„Selbstmotivation erwächst aus Sinn, nicht aus Spaß“

Im Interview erläutert Dr. Christine Sasse, Vorstand Human Resources/Organisation der Dr. Sasse AG, wie ein Unternehmen davon profitiert, schon frühzeitig mit der Entwicklung von Mitarbeitern zu beginnen. Und sie weist darauf hin, dass es entscheidend ist, Mitarbeiter von Fremdmotivation wie Geld oder anderen äußeren Anreizen unabhängig zu machen.

m Interview erläutert Dr. Christine Sasse, Vorstand Human Resources/Organisation der Dr. Sasse AG, wie ein Unternehmen davon profitiert, schon frühzeitig mit der Entwicklung von Mitarbeitern zu beginnen.

Welche Argumente sprechen aus Ihrer Sicht dafür, schon bei Azubis mit der Personalentwicklung zu beginnen?

Sasse: Ganz einfach – Personalentwicklung soll für den Betrieb die passenden Mitarbeiter zur passenden Zeit mit den passenden Kenntnissen und Fähigkeiten planen und bereitstellen. Man muss also jeden Mitarbeiter – auch einen Azubi – schon vom ersten Tag an unter der Perspektive betrachten, wo er vielleicht in zwei oder drei Jahren gebraucht werden könnte. Dieser Ansatz erlaubt es uns auch, den jungen Leuten Dinge beizubringen, die für unser Unternehmen wichtig sind, aber über den normalen Ausbildungsplan hinausgehen. Facility Management ist eine personalintensive Dienstleistung, da gehört es mit dazu, auch soziale Kompetenzen zu entwickeln und den Umgang mit Menschen zu lernen.

Welche Form der Motivation kommt bei Nachwuchskräften am besten an, welche zeigt die nachhaltigste Wirkung?

Sasse: Motivieren kommt von dem lateinischen Wort movere und heißt so viel wie „in Bewegung halten“. Wir halten unsere Mitarbeiter in Bewegung durch das Einfordern von Ergebnissen und bieten ihnen dabei Unterstützung, diese Ergebnisse zu erreichen. Wir geben Nachwuchskräften eine Aufgabe, die sie fordert und die ihren Stärken gerecht wird; sie müssen Erfolge erzielen, auf die sie stolz sein können. Es ist entscheidend, Mitarbeiter von Fremdmotivation wie Geld oder anderen äußeren Anreizen unabhängig zu machen. Selbstmotivation erwächst aus Sinn, nicht aus Spaß.

Welche Rolle kommt dabei den Ausbildern und Führungskräften zu?

Sasse: Vorgesetze müssen ein Zielfoto in den Köpfen ihrer Mitarbeiter schaffen, das heißt, Unternehmensziele kommunizieren und bis auf die Ebene der operativ tätigen Mitarbeiter herunterbrechen. Sie müssen als Leitbilder ganz selbstverständlich und glaubwürdig transportieren, worauf es beim gemeinsamen Erfolg, bei der angestrebten Qualität ankommt. Sie müssen auch annehmen können, was ihre Azubis und Mitarbeiter an Fragen und Vorschlägen bringen. Genau deswegen legen wir so großen Wert auf soziale Kompetenz und bereiten die Auszubildenden schon darauf vor, eventuell selbst einmal Führungsverantwortung zu übernehmen.

Spielen Geld und Titel eine andere Rolle als bei älterem Personal?

Sasse: Das Geld muss stimmen, das ist die Basis. Junge Leute, die erst noch eine Familie gründen und ihr Leben aufbauen wollen, brauchen ein sicheres Einkommen. Aber es dient nicht als Impulsgeber. Titel sind erst einmal weniger wichtig. Aber als Leiter eines Teams eingesetzt und anerkannt zu werden, ist durchaus etwas, worüber man gerne spricht.

"Vorgesetzte müssen Zielfotos in den Köpfen ihrer Mitarbeiter schaffen."
Dr. Christine Sasse
Vorstand Human Resources/Organisation Dr. Sasse AG

Wo setzen Sie an? Welche anderen Impulse geben Sie jungen Leuten im Unternehmen?

Sasse: Wir versuchen ihnen klar zu machen, dass die Branche insgesamt und – aufgrund der besonderen Organisationsstruktur – die Dr. Sasse AG insbesondere gute Chancen im In- und Ausland bietet. Wir qualifizieren unsere Mitarbeiter und unterstützen sie dorthin zu kommen, wohin sie es vielleicht alleine nicht geschafft hätten. Selbst Mitarbeiter, die bei uns als Techniker oder Reinigungskräfte einsteigen, können in Positionen mit Führungsverantwortung aufsteigen. Nirgendwo sonst ist das so schnell realisierbar wie im Facility Management. Das ist noch viel zu wenig bekannt, warum wir es in der Branchen-Initiative Die Möglichmacher auch herausstellen, an der die Dr. Sasse AG von Anfang an beteiligt ist.

Wie und wo profitiert Ihr Unternehmen am meisten von dieser Denkweise?

Sasse: Wir haben eine Stammpersonalquote von über 80 Prozent. Das liegt deutlich über dem Durchschnitt einer Branche, in der man es nicht als Statussignal versteht, wenn einer sagt „Ich arbeite für Sasse“. Indem wir frühzeitig, also auch schon bei Auszubildenden, einen Weg durchs Unternehmen skizzieren und nachhaltig in Aus- und Weiterbildung investieren, gewinnen wir Planungssicherheit für Positionen, die mit Fachkräften besetzt werden. Das verhindert zwar nicht ganz, dass wir in den großen Ballungsgebieten auch den Fachkräftemangel zu spüren bekommen, aber es lindert die Folgen doch spürbar.

Auch Führungskräfte des Unternehmens beherrschen bei der Sasse AG die „Grundreinigung“. Welcher Gedanke steckt dahinter?

Sasse: Jeder Mitarbeiter mit Leitungsaufgaben muss wissen, wie genau und penibel gerade Einfacharbeiten geplant und gesteuert werden müssen. Sie müssen also selber erfahren haben und wissen, wie sich die konkrete Arbeit anfühlt. Hier soll Kommunikation für beide Seiten auf Augenhöhe möglich sein. Das hat mit Respekt für den Einzelnen zu tun, aber auch mit dem Wissen, dass einem keiner ein X für ein U vormachen kann. Die Mitarbeit in der Reinigung gehört bei uns fest zum Ausbildungsprogramm für alle Mitarbeiter, für Trainees genauso wie für Angehörige der HR-Abteilung. Auch unsere Töchter, die derzeit studieren und einmal in die Führung des Unternehmens einsteigen werden, haben nachts Busse oder am Flughafen Toiletten geputzt.