Die Hochsensiblen – ungefiltert mittendrin

7. Dezember 2015

Es ist ein Zustand, keine Krankheit: Hochsensibilität. Nimmt ihre Umwelt das Talent der Betroffenen an, entfaltet sich großes Potential auch am Arbeitsplatz. Dazu braucht es jedoch eine differenzierte Herangehensweise.

Feine Unterschiede zwischen seelischen Erkrankungen und Dispositionen

  • Das Phänomen „Hochsensibilität“ ist in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz bisher weitgehend unbekannt und unbeachtet.
  • Es handelt sich um ein Persönlichkeitsmerkmal (keine Krankheit), deren Träger für Sinneseindrücke besonders empfänglich sind und bei der Verarbeitung unter „Überlast“ leiden – die zu Krankheiten führen kann.
  • Betroffene verdrängen oder überspielen häufig ihren Zustand; das erschwert messbare Werte über Intensität und Verbreitung.
  • Unternehmen profitieren von betroffenen Mitarbeitern, wenn sie deren besondere Fähigkeiten nutzen, z.B. als Spiegel von Stimmungen bei Kunden, Partnern oder im Betrieb.

Die jüngste Ausgabe des DAK-Psychoreports, Ende Oktober 2015 veröffentlicht, hat für Schlagzeilen gesorgt. Immerhin waren die dort genannten Zahlen beeindruckend: In Deutschland war im vergangenen Jahr jeder 20. Arbeitnehmer mit einer psychischen Erkrankung krankgeschrieben. Ausgehend von den Daten der DAK-Gesundheit sind damit hochgerechnet 1,9 Millionen Menschen betroffen. Seit 1997 hat sich die Anzahl der Fehltage, die von Diagnosen wie Depressionen oder Anpassungsstörungen verursacht werden, verdreifacht. DAK-versicherte Arbeitnehmer blieben 2014 deshalb an mehr als 6,3 Millionen Tagen der Arbeit fern.

Neue Definition für Stress-Krankheiten

Es blieb nicht allein bei den Zahlen. Auch deren Analyse ließ Laien wie Fachwelt aufhorchen. Der Blick auf die Diagnosen zeige, so berichtete die DAK, dass Depressionen und Anpassungsstörungen die meisten Ausfalltage verursachen. 2014 gingen 112 Fehltage je 100 Versicherte auf das Konto von Depressionen, bei den Anpassungsstörungen waren es 42. Die Zusatzdiagnose Burnout hingegen verliert deutlich an Relevanz: Im vergangenen Jahr entfielen nur 5,2 Ausfalltage darauf. Im Vergleich zu 2011 hat sich die Anzahl fast halbiert.

„Burnout ist mittlerweile eher zur Beschreibung eines Risikozustands geworden“, erklärt Dr. Hans-Peter Unger, Chefarzt am Zentrum für seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg. „Von chronischem Stress verursachte psychische Krankheiten werden heute als Anpassungsstörungen oder Depressionen erkannt.“

Differenzierter Blick auf „Burnout“

Was dahinter steckt: Mit der wachsenden Erfahrung bei der Analyse und beim Bewerten von seelischen Erkrankungen geht es bei den Medizinern inzwischen wesentlich differenzierter zu als in der Vergangenheit. Genaues Hinsehen führt zu neuen Diagnosen. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass – anders als bei organischen Erkrankungen – sich die seelischen nicht so leicht auf Ursache und Wirkung verdichten lassen. Die menschliche Psyche und ihre Ausprägungen sind wesentlich individueller gestaltet als der menschliche Körper.

Hochsensibilität als Persönlichkeitsmerkmal

Gravierende Folge dieser Erkenntnis: Nicht alles, was vom vermeintlichen Normalzustand abweicht, ist eine Erkrankung. Es kann sich genauso gut um ein Persönlichkeitsmerkmal handeln, das sich weder „bekämpfen“ noch „heilen“ lässt. Von diesem Gedanken ging auch die Psychologin Elaine N. Aron aus, als sie Ende der 1990er Jahre ein Phänomen wissenschaftlich untersuchte, und für davon Betroffene den Begriff „Highly Sensitive Person“ (HSP) vorschlug. Diese Menschen reagieren ausgesprochen intensiv auf Sinnesreizungen, die sie nicht nur stärker wahrnehmen als die Mehrheit, sondern auch intensiver verarbeiten.

Überlastung im Wahrnehmungs-System

Dabei und daher kommt es schneller zu Be- und Überlastungen, sowohl im Berufs- wie auch im Privatleben. Das Geschehen lässt sich vergleichen mit einem Computerprozessor, der durch zu viele gleichzeitige Befehle und Aktionen an den Rand seiner Kapazität kommt und nur noch verzögert reagiert oder ganz den Dienst quittiert. Brigitte Küster, Gründerin und Leiterin des Instituts für Hochsensibilität in St. Gallen, die selbst hochsensibel ist, nennt Hochsensibilität eine „Disposition des Nervensystems“.

Wie Hochsensible auf ihre Umwelt reagieren

Infolge der daraus folgenden Begrenzungen sind Hochsensible, von außen betrachtet, „scheinbar weniger belastbar - laute Musik, der andere ohne Probleme zuhören können, führt bei ihnen zu Unwohlsein, gar zu Schmerzen“, heißt es beim Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität (IFHS) e.V. in Bochum. „Gruppen von Menschen, z. B. große Partys mit breiter Geräuschkulisse, eng aneinander stehenden Menschen und vielen Gerüchen in der Luft, die für normale Menschen keine besondere Herausforderung darstellen, bedeuten für Hochsensible häufig eine unerträgliche Überlastung an Informationszufluss. Wenn sie sich aus solchen Situationen zurückziehen, wird das häufig als Ungeselligkeit, Snobismus, elitäres Empfinden oder Unhöflichkeit interpretiert. In Wirklichkeit ist es Flucht - Flucht vor der Überreizung, die das Nervensystem der HSP an die Grenze der Überlastung bringt.“

„Zustand der Reizüberflutung“

Neben solchen äußeren Reizen, so Küster, wirke sich Hochsensibilität auch in dem starken Einfluss aus, den „Vorstellungen, Gedanken, Stimmungen und Gefühle“ auf Einzelne haben. Die Reaktionen darauf fielen sehr unterschiedlich aus und reichten von leichtem Unwohlsein bis zu Panikattacken und starken körperlichen Beschwerden. Egal ob äußerlich oder innerlich veranlasst, befänden sich Hochsensible sehr häufig im Zustand der Reizüberflutung und brauchen üblicherweise lange, um wieder zu sich selbst zurückzufinden“, so die Schweizer Wissenschaftlerin.

Sie stelle fest, „dass Hochsensibilität oftmals als Fluch erlebt wird, wenn diejenigen, auf die dieses Merkmal zutrifft, nicht darüber Bescheid wissen“, schreibt die Sozialpsychologin Birgit Trappmann-Korr, M.A., Expertin auf dem Gebiet der Hochsensitivität und Inhaberin des Trappmann Instituts im westfälischen Rheinberg. Sie ist Autorin des Standardwerks „Hochsensitiv: Einfach anders und ganz normal“. Nach ihrer Erfahrung wende sich die Situation bei Hochsensitiven Menschen (HSM), „wenn HSM sich und ihren Wesenszug erkennen und sich mit der eignen Persönlichkeit auseinandersetzen. Dann stellt sich zunächst eine gewisse Erleichterung ein, zwar ,anders‘ zu sein, aber eben doch ganz normal. HSM lernen darauf hin, wie sie mit der Flut an Reizen umzugehen haben und arbeiten daran, sich abgrenzen zu können.“

„Sensibles Verhalten“ ist kein Wesensmerkmal

Sie macht auch darauf aufmerksam, dass der von Aron gewählte Begriff „sensory-processing Sensitivity“ den Zusammenhang zwischen Sensibilität und sensorischen Steuerungsbegriffen, die im Nervensystem geschehen, verdeutlicht. Die Unterscheidung zwischen hochsensitiv und hochsensibel ist aus ihrer Sicht deshalb wichtig, „weil im Deutschen mit Hochsensibilität oft Empathie und Einfühlungsvermögen, eben sensibles Verhalten, assoziiert wird.“ Das englische Wort dafür heiße Sensibility. „Das ist aber nur ein kleiner Teil der Hochsensitivität, und nicht alle Hochsensiblen sind empathisch. Spricht man dagegen von einer hochsensitiven Person, dann ist auch das starke Empfinden über alle Sinnesorgane mit eingeschlossen.“

Potenzial der Hochsensiblen: schwer zugänglich, aber nützlich

Weil das Forschungsgebiet noch relativ jung ist, fallen Angaben zur Verbreitung von Hochsensibilität unter den Menschen noch etwas unpräzise aus. Elaine Aron spricht von 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung; diese Zahl will sie aus ihren Fragebögenforschungen ermittelt haben. „Meines Wissens nach hat niemand, der zum Thema geforscht hat, gesagt, dass die Zahl so nicht stimmt“, sagt Dr. Michael Jack, Sprecher des IFHS.

„Gute Schauspieler“ verstecken ihren Zustand

Sie steht aus seiner Sicht allerdings in einem gewissen Widerspruch zur subjektiven Wahrnehmung vieler Betroffener, die das Gefühl hätten, „niemanden zu kennen, der so ist, wie sie“. Er verweist daher auch auf Zahlen, die Professor Peter Falkai von der Psychiatrischen Klinik der Uni München für realistisch hält: ein bis drei Prozent. Die Realität finde vielleicht im Raum zwischen beiden Werten statt, werde doch auch die These ventiliert, die meisten Hochsensiblen hätten ihre Sensibilität gut in ihr Leben integriert bzw. seien in der Lage, sie quasi zu „verstecken“.

Eine Erfahrung, die Franzose Jean-Pierre Améris, Regisseur und Co-Autor des Films „Die Anonymen Romantiker“ bestätigt, wenn er Hochsensible als schwer erkennbar beschreibt: „Meistens sind sie, ohne es selbst zu wissen, sehr gute Schauspieler. Sie müssen sicherstellen, dass nichts von ihren Ängsten durchschimmert, also entwickeln sie diese beeindruckende Fähigkeit, Menschen zu täuschen, ihnen etwas vorzuspielen. Es ist kein Zufall, dass viele große Schauspieler hochsensibel sind.“

Ausprägung lässt sich nicht messen

IFHS-Sprecher Jack macht keinen Hehl aus der Unsicherheit im Leben, die sich daraus für die Betroffenen selbst ergibt – wie auch für alle, die mit ihnen zu tun haben: „Ob man nach dem individuellen Grad der Ausprägung differenzieren muss, wissen wir auch nicht. Es gibt Aspekte, die dafür sprechen, namentlich jener, dass manche HSP massive Probleme haben und andere nicht so sehr. Aber intuitiv würde ich eher sagen, dass es weder ,fließende Übergänge‘ noch unterschiedliche ,Stärkegrade‘ gibt.“

Er gehe vielmehr davon aus, dass die unterschiedlichen Intensitäten, was Schwierigkeiten angeht, eher aus unterschiedlich wirksamen Anpassungs-Strategien bzw. aus bereits manifesten Folgeproblemen und -erkrankungen herrührten. Forschungen, die dies belegten, fehlten allerdings noch. Wie überhaupt der IFHS, der sich um mehr wissenschaftlichen Umgang mit dem Phänomen bemüht, dies unter der Prämisse tut, dass derzeit noch unklar ist, „inwieweit das psychologische Konzept der Hochsensibilität als solches die biologischen und psychischen Realitäten zutreffend abbildet“.

Spiegel der Stimmung im Unternehmen

Als Mitarbeiter hingegen bilden aus Sicht der Organisation Hochsensible für ihr Unternehmen eher ein bisher ungenutztes Potential zur Reflektion, als dass sie ein Risiko darstellten: „Es lohnt sich meines Erachtens aus zwei Gründen, auf die Bedürfnisse Hochsensibler in der Gestaltung der Arbeitsbedingungen Rücksicht zu nehmen“, sagt Michael Jack. „Zum einen hat ein Arbeitgeber ein ganz selbstverständliches Interesse daran, dass die Mitarbeiter nicht krank werden und optimal arbeiten können; und Hochsensible bringen potenziell wichtige spezifische Beiträge in Arbeitsprozessen. Zweitens glaube ich, dass Hochsensible eine Indikatorfunktion haben können: Wenn es ihnen nicht gut geht, ist irgendwo im Unternehmen der Wurm drin. Das mögen andere vielleicht nicht (sofort) merken, während es sich trotzdem schon in geringerer Arbeitsproduktivität etc. niederschlägt.“

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