Der technologische Wandel der Arbeitswelt

Richard Jager

Der technologische Wandel der Arbeitswelt stellt uns vor neue Herausforderungen. Wie meistern wir sie erfolgreich?

Interview mit Richard Jager, CEO Randstad Deutschland

Herr Jager, wie stehen Sie der digitalen Transformation gegenüber?

R. J.: Die Art und Weise, wie Sie und ich unsere Arbeit erledigen, wird sich aufgrund der fortschreitenden  technologischen Transformation  verändern. Dieser Trend hält seit vielen Jahren an. Wir treten derzeit in eine Phase des beschleunigten Wandels ein. Alarmisten propagieren den Verlust von zahlreichen Arbeitsplätzen. Eine große Anzahl von Arbeitnehmern drohe überflüssig zu werden. Doch wenn es eine Sache gibt, die ich als CEO eines Unternehmens gelernt habe, dann ist es, in unübersichtlichen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren. 

Welche Folgen erwarten Sie für den einzelnen Arbeitnehmer?

R. J.: Ich bin überzeugt, dass der Stellenwert des einzelnen Menschen nie größer war. Sicherlich werden Roboter und automatisierte Systeme einige Aufgaben ersetzen, die momentan von Menschen übernommen werden. Aber jene Aufgaben, die Menschen jetzt und in Zukunft erledigen, werden für die Gesellschaft immer mehr an Bedeutung und Wirkungskraft gewinnen. Ich bin zuversichtlich, dass der Einfluss des Menschen in seiner Arbeit  zunehmen wird, anstatt abzunehmen. Um zu diesem Punkt  zu gelangen, an dem individuelle menschliche Kompetenzen ihren verdienten Stellenwert in unserer Arbeitswelt besitzen, müssen wir jedoch überdenken, welche Fähigkeiten Arbeitgeber benötigen und wie wir sie dabei unterstützen, Talente zu akquirieren.

Wie schätzen Sie den langfristigen Einfluss dieser Technologien auf die Beschäftigung ein?

R. J.: Seit 200 Jahren weckt die Technologie sowohl Hoffnung als auch Zukunftsängste. Dennoch sehen wir immer wieder, dass die Vorteile für die Gesellschaft die Nachteile überwiegen. Die OECD berichtet, dass der technologische Wandel und die Globalisierung für die Arbeitnehmer und den Arbeitsmarkt vielversprechend sind. Die OECD prognostiziert, dass 14% der Arbeitnehmer in der Industrie als direkte Folge der Automatisierung einem potenziellen Verlust ihrer Arbeitsplätze ausgesetzt sind. Es gibt jedoch zahlreiche Hinweise darauf, dass fortschrittliche Technologien die Gesamtbeschäftigung langfristig erhöhen. Im Randstad Bericht [email protected] 2019 betonen Arbeitsmarktexperten, dass die Technologie die Gesamtbeschäftigung voraussichtlich jährlich um rund 0,5% steigern und gleichzeitig die Zufriedenheit der Arbeitnehmer erhöhen wird. Darüber hinaus verspricht KI Lösungen für Probleme, die der Arbeitsmarkt nicht lösen kann. Das betrifft vor allem  den Ausgleich einer zunehmend alternden Belegschaft. So schätzt das Beratungsunternehmen McKinsey, dass die Automatisierung das Produktivitätswachstum weltweit jährlich um 0,8% bis 1,4% steigern könnte. Wenn wir diese neuen Technologien annehmen, müssen wir uns auf Veränderungen in unseren Rollen vorbereiten. Die OECD schätzt, dass sich 32% der Berufsbilder bald ändern werden. Dies wird unser Arbeitskonzept grundlegend verändern. Die Herausforderung, vor der wir stehen, betrifft den Umfang des Einsatzes von verschiedenen Tools und den Bedarf an zusätzlicher menschlicher Intelligenz. 

Was ist Ihrer Meinung nach der Schlüssel für eine erfolgreiche und gerechte Arbeitswelt? 

R. J.: Um das Potenzial der technologischen Innovation zu realisieren, benötigen wir übergreifende  Qualifizierungs- und Umschulungsmaßnahmen sowie einen Plan zur Förderung von Talenten. Damit Technologie für alle funktioniert - sodass Fachkräftemangel, Massenarbeitslosigkeit und wachsende Ungleichheit vermieden werden - müssen Unternehmen die Mitarbeiter aktiv bei der Vorbereitung auf ihre neue Rollen unterstützen. Gleichzeitig muss jeder Arbeitnehmer selbst aktiv werden. Lebenslanges Lernen ist die Realität der Arbeit von morgen, die für uns alle heute schon gilt. Doch auch die Politik sollte ihren Beitrag leisten, beispielsweise mit Förderprogrammen. Die erfolgreichsten Unternehmen in diesem und in den kommenden Jahren werden diejenigen sein, die mit Fokus auf den einzelnen Menschen in die Weiterbildung und Qualifizierung ihrer Mitarbeiter investieren. Technologie kann dazu beitragen, die Belastung monotoner Verwaltungsarbeiten zu beseitigen, die normalerweise von Menschen mit einer eher durchschnittlichen Qualifikation durchgeführt werden. Wenn diese Aufgaben von neuen Technologien übernommen werden, können sich die Mitarbeiter auf die Lösung komplexerer Aufgaben konzentrieren, die menschliches Einfühlungsvermögen und Einsicht erfordern. Gleichzeitig helfen technologische Neuerungen dabei,  Fehler zu vermeiden. Auf diese Weise werden wir eine Zukunft der Arbeit schaffen, die für alle sinnvoll und vorteilhaft ist. Die Zukunft der Arbeit wird eine Zukunft sein, die für alle funktioniert.

Über Richard Jager

Richard Jager

Richard Jager ist Vorsitzender und Sprecher der Geschäftsführung der Randstad Gruppe Deutschland. Er begann seine Karriere bei Randstad Niederlande 1995 als Consultant und übernahm dann weiterführende Aufgaben im regionalen holländischen Management. Ab 2010 hat er als Geschäftsführer von Randstad Schweiz das Unternehmen als umfassenden HR-Dienstleister und Arbeitsmarktexperten positioniert. Zuletzt verantwortete er den internationalen Geschäftsbereich Randstad Global Client Solutions, der sich mit strategischen Geschäfts-, HR- und Talentfragen beschäftigt. Der studierte Ökonom ist zudem im Advisory Board der Wittenborg Universität und der Nyenrode Business Universität in Amsterdam aktiv.