Werte zeigen sich im Spiegel

10. Februar 2016

Selbstreflektion sieht Führungs-Coach Stefanie Voss als Dreh- und Angelpunkt für glaubwürdige Werteorientierung im Unternehmen. Denn „Werte finden ist nicht schwer, Werte leben aber sehr.“

Wie werden Werte formuliert?

Das Thema „Werte“ hat in der Wirtschaft fast schon inflationäre Züge angenommen. Was steckt dahinter?

Stefanie Voss: Die deutschen Unternehmen, egal in welcher Branche sie zuhause und wie groß sie sind, befinden sich grundsätzlich auf dem Weg zur Arbeitnehmerfreundlichkeit. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, was sie tun, sondern auch wie sie es tun. Vor allem beim Blick auf die kommenden Talente der Generation Y müssen Firmen in der Lage sein, kritische Fragen kompetent und glaubwürdig zu beantworten, wenn sie diese Menschen gewinnen wollen. Das fängt beim Umweltbewusstsein an und geht bis zum kooperativen Führungsstil.

Wie wichtig ist das Thema tatsächlich – und liegt die Bedeutung mehr in der Innen- oder in der Außenwirkung?

Stefanie Voss: Ich möchte da nicht gewichten. Werte sind auf jeder Ebene und in jede Richtung relevant. Schließlich fragen ja nicht nur mögliche künftige Mitarbeiter danach, sondern auch die schon aktiven. Auf der anderen Seite stehen die Verbraucher – die anderswo ebenfalls wieder Mitarbeiter sind – mit dem Anspruch, ihre Werterwartungen bedient zu sehen. Wie man es auch dreht und wendet: Ob ein Unternehmen als ethisch und werteorientiert erkannt wird, liegt an seinem Umgang mit Menschen.

Auf welche Art von Werten legen Mitarbeiter Wert – auch jene, die erst rekrutiert werden sollen?

Stefanie Voss: Wichtig ist, dass Werte auf allen Ebenen gelebt werden. Ich betone erstens: „auf allen Ebenen“. Ich betone zweitens: „gelebt“. Eigentlich ist es egal, wie ein Unternehmen die Werte formuliert, an denen es sich orientieren will. Das wird unweigerlich irgendwo abstrakt ausfallen. Worauf es ankommt, ist das dauerhafte, durchgängige Umsetzen in Verhaltensweisen. Was zur Folge hat, dass mitunter Dinge auf den Prüfstand kommen, an die zuerst keiner gedacht hat. Wie zeigen wir Wertschätzung? Wie halten wir es mit Ehrlichkeit? Wie offen sind wir für Dialog? Wie gehen wir mit Fehlern um? Da kann es mächtig im Gebälk knirschen, lange bevor das erste Wort nach außen dringt.

Auf was kommt es beim Formulieren und Vermitteln von Unternehmenswerten an?

Stefanie Voss: Auf die Konkretisierung. Hinter jedem Wert muss die Erläuterung stehen: „Für uns bedeutet das, dass …“ Jedem im Unternehmen muss klar sein, wie sich die Werte an seinem Arbeitsplatz, bei seiner Tätigkeit verwirklichen lassen. Darum dürfen Werte gern auch von oben gesetzt werden – wenn ihre Umsetzung anschließend von unten erarbeitet wird. Sonst bleibt nichts hängen. Sprachlosigkeit mündet in Tatenlosigkeit.

Gibt es gewisse Standardformulierungen, die sein müssen?

Stefanie Voss: Im Gegenteil. Formulierte Unternehmenswerte dürfen gern aus dem Rahmen fallen. Warum reden wir denn die ganze Zeit von der neuen Tugend „audacity“? Die Leute sollen sich trauen, eigene Entscheidungen zu fällen. Die Werte liefern dafür das Koordinatensystem. Es darf nicht verbogen oder gebeugt werden, wenn es nicht in den Kram passt. Aber zwischen den Leitplanken ist Beweglichkeit erwünscht.

Wie lassen sich Werte nachhaltig im Unternehmen und bei den Mitarbeitern verankern?

Welche anderen Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Werte wirken können?

Stefanie Voss: Ein Unternehmen muss bereit sein zur Selbstreflektion – sowohl individuell wie für die ganze Organisation. Dieses Hinsehen, Prüfen, Verbessern ist der ständige Begleiter einer Werteorientierung. Was dazu führt, dass man nicht nur die Ergebnisse misst, die aus den Werten entstehen, sondern sie zum Anlass nimmt, ständig an sich, an der Firma weiterzuarbeiten.

Wie lassen sich Werte nachhaltig im Unternehmen und bei den Mitarbeitern verankern?

Stefanie Voss: Durch klare Verhaltensregeln. Dazu braucht es gute Beispiele über alle Ebenen. Unternehmen sind gut damit gefahren, Multiplikatoren zu installieren, die als „Werte-Botschafter“ mit gutem Beispiel vorangehen und Fragen der anderen beantworten. Eine schöne Aufgabe für die Personalabteilung übrigens, solche Menschen zu erkennen und zu entwickeln.

Müssen Personalverantwortliche bei der Auswahl und Entwicklung von Mitarbeitern darauf achten, dass dieselben „wertekompatibel“ sind?

Stefanie Voss: Grundsätzlich „ja“. Es gilt nur sich vor den Verlockungen der Konformität zu hüten. 
Wenn irgendwann einmal alle in der Firma gleich ticken, fehlen die Querdenker und Fragesteller, die noch Veränderungen anstoßen.

In manchen Fällen, in denen Unternehmen vollmundig ihre Werteorientierung publizieren, keimt der Verdacht, dass dahinter mehr Marketing als nachhaltiges Denken steckt. Woran lässt sich erkennen, ob das eine oder das andere der Fall ist?

Stefanie Voss: Der Verdacht ist berechtigt. Allerdings kann ich die Glaubwürdigkeit und Substanz von Unternehmenswerten auch nur dann beurteilen, wenn ich direkten und vielfältigen Zugang habe. Ansonsten ist kein valides Gesamtbild möglich und bleibt meine Analyse Stückwerk. Es gibt allerdings ein Indiz, dass die Dinge nicht rund laufen. Das sind Verhaltensweisen der Mitarbeiter. Wenn die nicht mit dem übereinstimmen, was man mir versprochen hat, darf man ein Wertekonzept in Frage stellen. Weshalb aus meiner Sicht „Transparenz“ das beste natürliche Regulativ ist, um Anspruch und Wirklichkeit einer Werteorientierung miteinander abzugleichen.

Info zur Person: Stefanie Voss

Stefanie Voss

Stefanie Voss machte sich nach 15 Jahren internationaler DAX-Konzernkarriere 2009 selbständig. Heute ist sie als Moderatorin, Speaker und Coach tätig, in Deutschland und auf internationalem Parkett. Mit ihren Themen Kommunikation, Leadership und Diversity ist sie für Freiberufler, mittelständische Unternehmen und internationale Konzerne sowie den öffentlichen und sozialen Bereich im Einsatz. http://www.cutwater.de

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