Zwischen Lobeshymne und schriftlichem Mobbing

9. Dezember 2013

Totgesagte leben länger. Das trifft auf das Buch zu. Es sollte nach Einführung von Film und Fernsehen schon vor Jahrzehnten das Zeitliche segnen. Tat es aber nicht. Bei der Bewerbung wurde Gleiches wegen des Internets dem Lebenslauf geweissagt. Der tat es aber auch nicht. Nun steht das Arbeitszeugnis zur Diskussion. Es bleibt spannend.

Individuelle Referenz kontra standardisiertes Zeugnis

Zünglein an der Waage spielt die Jurisprudenz. In beiden Richtungen. Einerseits erhält sie das Arbeitszeugnis künstlich am Leben. Andererseits könnte sie zu seinem Totengräber werden. Das Problem: Arbeitszeugnisse müssen nicht nur sein, sie müssen auch noch positiv sein.

Wohlwollend – was soll das?

Arbeitszeugnisse sollen der Wahrheit entsprechen. Sie müssen allerdings wohlwollend formuliert sein. So ist es geltendes Arbeitsrecht. Positive Formulierungen können sogar eingeklagt werden. Sie sollen keine Lobeshymnen auf einen Arbeitssuchenden singen. Allzu oft aber transportieren sie versteckte Botschaften zwischen den Zeilen. Mobbing zwischen den Zeilen – auf diskrete Art.

Da fragt sich doch jeder Arbeitgeber: Was soll ich damit? Da hat doch so ein Arbeitszeugnis an jeder Aussagekraft verloren! Für ihn als Hilfe bei der Entscheidung über die Einstellung eines Bewerbers: nur eingeschränkt tauglich.

Ersatzinformationen aus dem Internet

Folge: Klassische Lebensläufe und Arbeitszeugnisse verlieren an Bedeutung. Sie werden mehr und mehr durch Profile im Netz ergänzt oder ersetzt. Mit ihnen können jede Fähigkeit und jede berufliche Station schnell überprüft werden. Jürgen Hesse, Erfolgsautor zum Thema Arbeitsrecht und international führender Experte auch für Arbeitszeugnisse: „Der Entwertungsprozess schreitet voran, parallel nimmt die telefonische Kontaktaufnahme und direkte Nachfrage nach einer Empfehlung mit dem letzten oder vorletzten Arbeitgeber zu.“

Im Ausland gelten Arbeitszeugnisse ohnehin viel weniger als im deutschsprachigen Mitteleuropa. Hesse: „Arbeitszeugnisse – so wie wir sie kennen – sind etwas typisch Deutsches. Es wäre längst angebracht, hier über andere Formen nachzudenken.“

International zählt die Referenz

In den angelsächsischen Ländern sind Lebensläufe ohne Referenzen undenkbar. Im von den USA beeinflussten amerikanischen Raum sind anstelle der Arbeitszeugnisse Empfehlungsschreiben (letters of recommendation) üblich. Diese werden von hochrangigen Personen im Unternehmen, der besuchten Universität oder anderen Geschäftskontakten ausgestellt.

Online-Personalauswahl erfordert neue Strategien und Dokumente

Persönlicher Stil gefragt

Jedoch sind Empfehlungsschreiben nicht unumstritten. Sie fallen natürlich immer positiv aus. Niemand würde ein solches Schreiben von jemandem erbitten, der ihm nicht wohlgesonnen wäre. Empfehlungsschreiben sind persönlicher und keinen Formulierungszwängen unterworfen. Sie sind auch deutlich kürzer als ein klassisches deutsches Arbeitszeugnis.

In Frankreich ist Form und Inhalt von Arbeitszeugnissen, certificats de travail, sehr weit reglementiert. Sie dürfen im Wesentlichen lediglich Angaben zu Beginn und Ende eines Arbeitsvertrages, Gehalt, Arbeitszeiten, Beschreibung der zu erledigenden Aufgaben sowie Daten zu Person und Arbeitsstelle enthalten. Die Arbeitszertifikate sind nicht zu verwechseln mit der attestation de travail à remettre à Pôle Emploi, die Meldung des Arbeitgebers an die nationale Arbeitsagentur über Beginn und Ende eines Arbeitsverhältnisses.

Authentische Informationen

Auch in Deutschland versenden Freelancer und Personalberater zunehmend Profile und keine Lebensläufe. Hesse: „Arbeitszeugnisse haben in den letzten zehn Jahren an Aussagekraft enorm verloren, weil schätzungsweise jeder zweite Beurteilte aktiv Einfluss nimmt, nicht wenige sogar vom Arbeitgeber aufgefordert werden, sich doch bitte eins selbst zu schreiben.“

Steffen Rühl, Geschäftsführer der Personensuchmaschine Yasni, prophezeite schon 2009: „In zehn Jahren gibt es keine klassischen Personal-Bewerbungen mit Arbeitszeugnis mehr.” Personalentscheider und -berater verließen sich nicht mehr auf Arbeitszeugnisse. Sie fänden im Internet wesentlich mehr und authentischere Informationen über den Bewerber.

Bewerber müssen Reputations-Management stärken

Und der Bewerber? Für ihn bedeutet der Trend zur Online-Information der Personalentscheider: stärkere digitale Identitätspflege. Doch davon sind Bewerber derzeit noch ziemlich weit entfernt. 60% der deutschsprachigen Internet-User kümmern sich Rühl zufolge nicht um ihren Ruf im Netz. Rühl: „Angesichts der vorstellbaren Zukunftsszenarien unserer Meinung nach ein fataler Fehler.“

Rühl stellt dem traditionellen Arbeitszeugnis Begriffe wie Ego-Marketing und Online Reputation Management gegenüber. Er sieht in ihnen die großen Zukunftsthemen der Arbeitswelt. Ziele ist, die eigene Person als Markenpersönlichkeit zu etablieren. Führende Portale wie Xing oder Yasni haben darauf bereits reagiert. Sie bieten entsprechende Online-Dienste an.

Online und Papier ergänzen sich

Bei Xing beispielsweise können Premiummitglieder ihre Kontakte um Referenzen bitten. Diese lassen sie auf ihrem Profil zu jeder Position ihrer Laufbahn anzeigen. Referenzen können dabei mit oder ohne ergänzende Empfehlungsschreiben ausgestellt werden.

Yasni hat den Dienst „Premium“ eingerichtet. Damit können Bewerber besser mit ihrem Profil gesehen werden. Sie lenken noch mehr Aufmerksamkeit auf das eigene Angebot, eine Dienstleitung oder die Persönlichkeit.

Dass deswegen das schriftliche Arbeitszeugnis schon auf den Abfallhaufen der Geschichte entsorgt werden muss, ist gleichwohl zweifelhaft. Das Papier ist als Lebensbegleiter in vielerlei Hinsicht nach wie vor einfach unschlagbar. Beim Buch steht das ja auch außer Frage.

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