Die hohe Kunst der Demut

25. Februar 2015

Bei Mitgliedern eines Chores oder Orchesters gilt das Augenmerk nicht nur der fachlichen Kompetenz. Mark Mast, Intendant der Bayerischen Philharmonie, wie Balance in die Sinfonie der Talente kommt.

Teamfähige Könner sind im Orchester wichtig, Diven unbrauchbar

Was fällt einem Intendanten und Dirigenten ein, wenn er das Wort „Personalentwicklung“ hört und an seine Klangkörper denkt?

Mark Mast: Jede Probe ist ein interaktiver Kommunikationsworkshop und Personalentwicklungsprozess. Durch die dialoghafte gemeinsame Arbeit zwischen Dirigent und Musiker an der Umsetzung der Partitur als dem Leitbild der gemeinsamen „Unternehmung“ Sinfonie o.ä. befinden sich alle Beteiligten in ständigem Entwicklungsprozess und leben somit Personalentwicklung.
Welche Instrumente und Maßnahmen nutzen Sie selbst, um Ihre Mitarbeiter zu fördern und zu entwickeln?

Mark Mast: In jährlichen Teamklausuren, Quartalsmeetings, Jour fixes, Planungs-, Projekt- und Feedbackgesprächen, Personalgesprächen und Coachings sind wir in ständigem Bemühen, die Grundwerte der Bayerischen Philharmonie – Exzellenz, Ethik und Energie – und ihre Markenhaltung „Leidenschaft“ immer wieder ins Bewusstsein zu holen und zu fokussieren, so dass sie irgendwann quasi Teil der DNA werden. In dem Sinne ist die Tätigkeit bei der Bayerischen Philharmonie kein Job allein, sie meint den ganzen Menschen – mit Haut und Haaren, immer. 

Wie ist dabei das Gewicht zwischen musikalischem Können und menschlichen Qualitäten verteilt?

Mark Mast: Beide Seiten müssen nach meiner Erfahrung letztendlich in Balance sein, was sich bei jeder Persönlichkeit etwas anders darstellt. Es gibt geborene Konzertmeister und es gibt ideale Tuttisten. Es ist ganz wichtig, den jeweiligen Musiker entsprechend seiner Disposition zu be- und einzusetzen. Dabei brauchen wir keine Diven oder Selbstdarsteller, sondern teamfähige Könner. Sinfonisches Musizieren ist mehr als bloße Selbstverwirklichung. 

Worin unterscheidet sich aus Ihrer Sicht Führung und Förderung von Mitarbeitern im künstlerisch-kreativen Bereich von der normalen Wirtschaftswelt?

Mark Mast: Durch nichts. Hier können beide Seiten noch vieles voneinander lernen und Bilder, Begrifflichkeiten, Denkstrukturen in die jeweils andere und oft fremde Welt integrieren und zum eigenen Wohl nutzen.

Ist auf dem künstlerischen Sektor die (Heraus)Forderung an Eigeninitiative im Prinzip größer und in den Köpfen grundsätzlich besser verankert?

Mark Mast: Dadurch dass jedes professionelle Musizieren die jahrelange, vieltausend Stunden währende Auseinandersetzung mit dem Reiz wie mit den Schwierigkeiten eines Instruments voraussetzt, hat der Musiker im Idealfall die Notwendigkeit und Bedeutung der „Demut“ erkannt. Damit hat er die Bedeutung seiner Eigeninitiative längst verinnerlicht, bevor er zu professioneller Betätigung kommt. Somit eindeutig ja.

Warum Hierarchie unverzichtbar ist, aber nicht einschränkt

Was können Industrie und Verwaltung beim Umgang mit Mitarbeitern von der Kunst lernen?

Mark Mast: Alles, insbesondere Demut.

Chöre und Orchester sind in der Regel streng hierarchisch und weitgehend top-down organisiert. Notwendigkeit oder Anachronismus?

Mark Mast: Es geht nicht anders. Und es ist gesetzmäßig richtig so. Allerdings fängt diese Hierarchie erst an zu fliegen, wenn jeder an seinem Platz nicht nur Pflicht und Aufgabe wahrnimmt und lebt, sondern wenn er die Freiheit in seiner jeweiligen Rolle entdeckt hat und mit seiner ganzen Persönlichkeit lebt und ausfüllt.

Sind die Möglichkeiten zur Delegation von Führung und Personalentwicklung in diesem Klangkörper-System eher größer oder eher geringer – oder einfach ganz anders?

Mark Mast: Sie sind omnipräsent, in jedem Moment möglich und wie in einem Prisma oder Laboratorium idealtypisch jederzeit für jeden möglich und gewünscht. Alles Musizieren spielt sich zwischen Haupt- und Nebenstimme ab, zwischen führen und geführt werden. Dabei ist die Fähigkeit Zuzuhören eine der sinfonischen Kernkompetenzen.

Ihr persönlicher Leitspruch bzw. Ihr musikalisches Vorbild als Führungskraft?

Mark Mast: Zum Ersten: „Wenn das Hinhören und Lauschen die Sprache unserer Seele und unseres Herzens zum Klingen bringen, dann kann Stille zur Musik werden.“ Zum Zweiten: Sergiu Celibidache ebenso wie Leonard Bernstein – Führung durch Authentizität.

Info zur Person: Mark Mast

Mark Mast ist Dirigent und Intendant sowie künstlerischer Leiter verschiedener Festivals, Konzertreihen und Institutionen, darunter die Bayerische Philharmonie. Im Schwarzwald geboren studierte er zunächst in Heidelberg Musik, später in Paris und München. Prägende Impulse für seine Laufbahn als Dirigent erhielt er von Leonard Bernstein und Sergiu Celibidache. http://www.markmast.de/Vita.1285.0.html

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