Auf dem Weg zum „Professional Learning“

Für Aus- und Weiterbildung sowie den Wissenstransfer im Unternehmen lässt sich auf herkömmlichen E-Learning gut aufbauen. Auf der digitalen Bildungsmesse Learntec zeigt sich, wie Unternehmen Lerneffekte während der Arbeit verstärken können.

Professional Learning

Erfahrungsgemäß sorgen die Nachrichten und Veröffentlichungen anlässlich der jährlichen Fachmesse Learntec an Schulen und Hochschulen für mehr Aufmerksamkeit als in der Wirtschaft. Wurde das Thema „Digitale Bildung“ doch lange Zeit im Vorfeld des Arbeitslebens zum Prinzip erhoben als nach Job-Beginn. Doch diese Sichtweise verschiebt sich allmählich, je mehr digital vorgebildete Fachkräfte in die Unternehmen gelangen. Unter diesen Vorzeichen gewinnt die Karlsruher Veranstaltung als Trend-Indikator für Personalentwickler und Führungskräfte zunehmend an Bedeutung.

Lernen direkt am Arbeitsplatz

So machte Jane Hart, Gründerin des Centre for Learning & Performance Technologies und Mitglied im Kongresskomitee der Messe, schon im Vorfeld auf die steigende Bedeutung kontinuierlicher Weiterbildung aufmerksam. In einem Interview plädierte sie für das Konzept des Modern Workplace Learning: „Für die meisten Unternehmen und ihre Mitarbeiter bedeutet Lernen am Arbeitsplatz Ausbildung. Dabei vergessen sie, dass Lernen auf vielen Wegen erfolgt – meistens während der Arbeit.“ 

Mehr Stetigkeit im Lernprozess

Einige Personalentwickler, so Hart, hätten verstanden, dass es um mehr als nur E-Learning und Präsenzschulungen geht. Ihnen fehlten aber noch konkrete Handlungsempfehlungen für eine effiziente Umsetzung in der modernen Personalentwicklung. Hier müssten drei Faktoren stärker zusammenwirken: die Förderung eines stetigen Lernprozesses, die kontinuierliche Verbesserung der Arbeit und der Zugang zu aktuellen Inhalten, Veranstaltungen und Erfahrungen.

Wissen, wo man Fakten findet

Künftig geht es nicht darum, sich Fakten zu merken, sondern zu wissen, wo man sie findet“, sprach Hart einen Paradigmenwechsel bei Weiterbildungsangeboten im Unternehmen an. „Die Menschen müssen die Rechercheergebnisse validieren können und darin Muster und Trends erkennen. Ich nenne es Professional Learning. Es gibt bereits viele Professional Learner, aber für andere ist eigenständiges Lernen Neuland. Diese müssen wir unterstützen.“ Dabei gehe es nicht nur um formale Bildung, also einen Online-Kurs zu absolvieren oder ein Buch zu lesen, sondern um regelmäßiges Lernen, idealerweise täglich.

Führungskräfte müssen mehr fördern

Hier sieht die Expertin vor allem eine Herausforderung für Führungskräfte, denn die Mehrheit der Unternehmen bewege sich noch immer in der traditionellen Ära von Schulung und Umschulung. „In den meisten Unternehmen herrscht eine Führungskultur und Denkweise vor, bei der das Management für alles verantwortlich sein will“, sagte Hart. „Anstatt die Trainingsaktivitäten ihrer Mitarbeiter nachzuverfolgen, sollten sie sie lieber in ihrer Entwicklung unterstützen. Erfolg sollte nicht am Gelernten gemessen werden, sondern an der Leistung. Leider verfolgen die meisten Unternehmen lieber die Bewegungen ihrer Mitarbeiter auf der Lernplattform.“

Erfolg sollte nicht am Gelernten gemessen werden, sondern an der Leistung.
Jane Hart
Centre for Learning & Performance Technologies

Digitaler Zwilling als Lernraum

Als beispielhafte Umsetzung einer zeitgemäßen E-Learning-Plattform galt unter den Kongressteilnehmern ein Modell, das Dr. Frithjof Netzer, Chief Digital Officer der BASF, vorstellte. Schon 2016 hat das Chemieunternehmen die „Digital Plant“ gestartet: Zu jeder bei BASF neu gebauten realen Anlage soll ein virtueller digitaler Zwilling entstehen. Er überspannt den gesamten Lebenszyklus der Anlage und dient als Instrument sowohl für die Planung als auch für die Abwicklung von Instandhaltungsmaßnahmen, Revisionen und Anlagenänderungen. Das hilft nicht nur bei der präventiven Wartung und Instandhaltung, sondern dient auch als „Trainingscamp“ für neue Mitarbeiter bzw. bei Veränderungen von Prozessen oder Verfahren.

„Lernen als Training“

Gleichzeitig treibt das Unternehmen diverse innovative Formen des Digital Learning voran: So werden im BASF-Lernzentrum neue Lerntechniken ausprobiert und mit modernen Lehr- und Lernkonzepten kombiniert. Die Erkenntnisse nehmen dann konzernweit ihren Weg in die Abteilungen. Bestand das Konzept „Lernen als Training” zunächst vor allem aus Webseminaren, greifen die Änderungen inzwischen viel tiefer, um langfristig wirksame neue Lernprozesse zu etablieren. 

Eigenverantwortung der Lernenden gestärkt

So werden heute Mittel wie Virtual und Augmented Reality oder Mobile Learning eingebunden – vor allem aber wird das Lernen selbst umgestaltet, wie Netzer berichtete. So können die Lernenden ihre Fortschritte eigenverantwortlich steuern und kontinuierlich während Self-Assessment-Phasen überprüfen. Betriebseigene Lern-Communities tragen dazu bei, erlangtes Wissen in der ganzen Organisation zu verteilen.