Stehpulte bringen Bewegung ins Büro

Ist etwas dran an den Versprechen von mehr Gesundheit und mehr Produktivität beim Arbeiten am Stehpult? Etwas schon, aber vor übertriebenen Erwartungen sei gewarnt.

  • Arbeiten im Stehen gilt als gesünder und produktiver – aber beides trifft in Absolutheit nicht zu.
  • Erkennbare Wirkung entsteht durch eine Balance von Stehen und Sitzen sowie einem regelmäßigen Wechsel der Körperhaltung.
  • Erst wenn Bewegung mit ins Spiel kommt, lassen sich nachhaltige Effekte erzielen.

„Zwischendurch einmal aufstehen und einige Schritte gehen ist gut für den Rücken und fördert die Konzentration“, so die Aktion Gesunder Rücken e.V., die immer wieder mal mit guten Ratschlägen für ergonomisch vernünftiges Verhalten am Arbeitsplatz an die Öffentlichkeit tritt. Zum Beispiel damit: „Ein Wechsel zwischen Sitzen und Stehen während der Arbeit. Ein Stehpult oder ein Schreibtisch, der sich mit wenigen Handgriffen so verstellen lässt, dass er in beiden Positionen genutzt werden kann, ist dabei besonders förderlich.“

Sitzenbleiber haben es mit dem Rücken

Den „homo sedens“, den sitzenden Menschen, findet man vornehmlich in Büros und „Sitzungs“räumen, deren Zahl inzwischen größer ist als die von bewegungsintensiven Werk- und Produktionsstätten. Bevor gesundheitsbewusste Arbeitgeber nun zu ausgefeilten Bewegungsprogrammen greifen und ihre Mitarbeiter in Scharen über Gänge traben und Treppenhäuser erklimmen lassen, könnte eine simple Umstellung am Arbeitsplatz schon vieles zum Besseren wenden: das Stehpult. Zahlreiche Ergonomen sind der Überzeugung, dass das Aufrichten in die Vertikale zur optimierten Haltung bei der Arbeit führt und gleichzeitig typischen Arbeitskrankheiten wie Rückenschmerzen vorbeugt.

Echter Produktivitätsgewinn?

So haben sich Forscher an der Texas A & M University ein halbes Jahr lang das Arbeitsumfeld von Beschäftigten in Call Centern näher angesehen. Dabei wollen sie herausgefunden haben, dass Mitarbeiter an Arbeitsplätzen mit Sitz- und Stehoption um etwa 45 Prozent produktiver waren als solche an herkömmlichen Schreibtischen. Verbunden war dies mit einer beobachteten Verbesserung um etwa 23 Prozent im ersten Monat bis zu 53 Prozent im Verlauf der folgenden Monate.

Eher ein marginaler Effekt

Wegen der singulären Testumgebung und der Konzentration auf Berufsanfänger ernteten die Texaner reichlich Widerspruch aus der Fachwelt. Im Vergleich mehrerer anderer Studien zeigte sich, dass sich Stehpulte höchsten im marginalen Bereich förderlich auf die Produktivität auswirkten. Ein positiver Effekt sei allenfalls auf einem Umweg zugestanden, wo unbestrittene Wirkung nachzuweisen ist: jenen einer erhöhten Gesundheit.

Gesundheitliche Vorzüge…

„Arbeitsplätze, die in der Höhe verstellbar sind, haben zwar einige Vorzüge, aber sie haben wenig mit Produktivität zu tun“, kommentiert Lucas J. Carr, Assistant Professor in der Fakultät für Health & Human Physiology an der University of Iowa. Sowohl das Stehen als auch die Unterbrechung des Sitzens seien aber für die Gesundheit förderlich. „Stehen führt zu einem etwa 30 Prozent erhöhten Kalorienverbrauch gegenüber dem Sitzen“, führt er aus. Gleichzeitig habe sich gezeigt, dass es Verspannungsbeschwerden im Bewegungsapparat reduziere, Ermüdung und Steifigkeit vorbeuge sowie den Blutkreislauf anrege, „wenn man regelmäßig Pausen vom Sitzen unternimmt, indem man die Haltung verändert, aufsteht oder sich dehnt“.

… und Gegenanzeigen

Gleichwohl gebe es bei überlangem Stehen Effekte zu beobachten, die genau diese positive Wirkung konterkarieren. Carr warnte, dass Stehen über einen ausgedehnten Zeitraum seine eigenen Probleme erzeuge, darunter verstärkte Gelenkschmerzen, Schwellungen, eingeschränkte Beweglichkeit, Steifigkeit und Müdigkeit – siehe oben. Der wahre Zugewinn liege also dort, wo es uns gelinge, die rechte Balance zwischen Sitzen und Stehen zu finden und wir nicht übergroße Heilserwartungen in eine Einzellösung setzen.

Bewegung bringt Vorteile

„Auf und nieder – immer wieder!“ postuliert daher eingängig die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in einer Broschüre zum Thema. Sie knüpft an die bereits erschienene Publikation „Sitzlust statt Sitzfrust - Sitzen bei der Arbeit und anderswo“ an. Im Mittelpunkt steht das „dynamische Büro“, d. h., es finden sich grundlegende Informationen darüber, wie sich der Büroarbeitsplatz durch eine entsprechende Arbeitsorganisation sowie durch ein dynamisches Mobiliar bewegungsfreundlicher gestalten lässt.

Arbeitsabläufe müssen sich ändern

Analog zum anregenden Titel empfiehlt die BAuA den Lesern denn auch, „den Aufstand zu proben“. Sie zitiert dazu Erkenntnisse der Arbeitsmedizin, dass der Arbeitstag im Büro zu 50% sitzend und zu jeweils 25% stehend bzw. in Bewegung verbracht werden sollte. „Keine ganz leichte Übung,“ heißt es auf Seite 13, „die einige Veränderungen in den Arbeitsabläufen ebenso erfordert wie eine Gestaltung der Arbeitsplätze, die Bewegung auch ermöglicht.“ Um die Mitarbeiter aus dem Sitz zu reißen, zeigten aber kleine Tricks Wirkung wie:

  • Die Beseitigung der häufig benutzten Arbeitsutensilien aus dem Greifraum.
  • Der Drucker sollte entsprechend weit weg vom Schreibtisch positioniert werden.
  • Gleiches gilt für Fax und Kaffeemaschine.
  • Auch ein entfernt vom Schreibtisch – z. B. auf einem Stehpult – installiertes Telefon lässt je nach Kommunikationsbedarf reichlich Bewegung aufkommen.

Eines auf jeden Fall scheint sicher: Einer, der am Stehpult arbeitet – an dessen Stuhl kann sägen, wer da will. Er wird nicht mehr herunterfallen.