Gemeinsam mit erfahrenen McKinsey-Beraterinnen aus unterschiedlichen Ländern erarbeiteten sie in einer praxisnahen Fallstudie Konzepte, die einem Wirtschaftsunternehmen konkret helfen könnten.

Auch wenn die Beratungsgesellschaften dank ihrer Internationalität und der Bandbreite der Themen im Moment noch bei den Recruiting-Workshops die Nase vorn haben, steht die Möglichkeit dazu längst auch Unternehmen anderer Branchen offen – auch denen kleinerer und mittlerer Größe. Allen voran bedienen die einst „Fachhochschulen“ genannten und nun als „Hochschulen für angewandte Wissenschaften“ apostrophierten Institute den Bedarf nach größtmöglichem Praxisbezug im Annäherungsfeld zwischen Lernen und Arbeiten.

Hochschulen liefern intensiven Praxisbezug

Das Klinikum Landkreis Tuttlingen etwa ist seit 2009 in das Lehrkonzept des Hochschulcampus Tuttlingen involviert. Studierende der Medizintechnik erhalten dort im Rahmen von Vorlesungen und Praktika Einblicke in den Klinikalltag. Im Fokus steht die Anwendung medizinisch-technischer Geräte. Ob die Ausstattung eines Operationsaals, bildgebende Verfahren, Hygiene- und Sterilregeln für ein Operationsteam, Stents oder Instrumente, auch für minimalinvasive Verfahren: Die Verantwortlichen des Klinikums und die Professoren sind sich einig, dass das Vorführen dieser Technologien und Maßnahmen elementarer Bestandteil eines Medizintechnik-Studiums sein muss.

„Die Studierenden sehen so, auf was es im Klinikalltag ankommt. Sie erfahren, welche Geräte welche Anforderungen an den Praxisalltag stellen. Als angehende Medizintechniker sind sie später möglicherweise die Experten, die hier etwas optimieren“, meint Corinna Stier, Assistentin der Geschäftsleitung. Professor Dr. Kurt Greinwald, Dekan der Fakultät Industrial Technologies, erklärt: „Diese Kooperation ermöglicht unseren Studierenden die Variantenvielfalt der Gerätetechnik für die Medizin live zu sehen und ein Gefühl für die speziellen Belange dieses Umfelds zu entwickeln“. Pro Semester schult das Klinikum acht Studierende wöchentlich über einen Zeitraum von elf Wochen – und lernt dabei intensiv mögliche Mitarbeiter von morgen kennen, denen ihr künftiger Arbeitgeber dann vom ersten Tag an bestens vertraut ist.

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