Allein kann man auf See nichts erreichen

13. Mai 2015

Personalentwicklung in Organisationen, die sich außerhalb herkömmlicher Märkte bewegen, hat ihren eigenen Charakter. Gleichwohl liefert sie Anregungen oder Ideen für andere. Teil 1 der Serie: die Seenotretter der DGzRS, der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.

Seemannschaft und Teamfähigkeit prägen das Persönlichkeitsprofil

Die Seenotretter sind rund um die Uhr und bei jedem Wetter einsatzbereit. Oft sind sie gerade dann auf Nord- und Ostsee unterwegs, wenn andere Schiffe Schutz im Hafen suchen – insgesamt mehr als 2.000 Mal Jahr für Jahr. Sie engagieren sich freiwillig und selbstlos. Die vor 150 Jahren gegründete Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ist an den deutschen Küsten zuständig für den Such- und Rettungsdienst (SAR = Search and Rescue) im Seenotfall. Sie nimmt diese Aufgabe unabhängig, eigenverantwortlich und auf privater Basis wahr – finanziert nach wie vor ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen, ohne jegliche staatlich-öffentliche Mittel.

Eigener Kurs in der Personalarbeit

Schaut man sich an, wer auf den Rettungsbooten und -kreuzern der DGzRS Dienst tut, stößt man auf eine besondere Gruppe Menschen. Selbst für Seeleute ist das, was ihre Kolleginnen und Kollegen dort leisten, etwas Außergewöhnliches, kein Job wie jeder andere. Weshalb die Organisation selbst bei der Auswahl und Entwicklung ihrer Mitarbeiter auch einen eigenen Kurs einschlägt.

Auf den größeren zwanzig Rettungseinheiten, ausgerüstet mit Tochterboot, hat die DGzRS 180 festangestellte Mitarbeiter im Einsatz. „Zwei Drittel der Flotte allerdings besetzen wir mit mehr als 800 Freiwilligen. Einige von ihnen ergänzen gelegentlich auch die Besatzung der größeren Schiffe“, berichtet Sprecher Christian Stipeldey. „Die freiwilligen Seenotretter sind seit Gründung der DGzRS 1865 das Rückgrat unserer Organisation.“

Seemannschaft ist das A und O

Was die Auswahl der Mitarbeiter angeht, registriert die Gesellschaft eine ungebrochen hohe Nachfrage. „Nachwuchsprobleme haben wir so gut wie nicht. Allerdings: In abgelegenen Gegenden, in denen wenig Menschen leben, gibt es schon mal Doppelfunktionen, das heißt zum Beispiel, Feuerwehrleute sind zugleich auch Seenotretter, so Stipeldey. Jedoch müsse die Gesellschaft auch vielen Interessenten die Illusion nehmen, dass die Bereitschaft zu helfen ausreicht.

Für den anspruchsvollen Dienst ist Seemannschaft sehr wichtig. Bei den Festangestellten sind daher „ausgefahrene“ Patente verlangt, die Vorleute haben in der Regel das A6-Patent für „Große Fahrt“. Viele Besatzungsmitglieder sind zuvor auf Hochseeschiffen gefahren und dann umgestiegen, zum Beispiel um in Heimatnähe zu arbeiten und häufiger bei der Familie zu sein.

Teamfähigkeit entscheidet über alles

Welche Talente müssen Ihre Besatzungen über die Seemannschaft hinaus mitbringen? In großem Maße Teamfähigkeit. Jeder Törn dauert 14 Tage mit ständiger Einsatzbereitschaft. Die Seenotretter leben bei Wind und Wetter diese ganze Zeit auf engem Raum an Bord zusammen. Stipeldey: „Das geht nur im Miteinander – allein kann man auf See nichts erreichen.“ Dies gilt genauso für die Freiwilligen. Auf einem der Schiffe fährt zum Beispiel der stellvertretende Bürgermeister einer Insel in der Besatzung mit; dort arbeitet er dann mit anderen zusammen, mit denen er sich vielleicht ein paar Stunden zuvor als politischer Gegner gegenüberstand. „Solche Differenzen bleiben im Einsatz zurück an Land“, macht Stipeldey klar. „Das ist an Bord eine ganz andere Gemeinschaft.“ Weshalb ein weiterer Faktor hohen Wert genießt: Im Zusammenleben ist Bescheidenheit eine gute Eigenschaft. Man drängelt sich nicht nach vorn.

Mehr oder weniger Überraschendes zur Rolle von Frauen und über die Karriereplanung

Eine Gemeinschaft, in der seit jeher auch Platz für Frauen ist. Gegenwärtig fahren etwa drei Dutzend mit – bisher ausschließlich bei den Freiwilligen. Auf Seiten der Festangestellten fehlt es an einer ausreichenden Zahl an Patentinhaberinnen. „Die Frauen, die ein entsprechendes Patent haben, wollen weltweit zur See fahren“, sagt der DGzRS-Sprecher. „Oder sie scheiden ganz aus dem Beruf aus, wenn sie eine Familie gründen.“

Einsatz von Frauen hat Tradition

Dabei haben Frauen eine lange Tradition im Seenotrettungsdienst. Schon in den Anfangsjahren gab es vereinzelt Frauen, die zum Beispiel dabei geholfen haben, die Gespanne ans Ufer zu führen, von denen die Rettungsboote zu Wasser gelassen wurden. An der Ostseeküste gab es früher einige Ruderrettungsboote, etwa auf der kleinen Insel Greifswalder Oie, die ergänzend mit Frauen aus der Landwirtschaft besetzt waren, wenn es an Männern fehlte.

Für beide Geschlechter gleich ist der Weg, auf dem sich die Entwicklung vom Anfänger zum Könner im Seenotrettungsdienst vollzieht. „Das ist zum großen Teil Learning by Doing”, sagt Stipeldey. „Die großen Herausforderungen lassen sich nur bedingt theoretisch trainieren.“ Darum erhalten Neueinsteiger zuerst einen Grundlagenkurs. Alles Weitere holen sie sich bei ihren Kollegen, von deren Erfahrung sie lernen.

Ständiges (Selbst-)Überprüfen der Leistungsfähigkeit

In diesem Beruf lernt man am besten aus schwierigen Bedingungen – und aus Fehlern. Bei den „Kontrollfahrten“, die jedes Boot in seinem Revier unternimmt, achten die Seeleute einerseits auf Veränderungen in ihrer Umgebung und testen alle technischen Systeme an Bord. Sie prüfen andererseits dann stets auch das eigene Können. „Wir müssen alle Handgriffe und Verfahren tief verinnerlicht haben, damit wir auch arbeiten können, wenn aus irgendeinem Grund die Monitore mal schwarz bleiben, also technische Hilfsmittel ausfallen und Navigation mit Kursdreieck und Papierseekarte gemacht werden muss.“

Die Karriereplanung ist eher übersichtlich angelegt. Auf einem Seenotrettungskreuzer fahren normalerweise vier Mann, davon zwei Nautiker und zwei Techniker. Die Verantwortung an Bord trägt der 1. Vormann, also ein Kapitän zur See. Die Bezeichnung Vormann stammt aus der Zeit der Ruderrettungsboote. Der Vormann saß hinten im Boot an der Ruderpinne und war der einzige, der voraus blickte – und die Gefahren kommen sah. Aus den Reihen der Rettungsleute an einer Station kommen dann auch der 2. und der 3. Vormann, die die Verantwortung übernehmen, wenn der jeweils andere Kollege nicht an Bord, sondern etwa im Freitörn ist.

Hierarchie nur in der Verantwortung

Flacher als auf einem solchen Boot sind daher auch Hierarchien nicht denkbar. „Grundsätzlich gilt das Prinzip: Jeder muss im Ernstfall jeden ersetzen können“, bringt es Stipeldey auf den Punkt. Die Arbeit auf einem Rettungsboot hat eine hohe Redundanz. Verantwortung trägt deshalb zwar jeder; aber nur einer trifft letztlich Entscheidungen. Der Vormann übernimmt die Verantwortung für seine Besatzung – und damit im Extremfall auch für das Leben der Kollegen.

Weil die Gemeinschaft so eng ist, lernt auch ein Neuling schnell. Stipeldey: „Dabei hilft viel, dass wir die Teams immer gut mischen. Jeder muss mal mit jedem arbeiten. Mit dem Alter wächst dann die Erfahrung. Das Durchschnittsalter unserer Festangestellten ist übrigens relativ hoch, denn keiner beginnt bei uns, ohne nicht vorher Seefahrtserfahrung gesammelt zu haben.“

Damit Teams entstehen und zusammenhalten, bietet die DGzRS jedem neuen Kollegen zunächst eine Probewoche an Bord. Im Alltag zeigt sich schnell, ob sich jemand in ein Team einfügt oder ob es Reibungspunkte gibt und wo sie liegen. Das kann unter Umständen zu einem „Passt nicht“ führen. „Das ist gut so; besser als wenn es im Dienst passiert“, sagt der Experte.

Einkommen ist fast Nebensache

Bleibt noch die Frage nach dem Geld. Seeleute in der großen Fahrt verdienen allein schon aufgrund der Auslandszuschläge mehr als Seenotretter, die bei einer spendenfinanzierten Gesellschaft angestellt sind. Freiwillige wiederum erhalten nur eine kleine Aufwandsentschädigung. „In der Tat muss da etwas anderes mitspielen, wenn jemand freiwillig Risiken eingeht, der sich auch eine bequemere Aufgabe hätte suchen können“, weiß auch Stipeldey.

Meist gilt: einmal Seenotretter, immer Seenotretter. Auch wenn sich die Karriere-Perspektiven in Grenzen halten. Manche Festangestellte übernehmen nach Jahren an Bord Aufgaben als Ausbilder oder gehen in die Seenotleitung nach Bremen, die sämtliche Einsätze koordiniert. „Ihre praktische Erfahrung stärkt dann wieder das Vertrauen, das jene, die im aktiven Einsatz sind, in die Führung der Organisation setzen“, sagt Christian Stipeldey. „Auch das fügt sich in die lange Tradition der DGzRS.“

Infobox

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) im Profil 54 Stationen an Nord- und Ostsee zwischen Borkum im Westen und Usedom im Osten 60 Seenotkreuzer und Seenotrettungsboote 1.000 Seenotretter, davon über 800 Freiwillige einsatzbereit bei jedem Wetter, rund um die Uhr mehr als 2.000 Einsätze pro Jahr koordiniert durch die SEENOTLEITUNG BREMEN der DGzRS seit 1865 rund 82.000 Gerettete finanziert ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen, ohne Steuergelder mehr Informationen: www.seenotretter.de, E-Mail:[email protected]

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