Arbeitsplätze: Drei Kräfte formen die Zukunft

17. August 2015

Demografische Faktoren, Landflucht und Branchenwandel markieren den Weg: Wo stehen die Jobmaschinen von morgen? Komfortabler wird die Lage weder für Arbeitgeber noch für Arbeitnehmer.

Unternehmen müssen auf Sogwirkung der Metropolen reagieren

  • Zu den schon bekannten Faktoren, die zukunftsorientierte Personalarbeit beeinflussen, gesellt sich ein weiterer: die Urbanisierung Deutschlands.
  • Die großen Metropolen und Ballungsräume werden weiter wachsen – mit entsprechenden Belastungen für die Infrastruktur.
  • Ländliche und wenig attraktive Regionen verlieren deutlich an Einwohnern, ihre Attraktivität als Standort schwindet.
  • Unternehmen müssen jetzt ihre Antworten darauf finden.

Für die Entwicklung deutscher Unternehmen ist, wie zahlreiche Untersuchungen ergeben haben, eine umfassende Präsenz von Fachkräften unabdingbar. Bei der künftigen Entwicklung wird es allerdings nicht nur darauf ankommen, dass hier ausreichend Nachwuchs zur Verfügung steht, sondern auch wo dies geschieht. Denn bis auf wenige attraktive Kernregionen in Deutschland wird sich in absehbarer Zeit in den meisten Stadt- und Landkreisen die verfügbare Zahl an Arbeitskräften spürbar verringern.

In den Ballungsräumen ballt es sich noch mehr

Welche Veränderungen sich ergeben, das hat die Studie „Deutschland 2030 – Die Arbeitsplätze der Zukunft“ untersucht. Sie wurde im Februar 2014 von der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) in Kooperation mit dem Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) erstellt. Ihr zufolge wird bis zum Jahr 2020 die Zahl der hochqualifizierten Beschäftigten besonders in westdeutschen Metropolregionen (z. B. Rhein-Main-Gebiet, Großräume um München, Stuttgart und Hamburg sowie in Teilen des Ruhrgebiets) steigen. In ländlichen (west-)deutschen Regionen sowie in weiten Teilen Ostdeutschlands wird sie jedoch sinken.

Peripherie muss auf Qualifizierung setzen

„Diese Entwicklung hat unmittelbare Konsequenzen für die gesamte Beschäftigungsentwicklung“, schreibt PwC: „Wissensindustrien ziehen nicht nur hochqualifizierte Beschäftigte an (und umgekehrt), sondern schaffen auch Beschäftigung für durchschnittlich oder geringqualifizierte Erwerbstätige. Die gegenläufige Entwicklung in Metropolregionen einerseits und peripheren Regionen andererseits, lässt sich nur bremsen bzw. stoppen, wenn in der Peripherie mehr hochqualifizierte Beschäftigung geschaffen wird.“

Mobilität als kritischer Faktor

Der starke Zustrom in die Metropolen und Ballungsgebiete bringt für die dort schon ansässigen Unternehmen einen Belastungsfaktor mit sich, der nicht zu unterschätzen ist: Engpässe im Verkehr und Einschränkungen bei der Mobilität der Mitarbeiter. Szenarien für den Wirtschaftsraum München zum Beispiel gehen von einem Zuzug von rund 280.000 Menschen bis 2031 aus – ohne dass etwa am Nahverkehrsnetz auch nur ein Hauch von Erweiterung absehbar wäre.

Dramatische Verschiebungen bei Branchen und Standorten

Verkehrsplaner gehen davon aus, dass dann in den Stoßzeiten Zustände üblich wären, wie sie derzeit nur Oktoberfest-Besucher von der Haltestelle „Theresienwiese“ oder regelmäßige Japanreisende aus der Tokioter U-Bahn kennen. Angesichts mangelnden und bezahlbaren Parkraums im Stadtgebiet wird sich ein überstrapaziertes Nahverkehrsnetzt als Flaschenhals für den Weg zur Arbeit erweisen – und damit als Negativfaktor bei der Arbeitgeberattraktivität. Ohne Eigeninitiative, zum Beispiel in Richtung Home Office und maximale Arbeitszeit-Flexibilisierung, geraten Unternehmen bei der Suche nach Arbeitskräften dann auf die Verliererstraße. 

Energiewirtschaft wird zum Jobmotor

Die Folgen von Landflucht und Urbanisierung sind eng verzahnt mit dem Heranwachsen neuer Branchen. Dort werden zusätzliche Arbeitsplätze entstehen – die allerdings in vielen Fällen an anderer Stelle schwinden. Bestes Beispiel dafür ist die Energiewirtschaft. In einem groß angelegten Forschungsprojekt hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie untersuchen lassen, welche Arbeitsplatzeffekte die Energiewende mit sich bringt.

Demnach wird die Energiewende langfristig mehr Jobs schaffen, als in den fossilen Erzeugungsbereichen verloren gehen. Bis 2050 könnten netto 230.000 neue Arbeitsplätze entstehen – wenn die politischen Weichen dafür richtig gestellt werden. Traditionelle Energieversorger werden mit zunehmendem Ausbau erneuerbarer Energien weniger erfolgreich sein und Arbeitsplätze reduzieren, so die Studie. Im Jahr 2020 würden dort 16.000 Stellen abgebaut, 2030 seien es 14.000.

Fabriken werden nicht menschenleer sein

Eine andere Job-Baustelle ist die rapide fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt. Der Standort Deutschland werde in den nächsten zehn Jahren deutlich von Industrie 4.0 profitieren, signalisiert The Boston Consulting Group (BCG) und prognostiziert bis zu 390.000 durch diesen Wandel generierte, neue Arbeitsplätze. Grundlage dafür ist der Report „Industry 4.0: The Future of Productivity and Growth in Manufacturing Industries“

„In der Summe überwiegen die positiven Effekte durch Industrie 4.0, das zusätzliche Wachstum schafft mehr Arbeitsplätze als in der Fertigung entfallen. Auch in Zukunft wird es keine menschenleeren Fabriken geben", erläutert Michael Rüßmann, BCG-Partner und einer der Autoren des Berichts. Die digitale Transformation bedeutet Investitionen in Ausrüstung, Maschinen und IT-Infrastruktur. Die Studie nennt einen zusätzlichen Investitionsbedarf von 250 Milliarden Euro für Deutschland bis 2025, dies entspricht 1 bis 1,5 Prozent des Umsatzes von Unternehmen.

HR wachsen neue Aufgaben zu

Auch für die Personalarbeit harren neue Aufgaben. Denn im Zuge der wachsenden Bedeutung von Employer Branding verschärft die absehbare Entwicklung an den Standorten den Wettbewerb um Fachkräfte weiter. Noch stärker als in der Vergangenheit sind hier die Gestaltungs- und Beratungsqualitäten gefragt, die alle anderen Bereiche des Unternehmens dabei unterstützen, mit der veränderten Ressourcen-Lage umzugehen.

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