Wie die Wissenschaft Burn-out löschen hilft

24. Oktober 2011

Obwohl Burn-out inzwischen seit fast 40 Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen ist, befindet sich das Phänomen noch weit von einer klaren und differenzierten Diagnose entfernt. ­Bestimmte Forschungs-Einrichtungen in Deutschland gelten als erfahrene Ratgeber im Umgang mit der Krankheit - und stehen auch Unternehmen als Anlaufstelle für praktische Unterstützung zur Seite.

Anstieg von psychischen Erkrankungen setzt sich fort

Unternehmen und Personalverantwortliche haben es nicht leicht im Umgang mit Burn-out, geschweige denn bei der Prävention. Während vielerorts gute Ansätze beim Gesundheitsmanagement erkennbar sind, reichen in diesem Fall die Bordmittel meist nicht aus. Doch wenigstens bei der Definition und Ortsbestimmung liefert die Wissenschaft schon wertvolle Hinweise. „Die Differenzialdiagnose eines Burn-out-Syndroms fällt schwer“, heißt es beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI). Häufig kämen auch ähnliche Erkrankungen in Betracht. Um das Burn-out-Syndrom von diesen besser unterscheidbar zu machen, haben 2010 die Wissenschaftler Dr. Dieter Korczak, Christine Kister und Beate Huber vorliegende Studienliteratur untersucht und ausgewertet. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen fassen sie in einem HTA-Bericht (Health Technology Assessment) zusammen, der kostenfrei beim DIMDI abrufbar ist.

„Zeitdruck und Stress nehmen offenbar zu und die Gefahr besteht, dass die Menschen von zwei Seiten gleichzeitig ausbrennen, vom Beruf her und durch familiäre Belastungen.“

Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO

Die Zahlen sprechen nichtsdestoweniger für sich: Nach einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) setzt sich der Anstieg von psychischen Erkrankungen unverändert fort. So ist 2010 nahezu jeder zehnte Ausfalltag auf eine psychische Erkrankung zurück zu führen. Bei der Untersuchung der Krankmeldungen von mehr als 10 Millionen AOK-versicherten Arbeitnehmern zeigte sich: Die Diagnose „Burn-out“ wird von den Ärzten zunehmend dokumentiert. Um nahezu das neunfache sind die Krankheitstage zwischen 2004 und 2010 wegen Burn-out angestiegen. „Zeitdruck und Stress nehmen offenbar zu und die Gefahr besteht, dass die Menschen von zwei Seiten gleichzeitig ausbrennen, vom Beruf her und durch familiäre Belastungen“, so Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO. 

Die Zahl der Einrichtungen, die Unternehmen dabei helfen wollen, das Problem in den Griff zu bekommen, wächst kontinuierlich. Gleichwohl sind jene Adressen, die übergeordnete Anerkennung genießen, noch sehr übersichtlich. Neben den Krankenkassen, deren Firmendienste allesamt die Thematik aufgegriffen haben, sind dies vor allem private Institute. Als Burn-out-Spezialist in Deutschland schlechthin gilt Prof. Dr. Matthias Burisch, der Gründer des Burn-out-Instituts Norddeutschland (BIND www.burnout-institut.eu), das sich der Burn-out-Diagnose und Prophylaxe widmet. Es bietet für Einzelpersonen eine fundierte Burn-out-Information und -Orientierung sowie einen professionellen Burn-out-Test samt ausführlicher persönlicher Interpretation und Beratung. Unternehmen und Organisationen aller Art können im BIND Burn-out-Präsentationen für verschiedene Zielgruppen sowie Organisationsdiagnosen abrufen und Workshops mit Basis-Informationen für Führungskräfte und Personaler buchen. Sie bieten Orientierung im Umgang mit eigenen Krisenpotentialen und solchen von Mitarbeitern. Der vom BIND entwickelte Burn-out-Test HBI40 genügt als einziges in deutscher Sprache online verfügbares Instrument wissenschaftlichen Ansprüchen der Test konstruktion: Seine Reliabilität und Validität wurden geprüft, und seine Normen beruhen auf einer Stichprobe von 616 Erwachsenen über 18. Weltweit wurde der Burn-out-Test bislang von mehr als 200.000 Personen bearbeitet.

Weitere Anlaufstellen für Unternehmen

Prof. Dr. Ansfried B. Weinert hatte an der Universität der Bundeswehr in Hamburg einen Lehrstuhl mit den Forschungsschwerpunkten Auswahl- und Bewertungsverfahren im interkulturellen Bereich, Frühidentifikation von Talent, Führung, Führungsinkompetenz und Derailment inne. Heute steht er als privater Berater zur Seite. Sein Lehrbuch der Organisationsentwicklung enthält grundsätzliche Empfehlungen zu einem Verhalten von Führungskräften, das zur Erleichterung der Arbeitsprozesse und zum Erreichen der Ziele beiträgt, wie z. B. Koordinieren, Planen und Bereitstellen der notwendigen Arbeitsmittel – und damit Burn-out vorbeugen hilft. Er hat bereits 1998 ein Modell entwickelt, das die Einflüsse und Konsequenzen von betrieblichen Organisationsstrukturen auf den Burn-out definiert.

Die Technische Universität Dortmund hat ein Konzept für Burn-out-Präventionszentren entwickelt, welche sich sowohl an Betroffene und präventionsinteressierte Personen als auch an Unternehmen richten. Für Unternehmen sieht dieses Konzept eine Risikoanalyse vor, durch die erhoben werden kann, ob bereits Mitarbeiter gefährdet sind und welche betrieblichen Bedingungen einen Burn-out begünstigen könnten. Darauf aufbauend werden dann gezielte Planungen und Maßnahmen angestoßen. Auch hierbei können die Unternehmen durch die Zentren unterstützt werden. Wenn es zu einem Burn-out-Fall gekommen ist, steht die Aufgabe der Wiedereingliederung an, die in der Regel nicht allein durch eine Reduktion des Arbeitspensums funktioniert. Hier kann eine qualifizierte Unterstützung Rückfälle vermeiden helfen. Das Konzept wird derzeit in Form von ersten Pilot-„Burnon-Zentren“ in NRW umgesetzt. Informationen sind unter www.pragdis.de sowie unter www.burnon-zentrum.de zusammengestellt.

Wie Arbeitgeber den Faktoren auf die Spur kommen, die unter ihrer Einflusssphäre Burn-out verursachen, macht das GKM Institut für Gesundheitspsychologie, Marburg, in einer eigenen Veranstaltung deutlich: hoher Leistungsdruck, Eintönigkeit der Arbeit bzw. fehlende Anforderungsvielfalt, ein Übermaß an Vorschriften, die den Gestaltungsspielraum des Arbeitnehmers einengen sowie fehlende Unterstützung und Anerkennung vom Vorgesetzten oder von Kollegen werden dort angesprochen. Der Vortrag, den sich Unternehmen auf Anfrage buchen können, erläutert die Symptome, den Prozess und die Ursachen des „Ausbrennens“ und zeigt Wege zur Entlastung und Prävention. Der Leiter des GKM, Prof. Dr. Gert Kaluza, ist psychologischer Psychotherapeut und als Trainer, Coach und Autor im Bereich der individuellen und betrieblichen Gesundheitsförderung tätig. Nach über 20-jähriger Tätigkeit an verschiedenen Universitäten gründete er 2002 sein eigenes Fortbildungs- und Trainingsinstitut. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zum Themengebiet „Stress und Stressmanagement“ und gilt als Deutschlands führender Experte auf diesem Gebiet.

Zahlen + Fakten

Bei den 10,1 Millionen AOK-versicherten Arbeitnehmern stagnierte der Krankenstand im Jahr 2010 im Vergleich zum Vorjahr unverändert bei 4,8 Prozent. Insbesondere psychische Erkrankungen sind jedoch weiterhin auf dem Vormarsch. Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen sind seit 1999 um nahezu 80 Prozent angestiegen und führen zu langen Ausfallzeiten: Diese dauern mit 23,4 Tagen je Fall doppelt so lange wie der Durchschnitt mit 11,6 Tagen je Fall im Jahr 2010. Zwar wird ein Burn-out von den Ärzten in ihren Berichten nicht als eigenständige psychische Erkrankung codiert, jedoch wird diese Diagnose zunehmend als Zusatzinformation angegeben: Zwischen 2004 und 2010 haben sich damit die 8,1 Arbeitsunfähigkeitstage je 1.000 AOK-Mitglieder auf 72,3 Tage nahezu um das 9-fache erhöht. Hochgerechnet auf mehr als 34 Millionen gesetzlich krankenversicherte Beschäftigte in Deutschland bedeutet dies: Knapp 100.000 Menschen mit insgesamt mehr als 1,8 Millionen Fehltagen wurden danach im Jahr 2010 wegen eines Burn-outs krankgeschrieben.

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