Akademiker nach Art des Hauses

26. August 2013

Warum Fachkräfte „von der Stange“ nehmen, wenn man sie „nach Maß“ bekommen kann? Fast alle Großunternehmen, zunehmend aber auch Mittelständler haben die unternehmensspezifische Aus" und Weiterbildung inzwischen so weit institutionalisiert, dass die Bezeichnung „Akademie“ dafür angemessen ist.

Im bayerischen Chemiedreieck rund um Burghausen haben die Unternehmen schon früh erkannt, dass sie – weit entfernt von den Metropolen und Hochschulzentren – auf sich selbst angewiesen sind, wenn sie ihren Bedarf an hochqualifiziertem Fachpersonal stillen wollen. So hat eines der führenden Branchenunternehmen, die Wacker Chemie AG 1969 das „Berufsbildungswerk Burghausen“ ins Leben gerufen.

Das BBiW ist eine öffentliche Stiftung des privaten Rechts, die sich ausschließlich und unmittelbar um die „gemeinnützige Zwecke der Ausbildung, Umschulung und Weiterbildung Jugendlicher und Berufstätiger“ kümmert. Dies geschieht schon lange nicht mehr nur für den Eigenbedarf, sondern für eine ganze Reihe auch kleinerer Firmen und Betriebe der Branche und Region.

Wertschätzung für Mitarbeiter

Vermutlich würde man der Einrichtung heute einen etwas weltläufigeren Namen geben. Weltweit präsentiert sich Vergleichbares unter dem Begriff „corporate university“. Wegen der in deutschen Landen streng reglementierten Vergabe des Begriffs „Hochschule“ oder „Universität“ hat sich inzwischen die „Akademie“ eingebürgert – eine Terminologie, die erstens durchaus mittelstandstauglich ist, zweitens auch die Betreuung von Nicht-Akademikern erlaubt und drittens für ihre Absolventen die Wertschätzung durchs Unternehmen ausdrückt.

Geht man außerhalb der börsennotierten Konzernwelt auf die Suche, so stößt man auf solche Akademien überraschend häufig in Firmen, bei denen vermeintlich einfache Tätigkeiten im Mittelpunkt stehen. Mitte 2007 zum Beispiel eröffneten die Hako-Werke in Bad Oldesloe ihre „Hako Akademie“. Seither ist ein breit gefächertes, auf die speziellen Erfordernisse von Reinigungsfachleuten und Maschinenbedienern zugeschnittenes Bildungsangebot herangewachsen. Auf dem Programm stehen dabei Themen wie „Sicherer Umgang mit Reinigungsmaschinen“, „Reinigungs- und Hygienetechnik“ oder „Wirtschaftlichkeitsberechnungen“.

Auswirkung auf die Wirtschaftlichkeit

„Damit im Objekt gute Leistungen erzielt werden, effizient gearbeitet werden kann und somit auch die Kosten im Griff gehalten werden, ist eine Qualifizierung der Reinigungskräfte unumgänglich“, so Klaus Serfezi, anwendungstechnischer Trainer und Berater bei Hako. Seine Erfahrungen bestätigen zudem, dass sich die Motivation von Mitarbeitern erhöht, wenn sie fachkundig eingewiesen und geschult werden, um wirklich wirtschaftlich und objektschonend zu reinigen.
Stets handelt es sich dabei um Fachschulungen, die auf Hako angemessen und wirtschaftlich durchdacht sind. So werden sie auf die spezifischen Ansprüche bedarfsgerecht zugeschnitten, damit „selbst vorgebildeten Reinigungsfachleuten etwas geboten wird, womit sie ihren fachlichen Horizont noch erweitern“.

Ausbildung mit Markenzeichen

Auch das Bündeln aller Fort- und Weiterbildungen unter einem Dach, das gleichzeitig eine Marke trägt, ist ein gutes Argument „pro Akademie“. In Zeiten, in denen sich eine wachsende Zahl von Unternehmen Gedanken über das „corporate branding“ macht, spricht vieles für diesen Schritt. Denn so bekommt das Anwendungswissen und das versammelte Know-how der Mitarbeiter ein Etikett – und den Status eines eigenen Produkts. Da trifft es sich gut, wenn innerhalb dieser Marke dann auch noch eine „Produktentwicklung“ stattfindet, die sich am Unternehmensbedarf orientiert.

So verfügt zum Beispiel die Schreiner Group in Oberschleißheim mit der Schreiner Akademie über eine eigene Weiterbildungseinrichtung. 2012 hat der inzwischen international aufgestellte Spezialist für Etikettierung und Etikettendruck dort 2.694 Schulungstage durchgeführt. Das breit gefächerte Weiterbildungsangebot soll, so das Unternehmen, die Mitarbeiter dabei unterstützen, ständig dazu zu lernen sowie sich in ihrer Persönlichkeit und ihren Kompetenzen weiterzuentwickeln. Neben der Zusammenarbeit mit externen Trainern wird ein Teil dieser Maßnahmen von 60 internen Trainern gestaltet – Mitarbeiter des Unternehmens, die im Rahmen des Konzeptes „Train the trainer" darauf vorbereitet werden, ihr Wissen professionell an ihre Kollegen weiterzugeben.

Erweiterte Optionen durch E-Learning und Webinare

Auf einen teilweise virtuellen Campus verlässt sich dagegen die proALPHA Software AG im pfälzischen Weilerbach. Das 1992 gegründete IT-Unternehmen fördert die Weiterbildung seiner 400 Beschäftigten in Deutschland (weltweit: 500): Im Durchschnitt nahm 2011 jeder Mitarbeiter 25 Weiterbildungstage.

Den Mitarbeitern steht dabei die hauseigene Akademie vor allem über das Intranet offen. Sie erhalten permanenten Zugang zu aktuellen E-Learning-Programmen und können diese mit den Inhalten aus Präsenzveranstaltungen kombinieren. Webinar-Aufzeichnungen und Videos zum Selbststudium ergänzen das Angebot. „Neben den fachspezifischen Fähigkeiten fördern wir dabei auch die Soft Skills unserer Mitarbeiter“, berichtet Vorstand Leo Ernst.

Steigerung fürs Selbstverständnis

Welchen Wert für das Selbstverständnis der Mitarbeiter die Ausbildung an einer Akademie hat, das haben schon vor Jahrzehnten die Sparkassen erkannt. In den Verbandsgebieten quer durch Deutschland stehen solche regionalen Aus- und Weiterbildungseinheiten zur Verfügung, in denen sich Basis-Qualifikationen wie ein „Kundenberaterlehrgang“ genauso holen lassen wie hochgradiges Fachwissen in einem „Vertiefungsworkshop zum Umstieg von der Basis- zur Plus- Datenversorgung für die Integrierte Zinsbuchsteuerung“ oder die klassische Ausbildung zum „Sparkassen-Betriebswirt“.

Hier macht sich nicht nur die unternehmenskonforme Ausbildung identitätsstiftend bemerkbar; die Einheitlichkeit der Lehrinhalte macht die so Qualifizierten auch mobil beim Wechsel von einem Kreditinstitut mit dem roten „S“ zum anderen.

Wie sehr auch in den Unternehmens-Akademien Theorie und Praxis miteinander verbunden sind, macht der Facility-Management-Spezialist Dr. Sasse AG deutlich. Da müssen auch die Führungskräfte ran, wenn es heißt: Saubermachen! Die Mitarbeit in der Gebäudereinigung gehört bei Sasse fest zum Ausbildungsprogramm für alle Mitarbeiter, für Trainees genauso wie für Angehörige der Human-Resources-Abteilung. „Auch unsere Töchter Laura und Clara, die derzeit studieren und einmal in die Führung des Unternehmens einsteigen werden, haben nachts Busse oder am Flughafen Toiletten geputzt“, sagt Dr. Christine Sasse, Personalchefin des Unternehmens.

„Grundreinigung“ in der Putzakademie

Umgekehrt kümmert sich die „Akademie“ des Unternehmens darum, dass Führungskräfte des Hauses die nötige Grundausstattung in ihrem Putz-Set haben. Sie ist in Schottland angesiedelt, eine gute Fahrstunde von Edinburgh entfernt auf einem alten Landsitz, weit weg von den Ablenkungen städtischen Lebens und des beruflichen Alltags. Eine solche Einrichtung ist in der Branche die absolute Ausnahme.

Mancher Außenstehende mag sich gar fragen, ob so viel Niveau, wie es der Titel „Akademie“ ausdrückt, mit einem typischerweise als Anlernberuf verstandenen Job in der Putzkolonne überhaupt vereinbar ist. Absolut sei sie das, wie Christine Sasse klarmacht: „Wir qualifizieren unsere Mitarbeiter und unterstützen sie dabei, dorthin zu kommen, wohin sie es vielleicht allein nicht geschafft hätten. Selbst Mitarbeiter, die bei uns als Techniker oder Reinigungskräfte einsteigen, können in Positionen mit Führungsverantwortung aufsteigen.“ Hausgemachte „Akademiker“ also, deren Qualifikation sauber herausgeputzt ist.

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