„Der Mensch ist keine minder bemittelte Maschine“

Wenn mit Hilfe von Robotern und Künstlicher Intelligenz Ressourcen am Arbeitsplatz frei werden, sollten sie für mehr Kreativität genutzt werden, sagt Christoph Quarch. Der Philosoph und Unternehmensberater sieht hier neue Ansätze für die Personalentwicklung.

Infos zur Person Dr. phil. Christoph Quarch

Dr. phil. Christoph Quarch (geb. 1964) studierte Philosophie, Theologie und Religionswissenschaften in Tübingen, Heidelberg und Bielefeld. Er ist als Autor, Reiseveranstalter, Seminarleiter und Keynote-Speaker tätig. Er berät Unternehmen und hat sich als Autor von Firmenpublikationen und Unternehmensphilosophien hervorgetan. Ferner unterrichtet er als Lehrbeauftragter an diversen Hochschulen. Quarch ist Autor und Herausgeber von knapp 40 Büchern, darunter „Rettet das Spiel“ und „Der kleine Alltagsphilosoph“.

  • „Auch die raffinierteste Form künstlicher Intelligenz wird immer nur rechnen können. Sie wird niemals in der Lage sein, Sinn zu erschließen.“
  • „Wir sollten Spielräume für die Entfaltung jener genuin menschlichen Fähigkeiten schaffen, die nichts mit Funktionieren, Kalkulieren und Optimieren zu tun haben, dafür aber sehr viel mit Kreativität, Intuition und spielerischer Intelligenz.“
  • „Unternehmen brauchen Lebendigkeit, sie brauchen Kreativität und Anpassungsfähigkeit. Sie brauchen die Qualitäten eines achtsamen Gesprächs mit Menschen und Märkten.“

Aus Ihrer Sicht schreiten die Robotisierung und Cyborgisierung voran - mit der Folge, dass es die Arbeit, wie wir sie kannten, zur Ausnahme wird. Auf welche Beobachtung stützen Sie diese Einschätzung, vor allem hinsichtlich ihrer Konsequenz?

Christoph Quarch: Ich verfolge mit Interesse die Entwicklungen auf dem Feld der künstlichen Intelligenz, wie sie unlängst auf der Hannover Messe vorgestellt wurden. Hersteller und Politiker sind sich offensichtlich darin einig, dass die volldigitalisierte Industrie 4.0 und ihre Smart Factorys mit großer Kraft vorangetrieben werden. Das betrifft vor allem Produktionsabläufe, bei denen menschliche Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt werden sollen, es betrifft aber ebenso alle Bereiche der Mobilität. So sagen Prognosen, dass wir in zehn Jahren einen großen Teil des Lastenverkehrs auf unseren Straßen durch selbstfahrende Lkw abwickeln werden. Auch andere Arbeitsfelder sind betroffen. Das Sozialwesen verspricht einen riesigen Markt für Pflegeroboter jeder Art. Darüber hinaus werden schon heute Finanzgeschäfte zu einem großen Teil durch Computer abgewickelt. Mit spieltheoretischen Algorithmen programmierte Roboter sitzen im Vorstand von Unternehmen und treffen Entscheidungen. In Personalbüros sammeln Computer Daten über Bewerber und werten diese aus.

Sie appellieren, die aufkeimende Angst in Nachdenk-Impulse zu wandeln, sprich: die Dynamik der Technik zur Weiterentwicklung der Menschen zu nutzen. An welche Potenziale denken Sie da vor allem?

Christoph Quarch: Nein, ich glaube nicht, dass der Mensch in irgendeiner Weise technisch „entwickelt“ werden kann. Genau das ist das große und gefährliche Missverständnis, das am Ende des Tages dazu führen wird, den Menschen geradewegs abzuschaffen. Ich appelliere vielmehr dafür, sich angesichts der durchaus bedrohlichen technologischen Entwicklungen darauf zu besinnen, was Menschsein eigentlich bedeutet um dann in einem zweiten Schritt zu fragen, wie wir unter den Bedingungen einer durchdigitalisierten Welt unsere Lebendigkeitspotenziale zur Entfaltung bringen können.

Sie warnen davor, in einem Anflug übertriebener Rationalität sich den „Wunderwerken der Künstlichen Intelligenz“ in Ehrfurcht zu unterwerfen. Wie hoch ist denn das Risiko, dass dies geschieht?

Christoph Quarch: Das Risiko ist außerordentlich hoch. Denn bei Lichte besehen wird ein nachgerade diabolisches Programm gefahren. Erst haben wir uns einreden lassen, menschliche Intelligenz erfülle sich in zweckrationalen Kalkülen und technischen Operationen; dann haben wir unsere Welt so eingerichtet, dass sie für Menschen optimiert wurde, die sich als zweckrationale und nutzenoptimierte Wesen deuten; dann hat diese Welt unser Leben in allen Bereichen umformatiert und nun haben wir ein Menschenbild verinnerlicht, das uns als mangelhafte Wesen erscheinen lässt, deren letzter Stolz darin besteht, Maschinen bauen zu können, die schneller und besser rechnen und optimieren können als wir. Das alles basiert auf dem Schwindel eines flachen und eindimensionalen Menschenbildes, das Philosophen und Ökonomen erdacht haben. Die Tragik liegt darin, dass wir in einer Art Trance diesem Spuk aufsitzen.

Mit der Förderung oder Entwicklung welcher menschlichen Talente oder Fähigkeiten ließe sich da wirksam entgegenwirken?

Christoph Quarch: Ich glaube es geht nur so. Denn der Mensch ist in Wahrheit keine minder bemittelte Maschine, die durch KI übertroffen werden könnte. In uns stecken Potenziale des Fühlens, des Liebens, des Denkens, der spielerischen Kreativität, zu denen Maschinen niemals fähig sein werden. Aus einem einfachen Grund: Auch die raffinierteste Form künstlicher Intelligenz wird immer nur rechnen können. Sie wird niemals in der Lage sein, Sinn zu erschließen. Das aber können wir Menschen, indem wir kreativ oder besser noch ko-kreativ sind. Das können wir, indem wir miteinander spielen, indem wir Dialoge führen, die mehr sind als der Austausch von Kommunikation. Sich dessen zu besinnen, diese Qualitäten neu zu fördern und – salopp gesagt – den Maschinen zu zeigen, wo der Hammer hängt: Das ist es, wozu uns die technologischen Innovationen ermuntern, vielleicht sogar befreien könnten.

Wo sind da Unternehmen gefordert, mit Blick auf ihre Mitarbeiter Veränderungen anzustoßen oder Maßnahmen zu ergreifen?

Christoph Quarch: Wenn Roboter und KI in den Smart Factorys und Smart Offices der Zukunft zum Einsatz kommen, werden dadurch Ressourcen frei: Ressourcen menschlicher Arbeit, Zeitressourcen, finanzielle Ressourcen. Diese Ressourcen sollten genutzt werden, um Spielräume für die Entfaltung jener genuin menschlichen Fähigkeiten zu schaffen, die nichts mit Funktionieren, Kalkulieren und Optimieren zu tun haben, dafür aber sehr viel mit Kreativität, Intuition und spielerischer Intelligenz. Diese Fähigkeiten werden Unternehmen künftig brauchen, um auf dem Markt bestehen zu können: Denn alle berechenbaren, technisierbaren und technisch optimierbaren Prozesse sind irgendwann tot entwickelt. Dann zählt nur noch der Faktor Mensch. Wenn es ihn dann noch gibt.

In früheren science fiction-Szenarien haben Roboter alle Arbeiten erledigt und die Menschen hatten alle Zeit der Welt für sich - ein erstrebenswerter Zustand?

Christoph Quarch: Nein, eher ein Alptraum – oder besser: eine enorme Herausforderung. Es wäre die Herausforderung zu einem gigantischen Projekt der Bildung. Freie Zeit sinnvoll zu nutzen ist nämlich alles andere als selbstverständlich. So wie wir heute aufgestellt sind, käme es vermutlich zu einer kollektiven Pathologie infolge von Spielsucht, Vereinsamung und diversen körperlichen Gebrechen. Freie Zeit ist nur sinnvoll, wenn es eine Kultur gibt, die sie zu füllen vermag, zu erfüllen vermag. Ansonsten werden Millionen vor ihren Rechnern sitzen und die einzige Frage, die sie wirklich umtreibt wird sein: Wie kriege ich die Zeit bis zu meiner Beerdigung noch rum?

Sie plädieren für mehr spielerische Freiheit als Gegenentwurf zur rationalen Steuerung unseres Tuns. Machen Sie da nicht den Planern und Controllern ein bisschen viel Angst?

Christoph Quarch: Das will ich hoffen. Denn die totale Dominanz der Controller ist genau das, was die Kreativität und Lebendigkeit in vielen Unternehmen erstickt. Was nach Maßgabe der technisch-operativen Rationalität bzw. der instrumentellen Vernunft nützlich scheint – Controlling und Planung – zerstört früher oder später die Lebendigkeit von Unternehmen und Menschen. Eigentlich haben 50 Jahre Planwirtschaft im realexistierenden Sozialismus den Nachweis dafür erbracht. Unternehmen brauchen Lebendigkeit, sie brauchen Kreativität und Anpassungsfähigkeit. Sie brauchen die Qualitäten eines achtsamen Gesprächs mit Menschen und Märkten. All das ist durch Controlling und KI nicht zu haben – all das geht nur, wo Menschen menschlich Menschen begegnen. Das sollte eigentlich niemandem Angst machen – aber mir scheint, es ist gerade das, wovor Technokraten zittern.

Wären die von Ihnen geschilderten Wege zur Kreativität nicht auch ohne Automatisierung zu haben?

Christoph Quarch: Unbedingt, aber zu glauben, es werde auf absehbare Zeit eine Welt ohne Automatisierung geben, ist bestenfalls romantisch und schlimmstenfalls ignorant, auf jeden Fall aber naiv. Die flächendeckende Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelt wird kommen. Die Frage ist: Wie können wir trotzdem kreativ und lebendig bleiben, wie können wir trotzdem Sinn erfahren und glücklich sein? Ja mehr noch: Wie können wir den Druck, der durch den technologischen Fortschritt auf uns lasten wird, so kanalisieren, dass er wie Wasser auf einem Mühlrad das Beste in uns energetisiert und fördert, statt uns einfach nur zu unterhöhlen und wegzuspülen.