Vom Navigieren in fremden Wassern und Kulturen

„Der Kapitän führt das Schiff.“ Ein lakonischer Satz für eine große Aufgabe. Denn der Chef an Bord ist traditionell auch für „Mann und Maus“ verantwortlich. Das Berufsbild hat sich vom romantischen Seehelden zum multikulturell gewandten Logistik-Experten gewandelt, der auf jeder Reise Verantwortung im mindestens zweistelligen Millionenbereich trägt. Ein Gespräch mit Kapitän Frank Dorn über Schiffsführung und Menschenführung.

Ahoi, Herr Kapitän!

Frank Dorn: Das hat schon lange keiner mehr zu mir gesagt.

Wie kommt’s?

Frank Dorn: Die Sprache an Bord ist heute Englisch. Ich führe ein Team von 21 Leuten aus aller Herren Länder. Damit die Verständigung unmissverständlich klappt, muss die Sprache klar und eindeutig sein. Das gilt nicht nur auf dem Schiff, sondern auch bei Hafenbehörden und so weiter. Also sprechen wir Englisch.

Aber können Sie nicht einfach befehlen?

Frank Dorn: Das mag in alten Kinofilmen so sein, dass der Kapitän uneingeschränkter Herrscher an Bord ist und allen seinen Willen aufdrückt. Aber in der modernen Schiffsführung geht es eher kollegial zur Sache. Ein Durchsetzen mit Gewalt geht gar nicht.

Kollegial hört sich gut an. Ist also wenigstens die alte Seefahrerromantik noch am Leben?

Frank Dorn: (lacht) Sie meinen: Anlegen, Landgang, Strand und exotische Tänze? Das ist auch von gestern. Die Hochseeschifffahrt heute ist ein fast schon auf die Minute durchgetaktetes Logistik-Unternehmen. Rein in den Hafen, ausladen, einladen, raus aus dem Hafen. Dazu liegen die großen Häfen heute nicht mehr mitten in der Stadt, sondern weit außerhalb. Nein, Romantik ist nicht vorgesehen. Freddy Quinn hätte da keine Chance mehr.

Aber wenigstens Sie, als Kapitän …

Frank Dorn: Ich bin Führungskraft und verantwortlich. Da wäre ich schon ein schlechtes Vorbild, wenn ich meine Leute alle Arbeit machen ließe und mich ausklinke. Aber selbst, wenn ich wollte: Das geht nicht. Die fachlichen Anforderungen an einen Kapitän gehen heute weit über das rein technische und navigatorische Führen des Schiffes hinaus. Ich leite vollverantwortlich eine sogenannte Business-Unit mit allem, was dazugehört.

Zum Beispiel?

Frank Dorn: Den Purser – oder Zahlmeister – von früher gibt es nicht mehr. Die Buchhaltung erledigt heute der Kapitän. Auch den Bordfunker haben wir abgeschafft, das ist jetzt auch meine Aufgabe. Das muss „nebenbei“ gehen, denn die meiste Zeit geht für Bürokratie drauf. Die ist immens und extrem kritisch. Wenn irgendwo Behörden an Bord kommen und auch nur ein Detail fraglich ist, dann stehen sofort Millionen auf dem Spiel.

Welche Eigenschaften braucht und wie viel Zeit hat denn ein Kapitän von heute, um Schiff und Besatzung gut zu führen?

Frank Dorn: Zweite Frage zuerst: Jahrzehntelange Erfahrung in unterschiedlichsten Situationen – ich bin auf Fischereiflotten genauso gefahren wie auf Handelsschiffen – schenkt einem die Erfahrung, die Führungsaufgaben genau so einzuteilen, dass keine Seite zu kurz kommt. Das dichte Miteinander auf hoher See bringt den unmittelbaren Kontakt, die eindeutige Zuständigkeit des Einzelnen für klar definierte Bereiche bringt die Verantwortung und deren Überprüfbarkeit. Ein gut geführtes Schiff ist eine Einheit, die lohnt jede Minute investierte Zeit.

Und die Eigenschaften?

Frank Dorn: Souveränität und Durchsetzungsfähigkeit sind fraglos am wichtigsten. Das war aber immer schon so. Seefahrt ist manchmal sehr gemächlich in ihren Abläufen, fordert aber genauso oft schnelle und kompromisslose Entscheidungen. Die größte Herausforderung heute ist die Multikulturalität der Besatzung. Dazu kommt die Integration der unterschiedlichen Qualitäten jedes Mitarbeiters. Wer diese beiden Aspekte im Griff hat, der kommt durch jeden Sturm. Geduld ist wichtig, Zuhörenkönnen auch, Entscheidungsbereitschaft erst recht. Harte Worte helfen nichts, man muss verstehen, man muss weltoffen und einfühlsam sein. Und man muss sich auskennen in der Welt.

Damit Sie den richtigen Hafen finden?

Frank Dorn: Nein, sondern damit wir auf dem Weg dorthin nicht in Trouble geraten. Wenn wir Richtung Suezkanal unterwegs sind und ich weiß über eine Krise in Ägypten Bescheid, kann ich Schaden oder Verzögerungen vom Schiff abwenden. Wenn ich über Ereignisse im Kulturbereich meiner Besatzung informiert bin, kann ich mich auf deren Befindlichkeit einstellen. Ich muss also nicht nur fachlich und technisch auf dem Laufenden sein, sondern auch politisch, wirtschaftlich und kulturell.

Hat das Ihr Leben verändert?

Frank Dorn: Weniger als das erhöhte Tempo. Wir sind heute viel länger und viel schneller unterwegs als früher, also auch länger abwesend von Land. Das bewegt einen und das verändert einen.
Haben Sie bei der gemischten Belegschaft an Bord oft mit Konflikten zu tun?
Das hält sich sehr in Grenzen. Wenn man die individuellen Eigenschaften jedes Besatzungsmitglieds annimmt und ins Leben an Bord eingliedert, dann kommen sogar vermeintlich gegensätzliche Charaktere gut miteinander aus oder ergänzen sich. Ich erlebe selten einen Zwist. Üblicher ist der Wettbewerb, besser und leistungsfähiger zu sein als der andere. Manchmal passieren aber auch Dinge, mit denen keiner gerechnet hat, und auch damit muss man schnell, glaubwürdig und effizient zurechtkommen.

Haben Sie ein Beispiel?

Frank Dorn: Am 9. September 2011 lagen wir in New York vor Anker, gegenüber von Manhattan. Wir waren gerade am Ablegen, ich schaue noch einmal über die Schulter und sehe, wie das erste Flugzeug ins World Trade Center rast. Danach waren wir, wie alle anderen Schiffe auch, für vier Tage „interniert“. Da muss man selbst erst damit fertigwerden und gleichzeitig auch der Mannschaft zur Seite stehen. Der Kapitän ist da für alle an Bord die Figur, an die man sich hält.

Was sind die spannendsten Momente in Ihrer Arbeit?

Frank Dorn: Die ergeben sich immer dort, wo das rapide gewachsene Verkehrsvolumen uns unter Druck setzt. Durch den Panamakanal zu fahren, das ist Zentimeterarbeit im Akkord. Da kann jeder Mikado-Profi noch etwas lernen. Oder sich bei der Anfahrt auf Shanghai durch den wimmelnden Verkehr auf dem Wasser zu bewegen, bis man in den Fluss hineinkommt, der zum Hafen führt – absolute Nervenarbeit.

Apropos Lernen: Was, glauben Sie, kann ein Personalverantwortlicher an Land von einem Kapitän abschauen?

Frank Dorn: Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich schnell auf veränderte Situationen einzustellen, sind bei einer Führungskraft auf See sicher beispielhaft gegeben. Dazu kommt die Bereitschaft und das ständige Training, die Dinge so zu sehen, wie sie sind – und nicht, wie man sie gerne hätte. Und, ich wiederhole es gern: Bleiben Sie auf dem Laufenden. Sonst überholt Sie die Welle von hinten.

Wo geht die nächste Fahrt hin?

Frank Dorn: Neuseeland wäre schön oder Australien.

Dann mal „Südsee ahoi, Herr Kapitän!“

Frank Dorn: Ahoi!

Hintergrund

Kapitän Frank Dorn (62) lebt in Rostock. Seine Laufbahn zur maritimen Führungskraft hat ihn von der Fischereiflotte bis in die Handelsschifffahrt geführt. Sein beruflicher Alltag ist weit weniger dramatisch, als das bekannte Bild von Kapitänen, die wir aus Romanen und dem Kino kennen, aber auch weniger lustvoll und entspannt, als das „Traumschiff“ es vermuten lässt. Gewisse Eigenschaften und vor allem Persönlichkeitsmerkmale von Kapitänen wie Dorn eignen sich als Anschauungsmaterial für Führungskräfte in einer globalisierten, wettbewerbsintensiven Welt. Die Herausforderung, die die Leitung eines Schiffes mit sich bringt, fordert von den Kapitänen Organisationstalent, Verantwortung, Ausdauer und vieles mehr. „Diese Eigenschaften treten nur bei bestimmten Persönlichkeitstypen auf, nicht jeder Mensch ist daher geeignet, um Kapitän zu werden", weiß Jens-Peter Paulsen, Geschäftsführer der Hamburger m.o.v.e. hr GmbH www.move-hr.de. Die m.o.v.e. hr GmbH testete in der Vergangenheit Kapitäne und Offiziere unterschiedlicher Reedereien aus Hamburg auf ihre Persönlichkeit und stellten fest, dass diese zwei speziellen Typen angehörten. „In unserem Test geht es um die unbewusste Persönlichkeit, die einen Menschen ausmacht und sich in 16 verschiedene Ausprägungen einordnen lässt. Führungskräfte auf Schiffen gehören genau zwei Gruppen an, die bestimmte Qualitäten aufweisen“, so Paulsen. So halten sie sich an genaue Vorgaben und wollen die Ergebnisse ihrer Arbeit sehen. Sie sind eher rational, als gefühlsgeleitet und kümmern sich um Sicherheit im Umfeld.