Wie digital darf die Krankmeldung sein?

Jedes Jahr auf's Neue rollen die Grippewellen übers Land und lösen eine Flut von Krankmeldungen aus. Jetzt versprechen Apps eine Beschleunigung beim Übermitteln der „gelben Zettel“. Ist das Verfahren praxistauglich?

Wegen Krankheit arbeitsunfähig zu sein – das Gefühl kennt jeder. Arbeitgeber bestehen jedoch zu Recht auf "Fakten". Darum reicht es nicht aus, sich einfach telefonisch krank zu melden. Arbeitnehmer müssen eine „Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung“ (AU) vorlegen, wenn sie ihrem Job aus gesundheitlichen Gründen fernbleiben. Ein solches Attest auszustellen, ist Aufgabe eines Haus- oder Facharztes. Wegen der Papierfarbe des Formulars sind die AUs auch als „gelbe Zettel“ bekannt. Sie müssen spätestens am vierten Tag der Erkrankung beim Arbeitgeber vorliegen; es sei denn, ein Arbeitsvertrag sieht andere Fristen vor.

Verlockender digitaler Versandweg

Die flächendeckende Verbreitung von Internet und Smartphones legt nahe, dass die Bescheinigung nicht mehr auf dem Postweg übermittelt wird, sondern digital. In manchen Betrieben gilt die unbürokratische Methode: Dokument fotografieren, an den Chef senden, fertig. Auf den ersten Blick ist das die schnellste und komfortabelste Lösung. Selbst Krankenkassen bieten inzwischen Apps an, um eingescannte Dokumente zu übertragen.

Erkältung per App melden?

Eine Geschäftsidee eines Hamburger Unternehmens geht noch einen Schritt weiter. Dabei wird der Befund online erstellt und die AU per Whatsapp an den Arbeitgeber übertragen, zur Sicherheit aber auch per Post versandt. Der Service ist gebührenpflichtig – und bisher ausschließlich für Erkältungen möglich. „Erkältungen verursachen über vier Millionen Krankschreibungen pro Jahr in Deutschland. Sie eignen sich dabei für Telemedizin optimal, denn sie sind ungefährlich sowie in der Regel ohne persönlichen Arzt-Kontakt diagnostizierbar“, erklärt Dr. Can Ansay, der CEO des Anbieters. 

Missbrauch vorgebeugt

Möglich wurde dieser Service durch die Lockerung des sogenannten Fernbehandlungsverbots 2018. Ansay, selbst Jurist, sieht das Verfahren rechtlich abgesichert. Möglichem Missbrauch soll dadurch vorgebeugt werden, dass der Service pro Patient nur zwei Mal im Jahr genutzt werden kann und eine AU bei Erkältungen in der Regel auf drei Tage begrenzt ist.

Datenschutz wird kritisch gesehen

Datenschutz-Experten jedoch bezweifeln die Tauglichkeit des Verfahrens. Selbst bei einer End-to-End-Verschlüsselung einer Whatsapp-Übermittlung bewerten sie die Sicherheit der persönlichen Daten auf diesem Weg kritisch. Auch für viele Unternehmen, die Whatsapp-Kommunikation der Mitarbeiter aus Gründen der Compliance ausgeschlossen haben, kommt die Anwendung nicht in Frage.

    Grundsätzlich gelten folgende Regeln für den korrekten Umgang mit der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung

    • Krankmeldung sofort am ersten Tag. 
    • Dauert die Krankheit länger, muss üblicherweise am 3., manchmal auch erst am 4. Fehltag ein Attest beim Arbeitgeber vorliegen.
    • Die Regeln gelten gleichermaßen auch für Teilzeitkräfte oder Mini-Jobber.
    • Die AU muss stets auch die voraussichtliche Dauer der Krankheit enthalten.
    • Arbeitsverträge dürfen abweichende Fristen vorschreiben.
    • Dauert die Krankheit länger als erwartet, ist unmittelbar eine Folge-AU erforderlich.
    • Unterbleibt die rechtzeitige Übermittlung von Krankmeldung und AU bzw. Attest, kann der Arbeitgeber abmahnen. Er muss dabei konkret angeben, ob ein Verstoß gegen die Anzeigepflicht (AU) oder die Nachweispflicht (Attest) vorliegt.
    • Bei berechtigten Zweifeln am Krankenstand des Mitarbeiters kann der Arbeitgeber vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) ein Gutachtens über die Arbeitsunfähigkeit anfordern.
    • Der Arbeitgeber hat in der Regel keinen Anspruch darauf, die Art der Erkrankung zu erfahren. Darum ist die Diagnose des Arztes auch nur auf dem AU-Durchschlag für die Krankenkasse zu sehen. Ausnahme: ansteckende Krankheiten. Diese müssen mitgeteilt werden, um andere Mitarbeiter vor Ansteckung zu schützen.
    • In dringenden Fällen – z.B. wenn der Erkrankte als einziger über bestimmte Arbeitsabläufe Bescheid weiß – darf das Unternehmen auch während der Krankheit Kontakt zum Mitarbeiter aufnehmen.