Was hilft, im Home Office gesund zu bleiben

Beruf und Privates zu trennen, ist im Home Office für viele kaum möglich. Wie lässt sich eine Gefährdung der physischen und psychischen Gesundheit aufgrund von Überlastungssituationen vermeiden? 

Illustration Home Office mit Katze, Laptop und einer Tasse Kaffee

Noch vor ein paar Jahren war der Begriff „Work-Life-Balance“ in aller Munde: Klare Grenzen setzen zwischen Freizeit und Arbeitsleben. Die Arbeit auf feste Zeitfenster beschränken, die Freizeit voll und ganz der Erholung widmen. Aktuell arbeiten mehr Arbeitnehmer als je zuvor von zu Hause aus – und stellen fest, dass dieser Ansatz nicht mehr funktioniert. 

Statt „Work-Life-Balance“ herrscht jetzt „Work-Life-Blending“ – die totale Vermischung von Arbeit und Freizeit. Klaus Depner, Manager Health & Human Safety bei Randstad Deutschland, erklärt, wie Arbeitnehmer trotzdem gesund bleiben.

Fluch oder Segen?

Home Office klingt aus Arbeitnehmersicht erst einmal wie eine gute Lösung – bis der Chef um zwei Uhr nachts Mails schreibt und sofortige Antworten erwartet. Work-Life-Blending wird dann unter Umständen zum institutionalisierten Alptraum und „Vertrauensarbeitszeit“ zu einem Synonym für „Zwang zur persönlichen Selbstausbeutung“. 
Diese Vermischung, die auch vor der Corona-Krise für viele Arbeitnehmer bereits Realität war, muss durch die Arbeitgeber sanft und sozialverträglich gestaltet werden. Sie müssen aufpassen, nicht zu viel von den Mitarbeitern zu verlangen, sondern positive Angebote zur Flexibilität der Arbeit zu machen. Diese müssen auf die Bedürfnisse des jeweiligen Mitarbeiters zugeschnitten sein. 

Viele arbeiten nach Feierabend freiwillig

Studien zeigen: Die meisten Arbeitnehmer arbeiten nach Feierabend nicht auf Anweisung des Chefs – sondern freiwillig. Die Arbeitsmarktstudie „Von Work-Life-Balance zu Work-Life-Blending“ des Kölner Markt- und Organisationsforschungsinstituts YouGov beispielsweise befragte 750 Akademiker in Deutschland nach ihren Arbeitsgewohnheiten. Jeder fünfte Befragte arbeitet auch am Wochenende, jeder achte täglich auch nach Feierabend. Viele finden es schlicht erholsamer, ihre Mails spätabends zu beantworten, anstatt morgens bei Arbeitsbeginn dem Druck einer ellenlangen E-Mail-Liste zu unterliegen. 

Und wenn alle dringenden Themen bereits am Vortag abgearbeitet wurden und früh morgens nichts Neues ansteht, dann nimmt sich der Arbeitnehmer eben mehr Zeit für sein Frühstück und klappt erst eine halbe Stunde später seinen Laptop am Küchentisch auf. Der Arbeitgeber muss diese Flexibilität aber möglich machen.

Fließende Übergänge schaffen

Statt eines perfekten Ausgleichs zwischen Job und Freizeit lautet das neue Ziel: Einen fließenden Übergang von Arbeits- und Privatleben schaffen. Der Arbeitsschutz darf unter der neuen Flexibilität nicht leiden. Pausenzeiten beispielsweise müssen auch bei hoher Flexibilität garantiert sein. So heißt es in Artikel 24 der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen: „Jeder Mensch hat Anspruch auf Erholung und Freizeit sowie auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit...”. Diese zu gewährleisten wird immer schwieriger. Ist aber dennoch die Verantwortung des Arbeitgebers. Es darf hier nicht vergessen werden, dass auch im Homeoffice das Arbeitszeitgesetz gilt.

Herausforderungen für alle Beteiligten

Work-Life-Blending darf nicht zu einer Verdrängung des Privatlebens durch das Arbeitsleben führen. Es bedeutet nicht, dass wir in Zukunft immer länger arbeiten müssen, sondern durch Selbstbestimmung an Produktivität gewinnen und somit einen Mehrwert für das Unternehmen und das eigene Privatleben generieren. Führungskräfte müssen lernen, diese Autonomie ihrer Mitarbeiter zu respektieren und ihnen diesen Freiraum zuzugestehen. Wenn Mitarbeiter nicht mehr täglich vor Ort im Büro sind, sondern ihre Aufgaben auch mal im Home Office erledigen, darf der Austausch trotzdem nicht abreißen. Führung auf Distanz, auch virtuelle Führung auf Distanz, muss erst gelernt werden. Home Office richtig gemacht und gestaltet, führt zu mehr Mitarbeiterzufriedenheit, einer höheren Produktivität und einer klaren Positionierung als attraktiver Arbeitgeber

Über den Autor

Klaus Depner

Klaus Depner kümmert sich als Manager Health & Human Safety seit Anfang 2015 beim Personaldienstleister Randstad Deutschland um die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter. Er ist seit 20 Jahren bei Randstad beschäftigt. Zu dieser Aufgabe führte ihn der Weg im Unternehmen über den Vertrieb und die Bereiche Public Affairs und Social Affairs. Zuletzt war er zuständig für den Bereich Tarifpolitik.