Wie wirkt sich Hochsensibilität aus?

7. Dezember 2015

Anerkannte Experten und Autoren auf dem Gebiet der Hochsensibilität gehen im Detail auf Effekte ein, die Hochsensible auf ihre Umgebung haben.

Wahrnehmung differenzierter als die Sprache

Hochempfindliche Menschen zeichnen sich auch durch eine vielschichtige Gedankenwelt aus. Wenn sie es durch Befragung oder Selbstbefragung trainieren, können viele von ihnen mehrere parallele Gedankenfäden wahrnehmen, oder verschiedene Ebenen von Motivationen für ein und dieselbe Handlung erkennen. Innere Dialoge laufen meist bewusst ab, oft nicht nur als Zwiegespräch, sondern als innere Konferenz verschiedenster Anteile der Persönlichkeit. Wenn sie ihre Aufmerksamkeit darauf richten, können sie unter Umständen die einzelnen Stimmen bzw. die dazugehörigen Persönlichkeitsanteile anhand unterschiedlicher Qualitäten wiedererkennen. ... Die Zustände der Beziehungen zu anderen Menschen können in vielen Facetten erkannt werden. Während nicht hochempfindliche Menschen oft nur „gut“, „weniger gut“ oder „schlecht“ mit jemandem auskommen, ist die Wahrnehmung von Hochempfindlichen oft bei weitem nuancierter als die Sprache, die uns zur Verfügung steht, um die unterschiedlichen Qualitäten zu beschreiben. Auch das Vorhandensein mehrerer, vielleicht widersprüchlicher Beziehungsfäden mit ein und derselben Person ist vielen hochempfindlichen Menschen durchaus bewusst.

Georg Parlow in seinem Buch „zart besaitet – Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen“ (S. 25f.), www.parlow.at

Feine Antennen

Ich persönlich bezeichne Hochsensibilität gerne als Wahrnehmungsbegabung. HSM haben einfach feine Antennen und „sehen“ oder fühlen Dinge, die für ihre Mitmenschen nicht vorhanden sind. Viele HSM haben Vorahnungen (Präkognitionen), die später so oder so ähnlich auch eingetreten sind. Diese Vorahnungen haben sie schon als Kinder und legen sich selbst eine gewisse Verantwortung dafür auf. Mache verbieten sich selbst zu „sehen“ oder zu „träumen“, weil sie Angst haben, dass das, was sie sich angeblich ausdenken später wirklich passieren wird. Manche HSM sind hoch empathisch und können fühlen, was in anderen Menschen vorgeht. Auch zu Tieren oder Pflanzen (der Natur) können sie einen besonderen Zugang haben. Manchen HSM ist es ein tiefes Bedürfnis, anderen zu helfen, sie können es kaum ertragen, wenn ein Lebewesen leidet. Große Gewissenhaftigkeit, bis hin zum Perfektionismus, begleitet viele Sensible, denn sie haben einfach ein Gespür dafür, wenn etwas nicht in Harmonie ist.

Birgit Trappmann-Korr, M.A., Sozialpsychologin und Inhaberin des Trappmann Instituts, www.trappmann-korr.de

Verzögerter Start und eigener Rhythmus

Berufstätige Hochsensible befinden sich in einem besonderen Spannungsfeld. Die Arbeitswelt heute ist vielfach von Konkurrenzdenken, verschärftem Wettbewerb und Leistungsdruck geprägt. Das sind Dinge, die Hochsensiblen zu schaffen machen können. Dabei sind sie zu hohen und höchsten Leistungen fähig und auch bereit, wenn sie ein Arbeitsumfeld haben, in dem sie mit ihrer Veranlagung geschätzt und akzeptiert werden und wo sie ihre Ziele in ihrem eigenen Rhythmus verfolgen können. Hochsensible haben oftmals einen verzögerten Start in die Berufswelt, weil sie sich oft nicht für eine Ausbildung entscheiden können. Wichtig ist hier besonders, dass Hochsensible ihren passenden Platz finden, da sie sonst die Gefahr laufen, sich ständig zu über- oder zu unterfordern und damit in die Burn- bzw. die Boreout (dem Leiden an der Langeweile)-Spirale zu geraten.

Brigitte Küster, Leiterin des Instituts für Hochsensibilität, Altstätten bei St. Gallen, in einem Interview mit Katharina Stricker für deren Abschlussarbeit, www.ifhs.ch/

Fähigkeiten des guten Ratgebers

Diese Menschen denken sehr häufig - um mit Saint-Exupéry zu sprechen - mit dem Herzen und entwickeln darüber eine hohe Empathiefähigkeit für ihre Mitmenschen. Hochsensible gelten darum oft als reflektierter, umsichtiger, vorausschauender und sind nicht selten mit überdurchschnittlichen künstlerischen Fähigkeiten ausgestattet. Die besonderen Fähigkeiten des guten Ratgebers sind gerade diejenigen, die vielen nicht so fühligen Menschen in unserer hektischen und komplexen Umwelt Orientierung und Hilfe geben. Darin könnte der besondere Dienst der Hochsensibilität für die Gesellschaft liegen, wenn denn hochsensible Menschen für sich Wertschätzung und Sicherheit in ihrer Umgebung erfahren dürfen.

Jutta Böttcher, HSP-Coach, Fachberaterin für Familien mit hochsensiblen KindernExpertin und Dozentin zum Thema Hochsensibilität, www.aurum-cordis.de

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