„Die Hürden niedriger setzen“

9. Dezember 2013

Kleinen und mittleren Unternehmen fällt der Einstieg ins Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) oft schwer. Der Grund: Sie schrecken vor der Komplexität der Aufgabe zurück. Fritz Bindzius, Leiter der Unterabteilung Gesundheit in der Abteilung Sicherheit und Gesundheit (SiGe) beim Spitzenverband Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), empfiehlt daher, nicht gleich nach einer kompletten Lösung zu streben, sondern mit Einzelmaßnahmen zu beginnen.

Was sind die größten Hürden bei der Einführung eines BGM in kleinen und mittleren Firmen?

Fritz Bindzius: Dafür gibt es eindeutige Zahlen. Denn wir haben dazu unter dem Dach der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) eine Befragung unter Unternehmen verschiedenster Größen und Branchen dazu durchgeführt. Daraus ergeben sich deutliche Hinweise, dass für Führungskräfte insbesondere das Tagesgeschäft eine Hürde darstellt, gefolgt von fehlenden Ressourcen und fehlendem Wissen. Es gibt aber auch ganz eindeutig Gründe für ein BGM. 88% derer, die diesen Schritt schon gegangen sind, führten ihre soziale Verantwortung als ausschlaggebendes Motiv an. Auf Platz 2 liegen die Fehlzeiten. 44% der Unternehmen nahmen diese zum Anlass, entsprechend aktiv zu werden.

Das würde man doch eher andersherum erwarten?

Bindzius: Vor einiger Zeit war das sicher noch so. Aber die Unternehmen haben sich da in ihrer Denkweise stark verändert. Der dauerhafte Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit – Stichwort: Rente mit 67 – rückt immer stärker in den Vordergrund. Man kann auch sagen: Der Blick auf morgen ist wichtiger geworden als die Betrachtung der Gegenwart.

Wie lassen sich dort, wo noch Hürden gesehen werden, diese am besten überwinden?

Bindzius: Willkommene Hilfestellungen sind nach unserer Erkenntnis vor allem gute Beispiele aus der Region und der Branche: Hier sind der Zugang zu Informationen und der Zugang zu entsprechenden Netzwerken erwünscht. Auch konkrete Anleitungen, wie sich ein BGM in der Praxis umsetzen lässt, sind gefragt. Viele Unternehmen wollen zudem über steuerliche Vorteile und Fakten zum Nutzen solcher Maßnahmen Bescheid wissen, um auf dieser Basis eigene Entschlüsse zu fassen. Großen Wert wird auf jeden Fall auf eine persönliche Unterstützung gelegt, insbesondere durch Unfallversicherungsträger und Krankenkassen. Insgesamt kann man sagen, dass drei Faktoren die Herausforderung verkleinern: Gute Beispiele, persönlicher Ansprechpartner, direkte Beratung für Planung und Durchführung.

Mit welchen Maßnahmen und Schritten lässt sich der Einstieg in BGM am besten finden?

Bindzius: Am ehesten, so meine Erfahrung, hilft es, wenn man die Hürden niedriger setzt. Dass man zum Beispiel nicht unbedingt sofort mit einem kompletten Managementsystem antritt, sondern mit kleineren Maßnahmen beginnt. Das erzeugt Akzeptanz und hilft, Erfahrungen zu sammeln. Allein der Begriff „Management“ mit all seinen Komponenten und seiner Komplexität klingt ja gerade für kleinere Unternehmen schon fremd in den Ohren.

Wo, außer in der Geschäftsleitung, kann die Arbeit am BGM noch angesiedelt werden?

Bindzius: Überall dort, wo es Arbeitskreise oder Gremien gibt, deren Arbeit von gesundheitlichen Aspekten berührt ist.  Aus dem Blickwinkel eines modernen Arbeitsschutzes heraus kann sich in größeren Betrieben zum Beispiel der Arbeitsschutzausschuss damit befassen, der ja sowieso schon vorhanden ist. Dann ist es nicht zwingend nötig, einen Arbeitskreis Gesundheit zu installieren, in dem ja oft dieselben Akteure und Funktionsträger sitzen.

Ist dabei Unterstützung durch Externe ratsam? Wenn ja: Wer sind die besten Ansprechpartner?

Bindzius: Hier gibt es überall schon sehr professionelle Hilfe bei Berufsgenossenschaften, Unfallkassen und Krankenkassen. Innungen, Handwerkskammern und andere Wirtschaftsverbände und natürlich die Betriebsärzte können Betriebe häufig ebenfalls unterstützen. Das Deutsche Netzwerk für Betriebliche Gesundheitsförderung (DNBGF) ist eine Plattform, die allen Interessierten für einen Informationsaustausch bei Fragen der Durchführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements auch in kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellt. Hier findet man auch Informationen zu regionalen Netzwerken und Projekten. Noch wichtiger als die externe Hilfe ist es aus meiner Erfahrung aber, die eigenen Beschäftigten als Experten in eigener Sache einzubeziehen. Sie sind der wesentliche Motor für den gesamten Prozess. 

Was sind die wichtigsten Vorteile, die ein Unternehmen aus BGM zieht?


Bindzius: Zuallererst sind ist der Erhalt der Gesundheit und damit auch der Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit zu nennen. Damit einhergehend sind die Beschäftigten häufig motivierter und identifizieren sich stärker mit dem Unternehmen. Daraus ergibt sich auch ein verbessertes Betriebsklima. Dazu kommt es i.d.R. auch zur Reduzierung der Fehlzeiten. Unterm Strich besteht kein Zweifel, dass sich jede Investition in BGM bezahlt macht. Es gibt Untersuchungen, die sich mit dem Kosten-Nutzen-Verhältnis solcher Maßnahmen befassen. Eine Zusammenfassung der hierzu vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Betriebliche Gesundheitsförderung rechnet sich. Die erzielbaren Kosten-Nutzen-Verhältnisse liegen immer bei einem Faktor von mindestens 1:2.

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