Zeitarbeit 2020: Das bewegt die Branche

Zwischen Brexit-Überraschungen und AÜG-Normalität behält die Zeitarbeit ihre Schlüsselfunktion als flexibles Instrument für Unternehmen. Im Zuge von Digitalisierung und Serviceorientierung wächst die Dienstleistungsqualität und die Rolle im Recruiting-Prozess.

Zeitarbeit 2020

Für die klassische Einsatzform von Zeitarbeit spricht neben den klassischen Vorteilen 2020 ein in dieser Form noch nie dagewesener Umstand: der Brexit. Mangels Terminsicherheit, aber vor allem weil konkrete gesetzliche Richtlinien oder Verordnungen fehlen, müssen sich weite Teile der Wirtschaft auf überraschende Wendungen am Markt und innerhalb der etablierten Wertschöpfungsketten einstellen. In der Logistik zum Beispiel sind Wege- und Wartezeiten, die sich im Verkehr über den Ärmelkanal ergeben, derzeit kaum präzise kalkulierbar. Die Folgewirkungen reichen weit in die Produktions- und Handelslandschaft hinein und sind geeignet, in einem breiten Spektrum von Berufen kurzfristigen Spitzenbedarf auszulösen. Gefragt sind dabei nicht nur Spezialisten aus dem Lager- und Transportsektor, sondern auch im Backoffice, um den anstehenden Verwaltungsaufwand zu bewältigen.

Verbesserte Planbarkeit und Servicequalität

Vor allem dort spielt sich derzeit ein weiterer Veränderungsprozess ab, der die ganze Wirtschaft betrifft: die Digitalisierung quer durch alle Bereiche und Abteilungen eines Unternehmens. Für die Zeitarbeit stehen dabei vor allem Fortschritte bei der Planung, Steuerung und Dokumentation im Fokus, die in eine effizientere und präzisere Umsetzung aller Formen der Personaldienstleistung münden. Denn genau hier liegen die Schmerzpunkte der Kundenunternehmen: Neue Wirtschaftsmodelle, der demografische Wandel und die Auswirkungen der Technologie verändern die Arbeitswelt - und zwar schnell. Das bedeutet, dass sich die Arbeitsplätze ebenso wie die Kandidatenanforderungen, der Bewerbungsprozess und die Arbeitsweise verändern. René Steenvoorden, Chief Digital Officer and CIO von Randstad weltweit:"In den 38 Ländern, in denen Randstad tätig ist, suchen Arbeitgeber ständig nach neuen Wegen, um effizienter zu werden, um Stellen schneller zu besetzen und um weniger Zeit und Geld zu investieren, die besten Mitarbeiter zu finden. Es hat enorme Veränderungen in der Art und Weise gegeben, wie Unternehmen Humankapital einsetzen - etwa indem sie zunehmend flexibles Personal einsetzen, um Agilität zu erreichen. Hier ist es  die Mission von Randstad, unseren Kunden und Kandidaten zu helfen, in dieser sich wandelnden Arbeitswelt bedeutsam zu bleiben". 

KI wird zur akuten Herausforderung

Das gilt aus eigenem Bedarf heraus sowie in Fragen der Dienstleistungsqualität für die Kunden, auch wenn sich noch gar nicht genau absehen lässt, wie sehr sich gerade die Prozesse und Abläufe bei Personaldienstleistern verändern werden. Allerdings wäre es fatal, sich nicht schon heute mit genau diesen Themen zu befassen, so Dirk Ploss aus dem Bereich Digital Technologies Scouting and Advisory bei der Beiersdorf AG. Der Handlungsbedarf in den Firmen ist seiner Einschätzung nach größer, als mancher wahrhaben möchte. „Da KI extrem große Datenmengen in kürzester Zeit verarbeiten kann, arbeitet die Technologie zuverlässiger, schneller und korrekter als das menschliche Gehirn,“ macht er den Einfluss auf Arbeitsqualität und Produktivität deutlich. Darüber hinaus sind Personalverantwortliche gefragt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Umgang mit KI vorzubereiten und dann in der Anwendung zu betreuen.

Abwarten beim AÜG

Im Alltag angekommen ist die Reform  des Arbeitnehmer Überlassungsgesetzes (AÜG) aus dem Jahr 2017. Die Abläufe haben sich eingespielt, anfängliche Unsicherheiten bei Auslegung und Umsetzung sind weitgehend ausgeräumt. Dass sich auf Dauer nichts am AÜG ändern wird, ist damit allerdings nicht gesagt. Wurde doch mit seinem Inkrafttreten eine Evaluierung seitens des Gesetzgebers verbindlich festgelegt. Die dafür nötige wissenschaftliche Begleitung wurde 2019 ausgeschrieben, der dafür nötige Zeitrahmen wird derzeit auf 26 Monate geschätzt. Also sind Ergebnisse nicht vor 2022 zu erwarten. Da derzeit kein politischer Druck für eine Veränderung erkennbar ist, können alle Beteiligten von stabilen Verhältnissen in diesem Jahr ausgehen.

Rekturierung via Zeitarbeit

Eine relativ neue Rolle der Zeitarbeit für die Personalstrategie von Unternehmen wird sich 2020 weiter verstärken: ihre Nutzung als Instrument zum Recruiting. Schon im Sommer 2019 hatten Branchenexperten beim „Forum Zeitarbeit“ eine aktuelle Studie diskutiert, aus der hervorgeht, dass die Mehrheit der befragten Betriebe Zeitarbeit als Rekrutierungsinstrument nutzen. Unternehmen, die diese Funktion nennen, verfügten über Personalabteilungen, die eher nicht strategisch aufgestellt seien, hieß es dort. Die Hälfte der Befragten wünscht sich zudem, dass die Integration und das Onboarding der Zeitarbeitnehmer besser funktioniert, um einen potenziellen Übergang in ein Stammarbeitsverhältnis sicherzustellen. In gleichem Maß wachse, so die Studie, aufgrund weltweiter Zuliefererstrukturen und Kostendrucks sowie wechselseitiger Abhängigkeiten zwischen Produzenten- und Konsumentenmärkten insbesondere das Bedürfnis nach personeller Flexibilität in den Unternehmen. Sie wollen, siehe Brexit, damit auf Nachfrage- und Angebotsschwankungen ökonomisch reagieren können.

Tarifverhandlungen haben begonnen

Auswirkungen zeigen wird in diesem Jahr ein Prozess, der bereits im Herbst 2019 begonnen hat: die Tarifverhandlungen der Zeitarbeitsbranche mit insgesamt acht Gewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Es ist ein Unikum in der Tarifszene, dass sich alle DGB-Gewerkschaften in einer „Tarifgemeinschaft Leiharbeit“ zu Verhandlungen miteinander verbinden. Die Entgelttarifverträge zwischen der Tarifgemeinschaft und dem Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister e.V. (BAP) sowie dem Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen e.V. (iGZ) wurden vonseiten der Gewerkschaften gekündigt. Sie betreffen bundesweit rund 98 Prozent der zur Zeit ca. 750.000 Zeitarbeitnehmer in Deutschland.

Erholung der Konjunktur

In einer so stark konjunkturabhängigen Branche wie der Zeitarbeit geben gesamtwirtschaftliche Tendenzen den Ausschlag, wie sich Angebot und Nachfrage entwickeln. Nach der Abschwächung und Stagnation im abgelaufenen Jahr rechnen fachkundige Beobachter für 2020 wieder mit einem Aufwärtstrend. „Im Jahr 2020 könnte die Talsohle durchschritten werden und die Entwicklung an Fahrt gewinnen, sofern nicht zusätzliche Negativfaktoren auftreten“, prognostiziert das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung IAB.