Barrieren aus dem Weg räumen

„Wir wollen Menschen in die Lage versetzen, die zunehmenden Veränderungen in der Lern- und Arbeitswelt eigenverantwortlich für sich nutzen zu können“, sagt Heinz-Otto Mezger, Geschäftsführender Vorstand der randstad stiftung. Ein aktuelles Projekt hat dabei vor allem verbesserte Möglichkeiten für Gehörlose zum Ziel.

Die randstad stiftung engagiert sich seit einiger Zeit bei einem Projekt „Barrierefrei in Bildung & Beruf“. Was sind die Motive dafür?

Heinz-Otto Mezger: Als Stiftung befassen wir uns ganz generell mit bildungs- und berufsbezogenen Projekten zu unserer Arbeitskultur. Dabei verfolgen wir zwei Ziele: Zum Einen wollen wir die Interaktion von Wissenschaft und Praxis in puncto Lernen und Arbeiten fördern, zum Anderen möchten wir Menschen in die Lage versetzen, die zunehmenden Veränderungen in der Lern- und Arbeitswelt eigenverantwortlich für sich nutzen zu können. Barrierefreiheit ist in diesem Zusammenhang ein Thema von wachsender Bedeutung. Die randstad stiftung will mit ihren Aktivitäten hier darauf hinwirken, dass in unserer Arbeitskultur Teilhabe als ein selbstverständlicher Aspekt nicht nur eingefordert, sondern auch berücksichtigt wird.

Gibt es dabei Schwerpunkte?

Mezger: Unsere Arbeit ist von zwei Themenfeldern getragen: Der Durchlässigkeit der Lern- und Arbeitswelt sowie der Wertigkeit und Bewertung von Arbeit. Darum unterstützen und begleiten wir Projekte, um Übergangsphasen von Lernen und Arbeiten zu gestalten sowie neuen Arbeitsformen und Karrierewegen auf die Spur zu kommen. Es geht uns außerdem darum, die Inklusion, vor allem gehörloser Menschen, voranzutreiben.

Warum nehmen Sie sich gerade der Gehörlosen an?

Mezger: Hörbeeinträchtigungen werden heute zu einem immer größeren Problem. Und Kommunikation ist in unserer Lern- und Arbeitswelt ein zentraler Faktor. Vor diesem Hintergrund ist es eine besondere Herausforderung, gehörlose und hörgeschädigte Menschen zu integrieren.

Aber beginnen die Schwierigkeiten für Gehörlose und Hörgeschädigte nicht schon viel früher? Bevor sie in der Arbeitswelt überhaupt erst ankommen?

Mezger: Das ist richtig. Um berufsqualifizierende Bildungsabschlüsse erlangen zu können, müssen sie viel Zeit, Geduld und Geld investieren. Beispielsweise ist der Besuch einer Regelschule oder Universität bislang oft nur mit einem professionellen Gebärdensprachdolmetscher möglich.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Mezger: Wir haben seit Anfang 2013 in Kooperation mit der Goethe Universität Frankfurt das neue Projekt [email protected] gestartet. Dabei werden hörbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler von Studierenden der pädagogischen Fakultät während ihrer Praktikumsphase in Unternehmen unterstützend begleitet. Details hierzu finden Sie übrigens auch auf der Website der Stiftung.

Und was passiert in Ihrem Projekt ‚Barrierefrei in Bildung und Beruf‘ konkret?

Mezger: Unser Stipendienprogramm  im Rahmen dieses Projekts mit dem Landesverband der Gehörlosen Hessen (LVGH) erleichtert gehörlosen und hörgeschädigten Menschen in Hessen den Einstieg in das Arbeitsleben. Wir setzen dabei einen Gedanken um, der grundlegendes Element der 2006 ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention ist: die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an der Lern- und Arbeitswelt. Übrigens haben wir mit einem unserer Stipendien die Ausbildung des ersten gehörlosen KFZ-Meisters in Deutschland unterstützt.

Gibt es Ergebnisse aus Ihrer Arbeit, die über den reinen Unterstützungsbedarf für Gehörlose hinausgehen?

Mezger: Seit August 2012 wird die Arbeitsgruppe „Hörsensible Universität Oldenburg“ von der randstad stiftung gefördert. Sie befasst sich mit der Frage: Wie können an Hochschulen störende Geräusche, die eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen im Hören und Sprachverstehen verhindern, abgebaut werden? Ziel ist es, ein didaktisches Konzept zu entwickeln, mit dem Lärmquellen in hochschultypischen Lernsituationen ausgeschaltet und die Hörqualität gesteigert werden kann. Die dabei entstehende Dissertation wird durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert. In gewissem Umfang werden die Ergebnisse dieses praxisorientierten Forschungsvorhabens auch auf Bereiche außerhalb der Hochschule, zum Beispiel im Arbeitsleben, übertragbar sein.

Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass sich Unternehmen durch die Integration von Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten neue Denk- und Arbeitsweisen erschließen?

Mezger: Als gemeinnützige Stiftung sind wir per se dem Gemeinwohl verpflichtet. Aber wir denken, dass auch Unternehmen sich künftig wieder zunehmend ganz konkret ihrer gesellschaftlichen Verantwortung widmen. Im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft war dies vor einigen Jahrzehnten zwar kein Marketing-Thema, aber dafür ganz praktisch ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor. Die demographische Entwicklung in Deutschland wird in diesem Sinn das Eigeninteresse der Unternehmen an der Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen zusätzlich steigern und daher auch neue Lösungen fördern.

Wie wird sich die randstad stiftung weiter mit dem Thema befassen?

Mezger: Barrierefreie Teilhabe wird von der Stiftung zu einem Projektcluster ausgebaut werden. Aktuell sind wir in Gesprächen zu einer Förderung des Inklusionsbarometers Hessen. Damit wird die Situation von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung beim Lernen untersucht. Aus den Erkenntnissen wird entsprechender Handlungsbedarf abgeleitet, um so praxisbezogene Empfehlungen und Hilfen für Eltern, Schulen und Unternehmen zu formulieren und zu vermitteln. Außerdem möchte die Stiftung eine webbasierte Datenbank mit einer Übersicht zu Stipendien für behinderte Menschen ins Netz bringen. Das Projektkonzept hierfür steht, die Stiftung kann eine Finanzierung aber alleine nicht realisieren und sucht derzeit nach Unternehmen und Institutionen, die sich an diesem Projekt beteiligen wollen.

Zur Person

Heinz-Otto Mezger ist seit Mitte 2010 Geschäftsführender Vorstand der randstad stiftung. Die wesentlichen Teile seiner bisherigen Berufslaufbahn hat er bei Randstad Deutschland absolviert, zuletzt als „Integrity Officer“ für das Unternehmen.