Anruf vom Chef ist stressiger als Streit mit dem Partner

6. Oktober 2016

Wenn unzureichende Urlaubsplanung und -vorbereitung Grenzen überschreiten: Anrufe aus der Firma verursachen bei Urlaubern den höchsten Stress.

  • Dienstliche Kommunikation in den Urlaub hinein belastet die Arbeitnehmer.
  • Erholung und Regeneration der Leistungskraft werden dadurch gestört.
  • Studien zeigen, dass Störungen unnötig sind und häufig auf schlecht informierte Kollegen zurückgehen.

Die große Mehrheit der Berufstätigen, die im Sommer in den Urlaub fahren, bleibt für Vorgesetzte, Kollegen oder Geschäftspartner erreichbar. Sieben von zehn Beschäftigen (72 Prozent) beantwortet in den Ferien dienstliche Anrufe, E-Mails oder Kurznachrichten wie SMS, WhatsApp-Nachrichten oder iMessages. Das zeigte vorigen Sommer eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Zwei Drittel (66 Prozent) nehmen Anrufe entgegen, auf Kurznachrichten reagieren 58 Prozent und E-Mails lesen und beantworten 48 Prozent.

„Für Notfälle auch in den Ferien erreichbar zu sein, zeigt die hohe Identifikation vieler Beschäftigten mit ihrem Unternehmen, ihrem Team oder ihren Aufgaben“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Im Urlaub muss man aber auch einmal vollständig abschalten können. Die Unternehmen sollten gemeinsam mit ihren Mitarbeitern Regeln entwickeln, wie der Erholungsbedarf der Mitarbeiter und die Leistungsfähigkeit der Organisation in ein gutes Gleichgewicht gebracht werden können.“

Ein Job-Kontakt im Urlaub stressiger als Bungee-Sprung

Die Folgen solcher Kontaktaufnahmen sind gravierend. Ein einziger Telefonanruf oder eine E-Mail aus dem heimischen Büro verursachen während des Urlaubs tatsächlich mehr Stress als ein waghalsiger Bungee-Sprung. Das hat 2014 eine Kombination aus einer wissenschaftlichen Untersuchung im Labor und einer repräsentativen Umfrage mit 6.500 Europäern ergeben, 1.000 davon in Deutschland. Auftraggeber war das Portal lastminute.de, für die Begleituntersuchung zeichnete der Neuropsychologe Dr. David Lewis verantwortlich. Er hat dabei erstmals im Labor nachgewiesen, wie der Körper auf Stress reagiert - ausgelöst durch Telefonanrufe, E-Mails oder Textnachrichten vom Arbeitsplatz - während der Körper (und sein Träger) sich eigentlich im wohlverdienten Urlaub erholen sollten.

Dabei ist es nicht nur der Chef, der sein „Störungs-Privileg“ nutzt. Es sind vor allem Kollegen (45 Prozent), die kurzerhand anrufen und nicht die Vorgesetzten (40 Prozent). Bei zwölf Prozent waren es die eigenen Mitarbeiter, bei elf Prozent ein anderer Mitarbeiter des Unternehmens und bei acht Prozent erfolgte die Ruhestörung durch einen externen Geschäftspartner. Im Durchschnitt kommt so über eine Stunde zusammen, die Deutsche während eines einwöchigen Urlaubs für die Arbeit opfern.

Gründe für Urlaubsstörung meist belanglos

54 Prozent der Befragten meinten übrigens selbst, dass die gestellten Fragen vollkommen unwichtig waren. Ein Indiz dafür, dass mit gezielter Urlaubsplanung und Respekt für die Privatsphäre die Belästigung zu vermeiden gewesen wäre. Immerhin 23 Prozent gaben an, nach dem Status eines Projektes gefragt worden zu sein. Ganze 20 Prozent wurden lediglich belanglose Neuigkeiten vom Arbeitsplatz mitgeteilt. Ein nicht-auffindbares Dokument war bei 17 Prozent Grund für die unliebsame Störung und 16 Prozent wurden tatsächlich gebeten, früher aus dem Urlaub zurückzukommen. Immerhin noch 14 Prozent sollten sozusagen „vom Pool aus“ an etwas arbeiten. Der Kontakt erfolgte übrigens bei 86 Prozent via Telefon, mit 39 Prozent ebenfalls beliebt - die E-Mail.

Handy im Pool versenken

Die Studie brachte außerdem ans Licht: Ein Telefonanruf, ein E-Mail oder eine Textnachricht von Kollegen während des Urlaubs setzt den Körper tatsächlich einem weit höheren Stressniveau aus, als bei einem Date versetzt zu werden oder im Stau zu stecken. Auch der Streit mit einer geliebten Person stresste die Versuchspersonen nicht so sehr wie die Kontaktaufnahme durch Kollegen im Urlaub. Lediglich die Vorstellung von verloren gegangenem Gepäck, die von allen im Labor gemessenen Szenarios den höchsten Stresslevel auslöste, toppte den „Geschäftsanruf am Pool“. Ganz Verzweifelte, so brachte es die Befragung an den Tag, versenken dann schon mal das Handy im Schwimmbecken, um endlich Ruhe zu haben.

„Indem wir gewisse Reaktionen des Nervensystems, z.B. minimale Veränderungen der Hautfeuchtigkeit sowie Herzfrequenz, in unsere Auswertung mit einbezogen haben, ist es uns gelungen, Stress wissenschaftlich zu messen. Obwohl es sich um einen Zustand handelt, mit dem sich jeder von uns schon häufig auseinandersetzen musste, ist es umso erstaunlicher, wie sehr uns beispielsweise eine kurze Textnachricht des Vorgesetzten im Urlaub aus dem Gleichgewicht bringen kann. Für den Absender scheinbar keine große Sache, können die Folgen aus Sicht des Empfängers tatsächlich dramatisch wahrgenommen werden“, erklärt Versuchsleiter Lewis. Der Urlaubszweck Regeneration und Wiederherstellung der Arbeitskraft, sogar arbeitsrechtlich vorgeschrieben, wird damit konterkariert.

Stressige Situationen nach Relevanz gestaffelt

  • Anruf des Vorgesetzten im Urlaub
  • Bungee Sprung Streit mit dem Partner
  • Autopanne
  • Stau

Top 10-Gründe für Störung im Urlaub – Belege mangelhafter Urlaubsplanung

  • Um nach dem Status eines Projektes zu fragen (23 Prozent)
  • Um Neuigkeiten von der Arbeit mitzuteilen (20 Prozent)
  • Um zu fragen, wo ein Dokument gespeichert ist oder ob man das Dokument schicken kann (17 Prozent)
  • Um zu fragen, ob man früher zurückkommen kann (16 Prozent)
  • Um zu fragen, ob man an etwas arbeiten könnte (14 Prozent)
  • Um nach Zugangsdaten zu fragen (13 Prozent)
  • Um zu fragen, wann man wieder aus dem Urlaub kommt (13 Prozent)
  • Um etwas wegen der Urlaubsübergabe zu fragen (11 Prozent)
  • Um den neuesten Klatsch vom Arbeitsplatz zu erzählen (10 Prozent)
  • Um zu fragen, ob man einen anderen Kollegen/Geschäftspartner kontaktieren kann (8 Prozent)
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