Senioren schließen Fachkraft-Lücken

1. April 2017

Ist die Wieder- oder Weiterbeschäftigung von Rentnern ein Weg zur Lösung des Fachkräftemangels? Entsprechende Potentiale sind erkannt, die Zielgruppe ist offenbar interessiert.

Rentner schließen Fachkraftlücken
  • Die Zahl der Beschäftigten, die im Ruhestand weiterarbeiten, wächst stark
  • Treibende Kraft ist weniger das Geld als die Freude an der Arbeit
  • Demografischer Wandel und Fachkräftemangel machen Senioren als Quelle fürs Personalmanagement attraktiv

Mit dem Eintritt ins Ruhestandsalter ist noch lange nicht Schluss mit Arbeiten. Diesen Schluss legen Zahlen nahe, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB in seinem Bericht 25/2016 vorgelegt hat.

  • Dem EU-Labour Force Survey (LFS) zufolge stieg zwischen 2002 und 2014 die Zahl der Erwerbstätigen im Alter von 65 Jahren und älter in der EU-15 um über 80 Prozent, in Deutschland sogar um fast 140 Prozent. Sie gehören mehrheitlich der Altersgruppe 65-69 an.
  • Die Erwerbstätigenquote der Altersgruppe 65-74 stieg im Länderdurchschnitt zwischen 2002 und 2014 von 5,2 auf 8,7 Prozent, in Deutschland von 4,2 auf 9,6 Prozent. Die Quote von Männern ist rund doppelt so hoch wie die von Frauen. Länderübergreifend arbeiten Senioren umso eher, je höher sie qualifiziert sind.
  • Die erwerbstätigen Senioren verteilen sich etwa hälftig auf selbständige und abhängige Tätigkeiten. In Deutschland liegt der Anteil der abhängig Beschäftigten etwas höher.

Zahl der arbeitenden Rentner wächst

Wie groß das Potential ist, aus dem Arbeitgeber hierzulande schöpfen können, die auf die Erfahrung und die Motivation älterer Arbeitnehmer setzen, hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft ermittelt. Den GDV-Erhebungen zufolge hatten 2015 ungefähr 665.000 der rund vier Millionen 65- bis 70-Jährigen noch einen Job – 300.000 mehr als im Jahr 2000. Damit hat sich der Anteil der Beschäftigten in dieser Altersgruppe von 8 auf 16,6 Prozent mehr als verdoppelt, wie eine exklusive Auswertung der Initiative „7 Jahre länger“ auf Basis von Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigt.

Spaß wichtiger als Geld

Der Zuwachs liegt nach Angaben des GDV nur zum geringen Teil an der schrittweisen Anhebung des Renteneintrittsalters. Rund 563.000 der arbeitenden Senioren waren im Ruhestand, 102.000 hatten die reguläre Altersgrenze noch nicht erreicht, die aktuell bei 65 Jahren und fünf Monaten liegt. „Für die meisten arbeitenden Rentner ist das Geld weniger wichtig. Spaß an der Arbeit und menschliche Kontakte stehen im Vordergrund, wie Studien zeigen. Die meisten haben auch darum nur eine geringfügige Beschäftigung“, heißt es in dem Bericht.

Regionale Unterschiede

Der Trend zum Altersjob verläuft der Analyse zufolge regional stark unterschiedlich: Im Bundesländer-Vergleich hat Baden-Württemberg mit 19,4 Prozent den höchsten Anteil arbeitender 65- bis 70-Jähriger. Schlusslicht im Ranking ist Sachsen-Anhalt mit 11,7 Prozent. Generell arbeiten im Osten (13,1 Prozent) weniger Rentner als im Westen (17,5 Prozent). Dafür ist die Beschäftigungsquote in den neuen Bundesländern vor allem seit 2010 überdurchschnittlich stark gestiegen: „In nur fünf Jahren hat der Anteil der älteren Arbeitnehmer hier um gut zwei Drittel zugenommen, im Westen nur um knapp 40 Prozent“, so der GDV.

Wirtschaftsstarke Regionen im Vorteil

Für die regionalen Unterschiede sehen die Beobachter vielfältige Gründe: Ein wichtiger Faktor ist in ihren Augen die Wirtschaftskraft. In starken Regionen gebe es generell mehr Arbeitsmöglichkeiten – und somit auch mehr Chancen für Ältere. Zudem setze ein Altersjob häufig ein Erwerbsleben bis zur Rente voraus, was in wirtschaftsstarken Gebieten eher der Fall sei. Dort hätten Rentner wegen der höheren Lebenshaltungskosten mitunter auch ein größeres Interesse an einer Arbeit. Zudem beeinflussten Pendler die Statistik: Sie treiben die Beschäftigungsquote in boomenden Städten nach oben, während sie in den angrenzenden Kreisen absinkt.

„Demografie-Tarifvertrag“ als Vorbild

Auch die Bundesregierung hat angesichts des Fachkräftemangels und der Arbeitsfreude älterer Mitarbeiter Handlungsbedarf erkannt. Man wolle Unternehmen und Beschäftigten beim Finden geeigneter Wege unterstützend zur Seite stehen, verspricht das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. In einer Broschüre „Fachkräftesicherung“, herausgegeben vom BMAS, heißt es: „Beispielgebend für eine zukunftsgerichtete Strategie, die sich an den demografischen Veränderungen in Betrieben und Branchen orientiert, ist der „Demografie-Tarifvertrag“ in der chemischen Industrie, der die längere Erwerbsbeteiligung von Älteren durch geeignete Maßnahmen sicherstellt und gleichzeitig Chancen für ein flexibles Ausgleiten aus dem Erwerbsleben eröffnet.“

Vielfach schon gelebte Praxis

Dass derlei in vielen Unternehmen schon praktiziert wird, brachte die Randstad-ifo-Personalleiterbefragung (LINK) im 4. Quartal 2016 an den Tag. Die Ergebnisse zeigten, dass ein Großteil der Unternehmen (63%) Mitarbeiter beschäftigt, die bereits Rente beziehen. Die meisten Firmen bieten den Rentner hierfür Minijobs (73%) an, weniger häufig beschäftigen sie die Ruheständler als Teilzeitkraft (29%), als freie Mitarbeiter (8%) oder anderweitig (8%, darunter beispielsweise Vollzeitkräfte).

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