Automatisierung – die verlockende Frucht

14. September 2017

Am Baum der Produktivitäts-Steigerung gedeiht im Zug der Digitalisierung neue Nahrung. Für Personalverantwortliche lautet eine neue Herausforderung, sie für die Menschen im Unternehmen verdaulich zu machen.

Die Schlagzeilen lesen sich verheißungsvoll: „Digitalisierung bringt die Produktion zurück nach Deutschland“, „Digitale Transformation bis 2025 abgeschlossen“, „A future that works“. Der darin mitschwingende Optimismus kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein solcher Wandel weder ein Selbstläufer ist, noch dass er ohne tiefgreifende Folgen für die Arbeitswelt bleibt. Letztendlich wird jedes Unternehmen und jeder Personalverantwortliche schon heute mit der Doppelfrage konfrontiert: „An welchen Stellen betrifft das uns und wie bekommen wir das in den Griff?“

Grundsätzlich verlockend ist die aus der Digitalisierung erwachsende Automatisierung nicht nur in der Produktion, sondern in jedem Unternehmensbereich, bei dem Routinearbeiten anfallen. Die Argumente „Kein Urlaub, keine Krankheit, kein Streik“ scheinen dabei den hinter dem Horizont lauernden Roboter-Heeren in die Karten zu spielen. Uneingeschränkte Verfügbarkeit 24/7 – wenn das mal nicht eine Perspektive ist…

Schon jetzt ist die Bilanzmathematik auf Seiten der Automaten. So hat der Verein Deutscher Ingenieure unlängst die Arbeitsproduktivität von Betrieben mit unterschiedlichen Nutzungsgraden von Digitalisierungstechnologien miteinander vergleichen lassen. Das Ergebnis: In der Digitalisierung fortgeschrittene Unternehmen weisen eine um 27 Prozent höhere Arbeitsproduktivität auf als Nichtnutzer. „Wenn alle Industrieunternehmen in Deutschland mindestens zwei oder drei Digitalisierungs-technologien einsetzen, würden wir Produktivitätssteigerungen in Höhe von etwa acht Milliarden Euro erzielen“, erklärt dazu VDI-Direktor Ralph Appel.

Sowohl Science-Fiction-Freunde wie umfassend denkende Betriebswirte kennen indes die Schwachpunkte einer solchen Argumentation seit langem: Aus Komfort wird Abhängigkeit, aus Abhängigkeit wird Schwäche, aus Schwäche wird Schaden. Dennoch überlagert die Oportunitätsdenkweise derzeit noch die konstruktive Herangehensweise an die Aufgabe: Wie ertüchtigen wir die Menschen für diese neue Arbeitswelt? Bezeichnend, dass ernsthafte Impulse dazu von einem Philosophen wie Christoph Quarch, der Risiken und Herausforderung in zwei Sätze packt: „Denn der Mensch ist in Wahrheit keine minder bemittelte Maschine, die durch KI übertroffen werden könnte. In uns stecken Potenziale des Fühlens, des Liebens, des Denkens, der spielerischen Kreativität, zu denen Maschinen niemals fähig sein werden.“ 

Was nicht bedeutet, dass Automatisierung per se als Teufelszeug zu behandeln und die menschliche Arbeitskraft auf Dauer in Schutzräume gepackt werden darf. Dazu haben wir in der Vergangenheit schon zu viele Prozesse automatisiert, als dass die Vorteile nicht klar auf der Hand lägen: Gepäckförderanlagen, Bagger, Warenwirtschaftssysteme. Spannend und mit Handlungsbedarf verbunden sind die Grau- und Übergangszonen, in denen sich derzeit Zuständig- und Verantwortlichkeiten verschieben. Für Personalverantwortliche gilt es daher, die Aspekte genau zu betrachten, unter denen Automatisierung in steuerbarem Umfang schon jetzt Arbeitsabläufe verändert – um anschließend Überlegungen anzustellen, wie die nächsten Schritte aussehen. Beispiele gibt es inzwischen aus allen Branchen:

  • Wenn es um die Sicherheit von Abläufen – aber auch von Mitarbeitern geht – sind inzwischen vielfach autonom arbeitende Maschinen im Einsatz. Dabei braucht man gar nicht in die Dimension „Bombenräumkommando“ vordringen, wo Roboter inzwischen zu den Komparsen jedes Actionsfilms gehören. Nach Naturkatastrophen oder nach Industrieunfällen sind die Einsatzkräfte auf einen aktuellen und präzisen Lageüberblick angewiesen. Das Fraunhofer IOSB hat ein System entwickelt, das aus autonomen Fahrzeugen und Sensor-Sonden besteht. Es ermöglicht, unzugängliche Gebiete zu erkunden, ohne dass sich Menschen in Gefahr begeben müssen.
  • Bei der Störungsbehebung verfahrenstechnischer Anlagen geht derzeit viel wertvolle Zeit verloren, zum Beispiel, um die relevanten Informationen und Dokumente zusammenzutragen oder um Wissen erfahrener Mitarbeiter einzuholen. Dieses wichtige Erfahrungswissen aus Instandhaltung und Produktion ist darüber hinaus enorm gefährdet, denn es ist bei Krankheit nicht verfügbar oder geht beim Ausscheiden aus dem Betrieb ganz verloren. Aus Sicht der Industrie wäre es wünschenswert, es für die automatische Anlagensteuerung permanent zur Verfügung zu haben. Hier können digitalisierte oder automatisierte Lösungen helfen; das Forschungsgebiet steckt aber noch in den Kinderschuhen.
  • Im Wissensmanagement sowie in der Aus- und Weiterbildung – Stichwort: E-Learning – greift die Automatisierung derzeit am schnellsten um sich. Die Bereitstellung und Verbreitung von Lerninhalten haben (genauso wie die Erfolgsprüfung) auf digitalem Weg beachtliche Qualitäten und Volumina erreicht. Inzwischen drängt die Digitalisierung auch verstärkt in analytische Aufgaben wie die Personalauswahl, wo sie ihre „ahnungslose“ Neutralität als Vorteil ausspielen. Die Reparatur von Defiziten, wie sie sich heute noch zum Beispiel bei Übersetzungsprogrammen zeigen, gilt als reine Zeitfrage, wofür sich der Beweis bei der rapiden Weiterentwicklung von Navigationssystemen im Straßenverkehr zeigt.
  • Die Produktion wiederum, seit jeher das umfassendste Feld für Automatisierung, bekommt im Zuge des technischen Fortschritts jene Werkzeuge in die Hand, die sie zum Erfüllen individueller Wünsche braucht, die bisher noch in hohem Maße menschliches Eingreifen verlangten. Damit ist Henry Ford, der Erfinder des Fließbands, widerlegt, der vor 119 Jahren noch die Grenzen der Automatisierung mit Ironie verbrämte: „Jeder Kunde kann sein Auto in einer beliebigen Farbe lackiert bekommen, solange die Farbe, die er will, schwarz ist.“

Es braucht angesichts dieser Tendenzen keine großen gedanklichen Verrenkungen, um festzustellen, dass Automatisierung nicht nur ein Produktivitätsfaktor ist, sondern tief in das Wertegefüge von Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch von jedem einzelnen Unternehmen eingreift: Da selbstfahrende Autos, Pflegeroboter, vernetzte Haushaltsgeräte und autonome Waffensysteme als Prototypen zunehmend mitten unter uns agieren, brauchen wir Antworten auf diese Aktionen. Auf Aktionen von Maschinen, die unabhängig von menschlichen Befehlen scheinbar selbstständig handeln.

Auf lange Frist sollen solche „autonomen“ Systeme den Nutzern im Gegensatz zu herkömmlichen Automaten nicht nur langweilige, schwierige oder gefährliche Aufgaben abnehmen, sondern auch in der Lage sein, in Alltagssituationen die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen. Ausgeklügelte Sensoren, Vernetzungsmöglichkeiten und selbstlernende Algorithmen erlauben es den neuen Maschinen, schnell, empfindlich und unter Abgleich vielfältiger Daten auf ihre Umwelt zu reagieren.

Weil dieser Anwendungs-Komfort nicht nur als Errungenschaft zu sehen ist, sondern als eher eindimensionale Perspektive warnt zum Beispiel der Deutsche Ethikrat vor der irrigen Auffassung, bei der Automatisierung handle sich um eine kontinuierliche Weiterentwicklung aus ethischer Sicht bisher nicht grundsätzlich infrage gestellter Assistenzsysteme: „Im Unterschied zu diesen verlangen autonome Systeme dem Menschen jedoch deutlich weniger Aufmerksamkeit und Beteiligung an Entscheidungsprozessen ab.“ Daraus ergeben sich eine Reihe ethischer, rechtlicher und sozialer Fragen, denen sich nur der Ethikrat, sondern letztlich jeder Unternehmens- und Personalverantwortliche ausgesetzt sieht:

  • Wer trägt die Verantwortung für die „Handlungen“ autonomer Maschinen, wenn der Nutzer selbst an solchen Entscheidungen nicht oder nur noch am Rande beteiligt ist?
  • Nach welchen Kriterien sollen Maschinen im Konfliktfall „entscheiden“, und wer legt diese fest?
  • Wie kann ein angemessener Umgang mit den großen Mengen sensibler Daten gewährleistet werden, die autonome Systeme zwecks optimaler Funktion erheben und austauschen müssen?
  • Wie lassen sich Risiken minimieren, dass solche Systeme von anderen missbraucht werden?
  • Wie verändern „intelligente“ Maschinen unser Selbstverständnis?

Schon dies Suche nach den Antworten auf diese Fragen macht deutlich, wo die Grenzen der Automatisierung liegen. Ein Roboter kann sie auch auf absehbare Zeit nicht beantworten. Eine wachsame HR-Abteilung schon.

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