Wie steht es um den Arbeitsschutz 4.0?

21. Juni 2016

Herausforderung für Personalverantwortliche: Neue Formen der Arbeit erfordern neue Antworten für den Schutz der Beschäftigten bei der Arbeit. Experten aus Prävention und Arbeitsmedizin zeigen die aktuellen Trends.

  • Mehr Gestaltungsfreiheit für Mitarbeiter braucht neue Regeln für Arbeitsschutz und -sicherheit.
  • Einsatz neuer, mobiler Technik erleichtert Maßnahmen zur Gesundheits- und Familienförderung.
  • Unvermeidbarer Wandel der Unternehmenskultur zieht Wandel bei Prävention von Gesundheits- und Sicherheitsrisiken nach sich.

Berufsgenossenschaften und Unfallkassen haben anlässlich des Welttages für Arbeitsschutz und Gesundheit eine neue Publikation herausgegeben. „Unsere Präventionsdienste beobachten, wie die Digitalisierung den Arbeitsalltag in den Unternehmen verändert“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) Dr. Walter Eichendorf. Was die Auswirkungen daraus für die Sicherheit und Gesundheit der Menschen angeht, ermöglichen derzeit technologische Entwicklungen und neue Formen, Arbeit zu organisieren. Dies bringt aus Sicht der Arbeitsschutz-Fachwelt Chancen, aber auch Risiken für ihre Disziplin. Beratung in Fragen der Prävention müsse daher eine Kultur in den Unternehmen fördern, die Sicherheit und Gesundheit einen hohen Stellenwert einräumt.

Digitaler Wandel macht sich bemerkbar

Schon Ende 2015 hatte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in ihren „Mitteilungen“ (Ausgabe 4/2015) darauf hingewiesen, dass neue Techniken und Arbeitssysteme nicht nur zu neuen Formen und Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeit führen. Digitale Techniken brächten auch neue Chancen und Risiken für die Beschäftigten.

Flexibilisierung fordert bessere Qualifikationen

„Eine der größten Herausforderungen für den Arbeitsschutz liegt aber vermutlich in einem angemessenen Umgang mit der größeren Vielfalt und Dynamik moderner Arbeitssysteme“, sagte Isabel Rothe, Präsidentin der BAuA. Die Flexibilisierung der Arbeit durch Digitalisierung erweitert die Möglichkeiten individueller Arbeitsgestaltung. Gleichzeitig steigen jedoch die Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten durch die komplexer werdenden Arbeitssysteme. Die BAuA sieht sich daher gefordert, einen Beitrag für einen modernen Arbeitsschutz und die vorausschauende Gestaltung künftiger Arbeits- und Techniksysteme zu leisten. Dazu stellt sie Wissen für einen zukunftsgewandten Arbeitsschutz bereit.

„Spielregeln müssen beachtet werden“

Berufsgenossenschaften und Unfallkassen wiederum beraten und beaufsichtigen als Träger der gesetzlichen Unfallversicherung die Unternehmen im Arbeitsschutz. DGUV-Hauptgeschäftsführer Eichendorf fasst das neue Augenmerk seiner Organisation so zusammen: „Mobile Geräte machen Arbeit räumlich und zeitlich flexibler. Autonome Produktionssysteme – Stichwort 'Industrie 4.0' – entlasten die Beschäftigten von Routineaufgaben. Neue Führungsmethoden geben Mitarbeitern mehr Freiheit, ihre Arbeit selbst zu gestalten. Das alles ist positiv zu sehen, wenn einige Spielregeln beachtet werden. Und neue Formen der Zusammenarbeit wie Crowdwork stellen bisherige Herangehensweisen im Arbeitsschutz in Frage.“ Die Publikation „Neue Formen der Arbeit. Neue Formen der Prävention“ sei vor diesem Hintergrund ein wichtiger Beitrag, um das Beratungsangebot im Arbeitsschutz weiter zu entwickeln. „Arbeit 4.0 braucht Prävention 4.0“, so Eichendorf.

Risiko für selbstgefährdendes Verhalten wächst

Viele Entwicklungen böten Chancen für die Gesundheitsförderung, so die Arbeitspsychologin Dr. Susanne Roscher von der VBG, eine der Autorinnen der Publikation. Zum Beispiel könnten mobile Endgeräte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern und damit den Stress verringern. Es tauchten aber auch neue Risiken auf. „Wir wissen zum Beispiel, dass Handlungsfreiräume bei der Arbeitsgestaltung die Gesundheit fördern. Starre Zielvorgaben oder innerbetrieblicher Konkurrenzdruck können dieses Potenzial aber zunichtemachen oder in sein Gegenteil verkehren, wenn sie den Anreiz für selbstgefährdendes Verhalten erhöhen.“ Hierzu zählten zum Beispiel die Ausdehnung der Arbeitszeit, die Einnahme leistungssteigernder Substanzen oder Arbeit trotz Krankheit.

Wechselwirkungen rücken in den Fokus

Auch die Industrie 4.0 beeinflusse die Anforderungen. „Autonome Produktionssysteme können Menschen von Routineaufgaben entlasten“, so Roscher. „Das heißt aber nicht, dass die Arbeit weniger anspruchsvoll wird. Tatsächlich kann es sein, dass man bei der Überwachung dieser Systeme dauernd hochkonzentriert bleiben muss für den seltenen Fall, dass eine Störung vorkommt.“ Wenn dann etwas passiere, reiche es nicht aus, auf Signale zu reagieren. „Das System als Ganzes muss verstanden werden, da zwischen allen seinen Teilen Wechselwirkungen bestehen.“ Damit steige die Gefahr, Fehler zu machen und damit auch das Risiko, dass Beschäftigte sich überfordert fühlten.

Prävention wird zum Unternehmensziel

Berater im Arbeitsschutz seien daher gefordert, Antworten auf den Wandel der Arbeitswelt zu finden, so Roscher. Zusammen mit anderen Fachleuten hat die Leiterin des DGUV Sachgebiets „Neue Formen der Arbeit“ formuliert, was Prävention zukünftig leisten muss. Eine der wichtigsten Aufgaben, so Roscher: „Prävention muss als eigenständiges Unternehmensziel und Teil der Unternehmenskultur verankert werden. Die Auswirkungen auf Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten müssen bei allen Entscheidungen berücksichtigt werden, ob es nun um die Einrichtung einer autonomen Fertigungsanlage geht oder die Frage, ob man dienstliche Mails auch am Feierabend beantworten muss, wenn man ein Firmenhandy erhält.“

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