„Wir brauchen definitiv keine neuen Gesetze“ (Carlotta Köster-Brons)

13. April 2016

Mit einer Gesetzesinitiative will das Arbeitsministerium die Zeitarbeit weiter reglementieren. „Das können die Tarifpartner besser als der Gesetzgeber“, ist Carlotta Köster-Brons, Manager Public Affairs im Hauptstadtbüro von Randstad Deutschland überzeugt. Weder für die Mitarbeiter noch für die Kundenunternehmen brächten die vorliegenden Ideen eine Verbesserung mit sich.

  • Willkürlich gewählte Zeiträume widersprechen der betrieblichen Praxis und der Erfahrung der Mitarbeiter.
  • Als Branche mit der höchsten tariflichen Abdeckung hat sich die Zeitarbeitsbranche grundlegend gewandelt und ist heute umfassender Personaldienstleister.
  • Vorstellungen zum „Equal Pay“ gehen über den Koalitionsvertrag hinaus und sind praktisch nicht umsetzbar.

randstadkorrespondent: Wie schätzen Sie als Zeitarbeitsunternehmen die neuen, verschärften Regelungen für die Vertragsbeziehungen zu Ihren Kunden ein?

Carlotta Köster-Brons: Zum Glück gibt es ja momentan noch kein neues Gesetz, sondern nur Arbeitsentwürfe. Aber wir können schon erkennen, dass die seit dem Abschluss des Koalitionsvertrages anhaltende Diskussion um die anstehenden gesetzlichen Veränderungen manche Kunden verunsichert. In den letzten zwei Jahren gab es immer mal wieder Behauptungen und Gerüchte über das, was angeblich kommen wird. Wir suchen in solchen Fällen den intensiven Kontakt zu unseren Kunden und klären darüber auf, was der jeweilige Sachstand der Dinge ist. In den nächsten Wochen rechnen wir nun aber mit dem Start des parlamentarischen Verfahrens.


randstadkorrespondent: Welche Auswirkungen hat Ihrer Ansicht nach die Regelung „18 Monate maximal zur Arbeitnehmerüberlassung, dann Festeinstellung“ oder „Austausch“ des Zeitarbeitnehmers – da sie personengebunden sind?

Carlotta Köster-Brons: Die Begrenzung der Höchstüberlassung auf 18 Monate wird nicht dazu führen, dass zukünftig mehr Zeitarbeitnehmer von unseren Kundenunternehmen übernommen werden. Unsere Kundenunternehmen setzen Zeitarbeitskräfte ein, weil sie flexibel sein möchten – bei personellen Vakanzen werden unsere Mitarbeiter lange vorher übernommen. Setzt sich Frau Nahles durch, müssen zukünftig eingearbeitete Mitarbeiter auf Grund eines willkürlich festgesetzten Zeitraums ihren Arbeitsplatz verlassen und der Kunde muss eine neue Arbeitskraft einarbeiten. Davon hat aus unserer Sicht niemand etwas, weder der Kunde, noch der Mitarbeiter.

randstadkorrespondent: Sie kennen die Thematik des Missbrauchs von Leiharbeitsverträgen. Welche Vorteile sehen Sie in der Neuregelung gegenüber der letzten Gesetzesänderung von 2011?

Carlotta Köster-Brons: Der Missbrauch ist in der Realität deutlich geringer, als man es der Darstellung der Medien entnehmen kann. Unsere Branche hat ein Imageproblem und: Ja, wie in jeder Branche gibt es auch in der Zeitarbeit schwarze Schafe - aber nicht mehr oder weniger als in anderen Branchen auch. Wir bei Randstad haben fast 60 freigestellte Betriebsräte und darüber hinaus weitere interne Kontrollinstanzen. Unser System hilft uns, fast fehlerfrei zu arbeiten. Die Branche braucht definitiv keine weitere gesetzliche Regulierung.

randstadkorrespondent: Wo sehen Sie die Schwachstellen, was hat sich Ihrer Ansicht nach verbessert? Gibt es mehr Vertragssicherheit oder ein vereinfachtes Handling in der Praxis?

Carlotta Köster-Brons: Die Zeitarbeitsbranche hat sich in den letzten 10 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Wir sind die Branche mit der höchsten tariflichen Abdeckung. Unsere tarifvertraglichen Regelungen und unserer großes eigenes Engagement, wie zum Beispiel die Randstad Akademie, die Qualifizierungen und Weiterbildungen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchführt, sind ein Beispiel dafür, dass sich unsere Branche immer mehr in Richtung Personaldienstleistungen entwickelt. Dazu gehört die Qualifizierung als ein wichtiger Baustein. Der geplante Entwurf von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hilft bei der qualitativen Weiterentwicklung der Branche überhaupt nicht.

randstadkorrespondent: Eine Abweichung von 18 Monaten ist möglich bei Tarifverträgen, die eine andere Frist vorsehen. Etwa 24 Monate beim Tarifvertrag Leih-/Zeitarbeit in der Metall- und Elektroindustrie. Tarifverträge von Zeitarbeitsfirmen sind nach aktuellem Gesetzesentwurf nicht relevant. Was bedeutet das für die Alltagspraxis?

Carlotta Köster-Brons: Der Entwurf sieht vor, dass nur in Tarifverträgen der Einsatzbranchen oder in Betriebsvereinbarungen abweichende Regelungen zu den 18 Monaten vereinbart werden können. Frau Nahles verbietet somit den Tarifpartnern der Branche, eigene tarifvertragliche Regelungen zu vereinbaren. Stattdessen sollen zukünftig die Gewerkschaften bzw. die Betriebsräte der Kundenunternehmen mögliche längere Einsatzzeiten verhandeln – das ist schon mehr als grotesk. Ausnahmeregelungen zum Beispiel bei Elternzeitvertretungen, Krankheitsvertretungen und längeren Einsatzzeiten auf Grund von Qualifizierungsmaßnahmen sieht der aktuelle Entwurf gar nicht vor. Diese angedachten Regelungen gehen deutlich über den Koalitionsvertrag hinaus, vor allem aber gehen sie an der betrieblichen Praxis vorbei. Wir hoffen hier weiter auf die Einsicht der verhandelnden Partner.

randstadkorrespondent: Die Forderung nach Equal Pay: Worauf müssen sich Personaler und Personaldienstleister hierzu bzgl. Vertragsgestaltung einstellen?

Carlotta Köster-Brons: Frau Nahles hat auch in diesem Punkt in ihrem Gesetzentwurf deutlich mehr verankert, als der Koalitionsvertrag vorsieht. Bei genauer Betrachtung reden wir hier über mehr als Equal Pay. Der Entwurf sieht vor, dass unsere Mitarbeiter nach 9 Monaten in allen Vergütungsbelangen so gestellt werden, wie ein vergleichbarer Arbeitnehmer des jeweiligen Kunden vergütet wird. Sogar bei im Kundenbetrieb gewährten Sachbezügen soll ein finanzieller Wertausgleich erfolgen. Das bedeutet, dass sämtliche Zusatzleistungen, die das Kundenunternehmen seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zahlt, mit angerechnet werden. Das reicht von Bonuszahlungen über Prämien, betriebliche Altersvorsorge bis zum Gutschein für das Sportstudio um die Ecke. Bei der Berechnung der Stundenlöhne unserer Beschäftigten wären wir zukünftig also darauf angewiesen, dass unsere Kunden uns ihr gesamtes Vergütungssystem offenlegen, da wir ansonsten die geplanten gesetzlichen Regelungen aus eigener Kraft gar nicht erfüllen könnten. Aber auch bei diesem Punkt hoffen wir auf eine deutliche Rücknahme der derzeitigen politischen Forderungen der Ministerin. 

randstadkorrespondent: Nun heißt es: Wo kein Kläger, da kein Richter. Daher die Frage: Was wird sich Ihrer Einschätzung nach das Praxiswesen Leiharbeit/Werksverträge konkret ändern? Wer prüft woraufhin, ob ein AÜ-Vertrag oder Werkvertrag die neuen gesetzlichen Vorgaben einhält?

Carlotta Köster-Brons: Noch ist es zum Glück zu früh, eine abschließende Bewertung durchzuführen. Das hieße nämlich im Umkehrschluss auch, dass sowohl die Zeitarbeitsbranche also auch unsere Kundenunternehmen und somit ein großer Teil der deutschen Wirtschaft die Ideen aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales schon akzeptiert hätten. Fakt ist, dass, egal welche neuen Vorschriften am Ende in ein Gesetz gegossen werden, alle Vertragspartner in Zukunft peinlichst genau darauf achten müssen, dass alle Daten und Fakten zu 100 Prozent stimmen, da die Ministerin für alle Beteiligten hohe Sanktionen vorgesehen hat. Diese reichen von dem Entzug der Arbeitnehmerüberlassungslizenz bis zu der Konsequenz, dass ein Arbeitsverhältnis zwischen unseren Mitarbeitern und unseren Kundenunternehmen zu Stande kommen kann. In jedem Fall wird es für alle Beteiligten zu einem erheblichen Mehraufwand und damit auch zu höheren Kosten führen.

randstadkorrespondent: Zum Abschluss: Was müsste aus Ihrer Sicht am Entwurf verändert werden? Er lehnt sich ja stark an den Koalitionsvertrag an, geht teils auch darüber hinaus.

Carlotta Köster-Brons: Das Beste wäre es, wenn die Koalition gemeinschaftlich einsehen würde, dass die deutsche Wirtschaft Zeitarbeit als Flexibilisierungsinstrument dringend braucht. Zudem darf gerade in Zeiten mit geringer Arbeitslosigkeit und hohem Fachkräftemangel nicht vergessen werden, dass die Zeitarbeit für geringer qualifizierten Arbeitnehmern oder Menschen mit Unterbrechungen in der Erwerbsbiografie ein wichtiges und notwendiges Instrument zum Sprung in den Arbeitsmarkt ist. Aus unserer Sicht gibt es keinen zusätzlichen Regelungsbedarf und wenn es den geben sollte, dann sollte man das den Tarifpartnern überlassen und nicht dem Gesetzgeber. Dass die Tarifpartner das können, haben sie in den letzten Jahren bewiesen, u.a. bei dem Abschluss der Branchenzuschlagsvereinbarungen.

Info zur Person Carlotta Köster-Brons

Carlotta Köster-Brons

Carlotta Köster-Brons, studierte Politikwissenschaften, Soziologie und Angewandte Kulturwissenschaften in Münster. Die Vermittlung zwischen Politik und Wirtschaft sind für Carlotta Köster-Brons vertrautes Terrain. Als Geschäftsführerin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU) kümmerte sie sich fünf Jahre um die Akzeptanz und Gleichberechtigung unternehmerisch tätiger Frauen auf politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene. Zuvor war sie zudem als Referentin bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in den Abteilungen Betriebliche Personalpolitik/Berufliche Bildung und Arbeitsmarkt tätig. Seit Februar 2014 verantwortet Carlotta Köster-Brons als Manager Public Affairs das Hauptstadtbüro von Randstad Deutschland.

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