„Blinder Fleck“ bei der Fachkräftesuche

13. April 2016

Nach wie vor übersehen viele Unternehmen die Möglichkeiten, die sich aus der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung ergeben. Der neue „Personalkompass Inklusion“ wirkt einem verbreiteten Wissensdefizit entgegen.

„Haben Sie in Ihrem Betrieb schon Vorsorge getroffen, um als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden und Auszubildende, Hochschulabsolventen, Fach- und Führungskräfte zu gewinnen und zu halten? Profitieren Sie bereits von der Kompetenz der Menschen mit Behinderungen?“ So fragen namens des Projekts „Rehadat“ Petra Winkelmann, Leiterin Kompetenzfeld berufliche Teilhabe und Rehabilitation, und Andrea Kurtenacker, Teamleiterin, im Vorwort des jüngst erschienenen „Personalkompass Inklusion“.

Nur das halbe Potenzial ausgeschöpft

Hintergrund für ihre Frage: 3,3 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen sind im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren, mehr als die Hälfte von ihnen gut qualifiziert mit einer schulischen oder beruflichen Ausbildung zur Fachkraft. Aber weniger als die Hälfte von ihnen ist erwerbstätig – trotz verfügbarer Hilfsmittel und finanzieller Unterstützung bei der Einrichtung von behinderungsgerechten Arbeitsplätzen.

Betriebe zahlen lieber Abgaben

„Das Potenzial und die Kompetenzen dieser Menschen wird für den Arbeitsmarkt noch nicht gut genug erkannt oder genutzt“, schreiben Winkelmann und Kurtenacker. „Zu viele Betriebe mit mehr als 20 Arbeitsplätzen zahlen noch die Ausgleichsabgabe von bis zu 290 Euro pro Monat für jeden nicht mit einem Schwerbehinderten besetzten Arbeitsplatz – insgesamt mehr als 530 Millionen Euro im Jahr 2013.“ 

Wegweiser zur Inklusion

Am 19. Januar 2016 stellte das vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln betriebene Rehadat auf der Berliner Fachkonferenz „Zusammen erfolgreich in Arbeit“ den neuen Personalkompass Inklusion vor. Er soll Geschäftsführer und Personalverantwortliche in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) darin unterstützen, mehr Menschen mit Behinderung auszubilden und zu beschäftigen.

Ausbildung als Option

Der Ratgeber stellt Fakten zusammen, gibt einen Überblick über Fördermöglichkeiten und zeigt am Beispiel von Unternehmen, wie Inklusion erfolgreich für beide Seiten – Betriebe und Beschäftigte – gelingt. Darüber hinaus weist er verschiedene Wege, wie sich die Betriebe zu interessanten Ausbildungsbetrieben und Arbeitgebern für Menschen mit Behinderung entwickeln.

Kleinere Betriebe haben Nachholbedarf

Fakt ist: Das Potenzial der Menschen mit Behinderung als Fachkräfte wird vielfach noch unterschätzt, gerade bei KMU. Das zeigen die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Obwohl jedes Unternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen fünf Prozent davon mit Schwerbehinderten besetzen müsste, erzielten Betriebe mit bis zu 40 Mitarbeitern im Jahr 2013 nur eine Quote von durchschnittlich 2,9 Prozent, während Betriebe mit 500 bis 1.000 Arbeitsplätzen auf eine Quote von 4,8 Prozent kamen.

Chance zur Kostenvermeidung

Das bedeutete für KMU, dass sie wertvolle Fachkräftepotenziale nicht nutzen und gleichzeitig eine hohe Ausgleichsabgabe zu entrichten hatten. Wie sie diese Kosten künftig durch die Ausbildung oder Beschäftigung von Schwerbehinderten vermeiden können, das macht der Personalkompass Inklusion ebenfalls deutlich.

Ersparnis online ausrechnen

Um die betriebswirtschaftliche Seite der Inklusion zu verdeutlichen, hat Rehadat den „Elan-Ersparnisrechner“ erstellt. Damit kann jedes Unternehmen selbst berechnen, welche Kosten für die Ausgleichsabgabe es jährlich bei der Einstellung oder Ausbildung von Schwerbehinderten einspart. Beispielsweise würde ein Unternehmen mit 100 Beschäftigten durch die Einstellung eines Auszubildenden mit Förderbedarf 10.200 Euro jährlich einsparen.

Zusätzliche Informationen erhältlich

Weitere Handreichungen zum Thema liefern z.B. die Spitzenverbände der Wirtschaft – BDA, DIHK, ZDH – über ein eigenes Internet-Portal zur Integration von Menschen mit Behinderung in die Arbeitswelt. Mit der Publikation „Inklusion in der beruflichen Ausbildung“ stellt die Friedrich-Ebert-Stiftung einen Überblick über die aktuelle Situation in der beruflichen Bildung für Menschen mit Behinderung bereit und liefert Impulse, wie Unternehmen Barrieren abbauen und neue Mitarbeiter gewinnen. 

“Barrieren in den Köpfen sollen fallen”

"Es gibt bereits viele Arbeitgeber in diesem Land, die nicht fragen: Was kann der Bewerber nicht? Sondern die fragen: Welche besonderen Fähigkeiten hat er? Was bringt er meinem Betrieb und für die Belegschaft? Ich möchte, dass selbstverständlich wird, dass Barrieren in den Köpfen fallen und dass wir überall zu einer Unternehmenskultur kommen, in der Vielfalt als Gewinn anerkannt wird. Dazu brauchen wir mehr Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen eine Chance geben", betonte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles bei der Tagung “Zusammen erfolgreich in Arbeit“ im Januar 2016.

Erfolgsbeispiele liefern den Beweis

Dass Unternehmen aller Größenordnungen vom Arbeitskräftepotenzial von Menschen mit Behinderungen profitieren, zeigte die Vielzahl der Erfolgsbeispiele aus der Praxis: Ob der Automobilhersteller Audi oder der Systemgastronom McDonald‘s, ob der mittelständische Reinigungsbetrieb Forever clean oder der kleine Malerbetrieb Ates – die Ausbildung, Beschäftigung oder Weiterbeschäftigung Menschen mit Handicap erweist sich in den genannten Unternehmen als erfolgreiche Sicherung ihres Fachkräftebedarfs und zur Bewältigung des demografischen Wandels. “Die Beispiele zeigen, dass Behinderung nicht automatisch gleichzusetzen ist mit Leistungsminderung und dass die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung viele Vorteile bringt”, so Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

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