Werkstätten mit dem gewissen Etwas

Bundesweit gibt es rund 700 anerkannte Werkstätten für behinderte Menschen. Mit ihren Services und Produkten kommen sie gut am Markt an. Mit ihren menschlichen Qualitäten auch.

Erfülltes Leben für die Beschäftigten als Grundlage für Erfolg

Mittagessen im Krankenhaus. So oder so kein richtiger Genuss. Doch dann: Beim Auspacken des Bestecks fällt ein kleiner Zettel heraus. „Ihr Besteck haben wir mit einem Lächeln für Sie eingepackt. Wir wünschen Ihnen, dass Sie bald wieder gesund sind. Ihre Behindertenwerkstatt XY“. Wem jetzt nicht auch das Gegenstück in den Sinn kommt, der „Packkontrolle J9 unleserliches Gekrakel“, der wird vermutlich auch künftig nicht darüber nachdenken, ob er für einfache Tätigkeiten nicht mit einem außergewöhnlichen Dienstleister gut beraten wäre.

„Arbeit stärkt das Selbstwertgefühl“

Andernorts jedenfalls fällt diese Entscheidung relativ häufig. Gerade öffentliche Dienstleiser wie Kreiskrankenhäuser oder Schulkantinen nutzen gern die Dienstleistungen von Behindertenwerkstätten. Teilweise geschieht dies, weil es politisch so gewollt ist, teilweise aus echter sozialer Verantwortung, teilweise aus Gründen der Wirtschaftlichkeit. Häufig aber spielt auch der Arbeitsethos und das Serviceverständnis dieser Betriebe eine Rolle.

Warum das so ist, lässt sich relativ schnell erkennen. Zum Beispiel in den Werkstätten für Menschen mit geistiger Behinderung im oberbayerischen Steinhöring. „Arbeit ermöglicht Menschen ein erfülltes Leben: Einen eigenen Verdienst, soziale Kontakte und gegenseitigen Austausch, Anerkennung für die eigene Leistung, sinnvolle Beschäftigung. Arbeit stärkt das Selbstwertgefühl“, heiß es dort. Eine Aussage, die auf Nichtbehinderte sicher genauso zutrifft – aber für Menschen mit Behinderung in der Konsequenz viel wertvoller ausfällt.

Individuelle Förderung

In den Werkstätten in Steinhöring, auf dem Fendsbacher Hof und in Eglharting arbeiten rund 350 Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. 2008 wurde in der nahen Kreisstadt Ebersberg im Osten von München eine weitere Werkstatt speziell für Menschen mit seelischen Erkrankungen eröffnet. In allen vier Werkstätten kümmern sich „unsere Mitarbeitenden sehr individuell um jede Beschäftigte und jeden Beschäftigen“, schreiben die Verantwortlichen. Entsprechend der persönlichen Fähigkeiten werde jede und jeder beruflich aus- und fortgebildet und betreut. Alle Beschäftigten hätten einen arbeitnehmerähnlichen Status, seien sozialversichert und erhielten einen Arbeitslohn.

Bundesweit gibt es rund 700 anerkannte Werkstätten für behinderte Menschen. Sie bieten ihre Leistungen an mehr als 2.600 Standorten an. Mit ihrem Knowhow öffnen sie rund 300.000 Menschen mit Behinderung die Türen, um am Arbeitsleben teilzuhaben. 33.000 sind zu ihrer beruflichen Bildung im Berufsbildungsbereich, 252.000 zu ihrer Arbeits- und Berufsförderung im sogenannten Arbeitsbereich. Mehr als 15.000 sind so schwer behindert, dass sie einer besonderen Betreuung, Förderung und Pflege bedürfen. 70.000 Fachkräfte unterstützen die Rehabilitation. Sie leiten an, bilden aus und machen Angebote zur Förderung der Persönlichkeit.

Betriebe sind Teil des Reha-Systems

Im Unterschied zu anderen Anbietern vergleichbarer Leistungen sind Werkstätten für behinderte Menschen keine Erwerbsbetriebe. Vielmehr gelten sie als Teil des umfassenden Systems der beruflichen Rehabilitationseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland, wie es in § 35, Sozialgesetzbuch IX (SGB IX) formuliert ist. Unterstützung bekommen Menschen, die Assistenz, Betreuung, Förderung und Pflege unter Umständen während des gesamten Arbeitslebens in der Werkstatt benötigen. Des Weiteren fördert und schult die Werkstatt Menschen mit dem Ziel, sie auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Hohe Produktqualität überzeugt die Kunden, Integrations-Knowhow ebenfalls

In § 136 Abs. 1, SGB IX sind die Personen, die einen Anspruch auf einen Werkstattplatz haben, genau definiert. Nicht das wirtschaftliche Ergebnis steht daher im Vordergrund, sondern berufliche und persönlichkeitsbildende Förderung durch individuell angepasste Arbeit und Beschäftigung und arbeitsbegleitende Förder-, Bildungs- und Therapiemaßnahmen. Das Leitbild der Hamburger Werkstätten GmbH formuliert es so: „Berufliche Rehabilitation … bedeutet, alle Möglichkeiten der beruflichen und sozialen Förderung auszuschöpfen, um den WerkstattmitarbeiterInnen die Möglichkeit einer beruflichen Tätigkeit in der Werkstatt zu eröffnen und sie auch für den Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu qualifizieren.“

Eigenprodukte garantiert „made in Germany“

Knapp 85 Prozent des Umsatzes erwirtschaften die Werkstätten mit Lohn- und Auftragsfertigung und Dienstleistungen für industrielle oder öffentliche Auftraggeber. Mehr als 15 Prozent ihres Umsatzes erzielen die Werkstätten durch die Herstellung und den Vertrieb von hochwertigen Eigenprodukten. Das Produktsortiment ist so umfangreich, dass fast jeder Wunsch erfüllt werden kann. Es reicht von ökologischen angebauten Lebensmitteln, über Möbel, bis zu Designgegenständen. Produkte aus Werkstätten sind garantiert „made in Germany“.

Welche Kraft und Kreativität nüchterne Gesetzestexte entfalten, wenn sie innerhalb eines geschützten Raumes wirken  ist zum Beispiel auf der jährlichen Werkstätten:Messe in Nürnberg zu sehen. Seit zehn Jahren ist sie die führende Plattform der Branche in Deutschland. Knallgrün, tiefviolett, knallorange leuchten die Kerzen am Stand der Basler Werkstatt Weizenkorn um die Wette mit den Augen der Besucher, wenn sie kleine Kugeln durch das Labyrinth der Murmelbahn Xyloba sausen lassen. Beides gehört zu den Klassikern der Messe, ebenso wie die praktischen Kunststofftaschen der Lebensgemeinschaft Münzinghof, die pinken Puppenwagen und das Holzspielzeug der Werkstatt Bruckberg oder die Kicker der Barmherzigen Brüder Gremsdorf – 2015 am Stand: das Flaggschiff in Rekordgröße für 40 Spieler.

Hochwertige Produkte quer durch den Lifestyle-Markt

Design und Kunsthandwerk, Cafés und Biergarten, Bio-Lebensmittel, Möbel und Kunst – die Werkstätten:Messe zeigt, wo und wie Menschen mit Behinderung tätig sein können, wenn Arbeitsplätze für sie gestaltet werden. Christian Arnold, Leiter Partner- und Publikumsveranstaltungen NürnbergMesse: „Die Aussteller präsentieren ihre Einrichtungen mit hochwertigen, liebevoll und kreativ gestalteten Ständen“, betont er das außergewöhnliche Produktangebot. „Das können so nur Werkstätten für behinderte Menschen – und die Besucher wissen das.“

Breites Knowhow bei Integration und Inklusion

Neben ihren Produkten haben Werkstätten für Menschen mit Behinderung der allgemeinen Wirtschaft noch etwas anderes anzubieten: umfassende Erfahrung in den Bereichen Integration und Inklusion. So haben die Oberland Werkstätten, ein Unternehmen der Lebenshilfe-Kreisvereinigungen Bad Tölz-Wolfratshausen, Weilheim-Schongau und Miesbach in den vergangenen Jahren die Integration von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen in gemeinsamen Arbeitsgruppen intensiv vorangetrieben.

Dadurch wurde auch Personen mit speziellen Krankheitsbildern wohnortnah ein vielfältiges Arbeitsplatzangebot zugänglich gemacht. „Dabei haben sowohl die Mitarbeiter mit Behinderungen als auch die angestellten Mitarbeiter positive Erfahrungen gemacht“, berichtet die Organisation: „Gerade die Zusammenarbeit von unterschiedlichsten Personen hat wesentlich zum Gelingen der beruflichen Rehabilitation beigetragen.“

Soziale Kompetenz als „Exportartikel“

Aufgrund dieser Erfolge haben die Oberland Werkstätten ein Konzept erarbeitet, um die Integration von Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Anforderungen als festen Bestandteil zu verankern und weiter voranzutreiben. Darin wurde die Erfahrung festgehalten, dass den unterschiedlichen Personen durch die Integration in die Arbeitsgruppen das Von- und Miteinanderlernens ebenso ermöglicht wird wie der Ausbau der sozialen Kompetenzen.

„Die wesentlichen Voraussetzungen seitens der Menschen mit Behinderung ist die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Anpassung, die eine Integration in die Arbeitsgruppe ermöglicht“, schreiben die Oberland Werkstätten. Als wichtigen Erfolgsbaustein haben sie die Weiterqualifizierung ihres Personals entsprechend der speziellen Anforderungen der unterschiedlichen Mitarbeiter festgehalten. Weitere bedeutende Elemente sind aus ihrer Sicht die enge Zusammenarbeit aller beteiligen Personen und Institutionen sowie die individuell angepasste Gestaltung des Arbeitsplatzes und -alltags in den Arbeitsgruppen.