Brauchen Mitarbeiter einen Smartphone-Führerschein?

2. November 2016

Technische Fähigkeiten, Sicherheitsstandards und Compliance: Unternehmen sind gefordert, ihre Mitarbeiter auf einheitliche Standards bei der Nutzung mobiler Kommunikationsgeräte zu verpflichten.

  • Umfassender Wandel bei den Berufsbildern zwingt Unternehmen zum Handeln.
  • Abstand zwischen privaten IT-Knowhow und betrieblicher Nutzung ist bei Mitarbeitern vielfach noch zu groß.
  • Großer Handlungsbedarf bei standardisierter Qualifikation der Mitarbeiter.

Weil ein Mitarbeiter „Digital Native“ ist, braucht man ihm kein Tablet in die Hand zu drücken. Einerseits. Weil ein Mitarbeiter die meiste Arbeitszeit mit ölverschmierten Fingern zubringt, schließt das ein Smartphone als nützliches Werkzeug für ihn nicht aus. Viele Unternehmen tun sich schwer, beim Einsatz von „mobilen Endgeräten“ die richtige Wahl zu treffen und die angemessene Qualifizierung der Nutzer sicherzustellen. Das überrascht nicht, sind doch die Erfahrungswerte auf diesem Feld noch relativ gering.

Einsicht in Kompetenzmängel

Trotzdem kommen Unternehmen um Weiterbildung auf dem Feld der Digitalisierung nicht herum. Die Einsicht ist in den Firmen vorhanden: 97 Prozent halten einer aktuellen Umfrage des Branchenverbands Bitkom zufolge einschlägige Kompetenzen für qualifizierte Fachkräfte im Unternehmen für wichtig, jeweils rund drei Viertel für Führungskräfte (77 Prozent) und gering Qualifizierte (71 Prozent). Gleichzeitig wird die Digitalkompetenz von Bewerbern und eigenen Mitarbeitern nur mit den Durchschnittsnoten „befriedigend“ oder „ausreichend“ bewertet.

Anspruch und Wirklichkeit sind zu harmonisieren

Dabei brächten gerade Berufseinsteiger schon einiges an Umgangsformen mit IT und Kommunikationstechnik mit. Insbesondere beim Umgang mit Mobilcomputern, egal welchen Formats, sind daher Arbeitnehmer wie Arbeitgeber gefordert, ihre Kenntnisse und Anforderungen abzugleichen und zu harmonisieren. Die Fähigkeit, eine Gaming-App fehlerfrei zu bedienen, qualifiziert nicht notwendigerweise für den regelkonformen Gebrauch einer Vertriebssteuerungs-App. Gleichwohl ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Mitarbeitern, die ganz selbstverständlich mit ihrer persönlichen Mobil-Technik umgehen, der Einstieg in betriebliche Anwendungen leichter fällt.

Vorrang für Mobilität und Flexibilität

Die Beratungsgesellschaft IDG lässt auf jeden Fall keinen Zweifel daran, auf welchen Feldern für die Firmen Handlungsbedarf besteht: Mitarbeitern ein mobiles und flexibles Arbeiten zu ermöglichen, ist neben Cloud Computing-Initiativen und der Verbesserung der IT-Sicherheit die zentrale Anforderung an die IT-Abteilungen der befragten Unternehmen. Dies geht auch mit einer zunehmenden Einbindung von Geschäftspartnern und Endkunden in mobile Applikationen einher.

Hinkt Ausbildung hinterher?

Wie dringend der Handlungsbedarf in den Unternehmen ist, lässt sich aus dem Klartext schließen, den Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer bei Bitkom, spricht: „In der Vergangenheit haben wir weiter Bergleute ausgebildet, als längst beschlossen war, die Zechen zu schließen. Heute dürfen wir nicht den Fehler machen, unverändert Berufe zu vermitteln, die sich durch die Digitalisierung völlig verändern werden.“ Zahnimplantate würden künftig aus dem 3D-Drucker kommen und den klassischen Bankkaufmann werde es angesichts der Digitalisierung der Finanzbranche und den neuen Geschäftsmodellen vieler FinTechs so „nur noch in Ausnahmefällen“ geben.

Risiken durch mangelndes Sicherheitsbewusstsein

Gleichzeitig gilt es, neben der Bedienung der Technik – zweite Aufgabe in der Weiterbildung – ein erhöhtes Sicherheitsbewusstsein zu schaffen und entsprechende Verhaltensweisen zu schulen und zu trainieren. Denn immer mehr Mitarbeiter (bis hinauf zu US-Außenministern) nutzen ihre privaten Server, Laptops, Androids, iPads und sonstige Mobile Devices für Arbeitszwecke und speichern Unternehmensdaten auf diesen oft ungeschützten Geräten. Als Folge werden Daten, Netzwerk und Ruf von Firmen einem noch größeren Risiko ausgesetzt.

Erster Ansatz beim Recruiting

Wenn Unternehmen nicht darauf warten wollen, was hochoffiziell verordnet wird, müssen sie daher selbst die Initiative ergreifen. Mit der Verlagerung von Teilen des Recruiting auf Social Media und verwandte Kanäle haben sie sowieso schon die Weichen dorthin gestellt, wo Mitarbeiter mit entsprechenden Talenten zu finden sind – und wo sie nachdrücklich mit den Risiken im Umgang mit Daten konfrontiert und trainiert werden.

IT-Kompetenz ist Schlüsselqualifikation

Wie nun steht es um einheitliche Standards? Faktisch nicht vorhanden, besteht gleichwohl der Wunsch danach – schon wegen der Vergleichbarkeit von Qualifikationen, auf die eine intelligente Personal-Auswahl angewiesen ist. Bitkom hat sich in deutschen Firmen umgehört, welchen Stellenwert der „IT-Führerschein“ künftig haben wird. Ergebnis: Schlüsselqualifikation. So gehen neun von zehn Unternehmen (87 Prozent) davon aus, dass die Digitalkompetenz der Beschäftigten genauso wichtig wird wie fachliche oder soziale Kompetenz. Vier Prozent erwarten sogar, dass Digitalkompetenz zur wichtigsten Fähigkeit von Arbeitnehmern wird.

Neue Berufsprofile verändern Job-Landschaft

Schon jetzt sind in jedem fünften Unternehmen (21 Prozent) neue Berufsprofile entstanden, etwa Softwareentwickler, Datamining Spezialist oder Roboter-Koordinator. „Durch die Digitalisierung fallen überwiegend einfache Aufgaben weg, dafür entstehen aber Stellen mit komplexeren Anforderungen und mehr Verantwortung“, sagt Bitkom-Präsident Thorsten Dirks. „Das heißt auch: Ohne Digitalkompetenz kommt man im Berufsleben künftig nicht mehr aus. Wer gut qualifiziert ist, dem eröffnen sich zugleich immer mehr und bessere Chancen auf Berufe, die spannend, fordernd und erfüllend sind.“

Deutliche Mängel bei Qualifizierungs-Strategien

Nicht einmal jedes dritte Unternehmen (31 Prozent) hat jedoch eine zentrale Strategie, wie die Mitarbeiter Digitalkompetenzen erlangen sollen, nur 27 Prozent haben dafür ein festes Budget eingeplant. Und jedes dritte Unternehmen (33 Prozent) gibt an, dass eine solche Weiterbildung für Mitarbeiter, die älter als 50 Jahre sind, nicht sinnvoll sei. „Die Mitarbeiter sind das wichtigste Kapital in der digitalen Wirtschaft“, sagte Dirks. „Wer sein Unternehmen verändern und neue Geschäftsmodelle erschließen will, der braucht die besten Köpfe in seinem Team. Und der muss dafür sorgen, dass seine Leute immer auf dem aktuellen Stand der digitalen Entwicklung bleiben.“ Personalentwicklung: Übernehmen Sie!

investor relations