Die Mischung macht's

4. Dezember 2012

PCs oder Laptops in jedem Haushalt, Internet allenthalben mit hoher Geschwindigkeit zu Flatrates verfügbar: Der Zugang zum E-Learning hat sich innerhalb weniger Jahre deutlich vereinfacht und verbessert. Gleichzeitig unterzieht sich das Fern-Lern-Konzept einem strukturellen Wandel und erfährt als Bestandteil des „Blended Learning“ eine verstärkte Nachfrage.

Erst kam der Bildschirmtext, dann die CD und als alle Welt von der Digitalisierung erfasst worden war, stieg die Hoffnung in den Unternehmen, mit diesen „neuen Medien“ auch die Kosten für Fort- und Weiterbildung besser in den Griff zu bekommen. Multimedial reproduzierbar, allerorten auf dem gleichen neuesten Stand und jederzeit an Veränderungen anpassbar, erschien „E-Learning“ als die eierlegende Wollmilchsau in Sachen Qualifikationsfortschritt. In der Praxis erwies sich der technische Quantensprung in vielen Fällen als Handicap, weil die Kosten für Hardware, Software und Infrastruktur die erhofften Kostenvorteile zunichtemachten – oder von vornherein die Akzeptanz des Konzepts auf breiter Ebene infrage stellten.

Eine wertvolle Einschätzung zu diesem Thema liefert eine Untersuchung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) von 2010, die der Frage nachging, inwieweit sich „E-Learning“ dafür eignet, Ehrenamtliche – zum Beispiel Trainer oder Schiedsrichter – auf diesem Weg zu schulen. Auch dort machte man sich über die Kosten Gedanken und kam zu dem Ergebnis: „Den in diesem Zusammenhang gemachten großen Versprechungen ist längst eine nüchterne Einschätzung gewichen: E-Learning kann nur unter ganz bestimmten Bedingungen beim Sparen helfen, etwa dann, wenn große Nutzergruppen zu vergleichsweise einfachen Inhalten geschult werden sollen oder wenn man bei der Produktion von Lernangeboten eine erhebliche Anzahl wiederverwendbarer Lernobjekte zur Verfügung hat.“

Die technische Evolution, die mobile oder stationäre Datengeräte bei der erwerbstätigen Bevölkerung zum „Taschenmesser des 21. Jahrhunderts“ machte, sorgt nun allerdings in Verbindung mit einem rapiden Preisverfall bei den Telekommunikationskosten dafür, dass „E-Learning“ nicht mehr allein unter Kostenaspekten gesehen wird sondern auch in seinem multiplen Nutzen. Insbesondere die uneingeschränkte und unkomplizierte Verfügbarkeit von bewegten Bildern erweist sich hier als hilfreich: Nie war es leichter, Mitarbeitern Schulungsvideos verfügbar zu machen als im Zeitalter von YouTube & Co. Sprachkurse laufen auf iPod oder Smartphone, Schulungsunterlagen werden zeitgleich per PDF rund um den Globus verteilt, Tests lassen sich unkompliziert über die Website abwickeln. Zusätzlicher Vorteil des reduzierten Mittelaufwands: E-Learning wird auf diese Weise absolut mittelstandstauglich.

Bewegte Bilder bringen Leben ins E-Learning – und die Elemente des Web 2.0 erhöhen die Chancen, dass etwas hängenbleibt

Beispiele zeigen die Bandbreite der Möglichkeiten – und die Kreativität der Anbieter, die sich teilweise von Agenturen beraten lassen haben, ambitionierte Eigenproduktionen auf den Weg zu bringen.

  • Kunden und Partner von Gardena, dem Ulmer Hersteller von Gartengeräten für Verbraucher und Profis, können sich per Internetvideo darüber schlau machen, wie man professionell ein Rasensprinklersystem installiert.
  • Die Freiwillige Feuerwehr Bergrheinfeld teilt online ihr Anwendungswissen zur korrekten Atemschutzüberwachung mit Floriansjüngern aus aller Welt.
  • Und die Zimmerei Heine aus Amtzell möchte mit einem Film „unsere Mitarbeiter und Subunternehmer zum kundenorientierten Denken und Handeln anregen“.

Mit dem klassischen E-Learning haben diese Clips indes noch nicht allzu viel zu tun. Das liegt allerdings auch daran, dass dieses klassische Konzept für sich allein stand, während E-Learning heute eine von mehreren Komponenten im Blended Learning darstellt, einer Mischung aus Fern- und Präsenzunterricht, aus gedruckten und digitalen Medien, aus Wissenstransfer und selbst erarbeitetem Knowhow. „Computer- und Web-based Trainings, mit denen man eine große Anzahl von Lernenden erreichen kann, bleiben … weiterhin relevant“, konstatiert das DOSB-Papier. Und: „Auch Planspiele und Simulationen einschließlich neuer Formen von sogenannten Serious Games (Lernspiele) stehen auf der Agenda, falls ausreichend viele Nutzer die meist hohen Produktionskosten rechtfertigen.“
Neben der Skalierbarkeit von E-Learning-Angeboten schätzten Unternehmen inzwischen die Möglichkeit, mittels digitaler Technologien das Lernen in formalen Bildungsangeboten mit informellen Lernprozessen am Arbeitsplatz zu verknüpfen, stellen die Autoren fest: „Hierzu eignen sich vor allem Web-2.0-Anwendungen wie Wikis, Weblogs und Social Bookmarking, die persönliche, aber auch organisatorische Wissensmanagement-Prozesse erleichtern und gleichzeitig interessante Lernpotenziale eröffnen.“

Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit wachsenden Zugriffen auf Lerninhalte über mobile Datengeräte. Dies werde „die E-Learning-Landschaft in den nächsten drei Jahren aus wirtschaftlicher Perspektive erstmals entscheidend prägen“, prognostizieren Bildungsexperten, die das MMB-Institut für Medien- und Kompetenzforschung im Rahmen seiner jährlichen Trendstudie MMB Learning Delphi befragt hat. Aus ihrer Sicht werden App-Store und Android Market in diesem Zuge zu den wichtigsten Plattformen für den Vertrieb von E-Learning-Content. Mobile Lerner werden nach Ansicht der meisten Experten solche Angebote bevorzugen, die speziell für Smartphones oder Tablet-PCs erstellt wurden, die also keine „mobile Adaption“ bestehender Angebote darstellen. „Mikro-Lernen“, also die Nutzung kleinster Lernmodule zur Problemlösung, werde in diesem Zusammenhang eine zunehmend wichtige Rolle spielen – sei es am Arbeitsplatz oder unterwegs. „Cloud Computing“ und „Software as a Service“ würden dabei zukünftig die Rahmenbedingungen des betrieblichen Lernens bestimmen.

Die Dominanz des Top-Themas „Mobile Learning“ bedeutet aus Sicht der Experten aber nicht den Abschied von bewährten Lern-Arrangements. Vielmehr untermauern die Ergebnisse der diesjährigen Befragung den Trend, der sich bereits in den Vorjahren abgezeichnet hat: Unternehmen werden auch zukünftig vor allem auf „Blended Learning“-Szenarien setzen, also die Mischung von traditionellen Lernformen mit virtuellen – und mobilen – Elementen. Darüber hinaus wird der räumlichen Entgrenzung der klassischen Unterrichtsformen über „Virtuelle Klassenräume“ und „Webinare“ eine große Zukunft eingeräumt.

Messbare Effekte – nicht nur bei den Kosten – erhöhen die Akzeptanz von E-Learning im Unternehmen und bei den Mitarbeitern

Paradebeispiel für ein „Blended Learning“-Konzept ist in Fachkreisen noch immer der TÜV NORD mit einem Projekt, das seit 2007 läuft – und zwar als 3D-Angebot in „Second Life“. Indem das Unternehmen dort Besprechungen und internationale Schulungen abhält, hat sich der hohe Investitionsaufwand auch schnell amortisiert. „Zehn Sachverständige aus Polen, Kroatien, der Türkei, Brasilien, Hongkong, Thailand und Indien für eine einzige Schulung einzufliegen, kostet bis zu 27.000 Euro für Flugtickets, plus Spesen, Hotel und über 150 Reisestunden. In Second Life entfällt ein Großteil dieses Aufwands“, wird Frank Börger, Leiter Client Management beim TÜV NORD, in diesem Zusammenhang zitiert. Schon im ersten Jahr habe sich so das Investment für den virtuellen Auftritt in den realen Bilanzen ausgeglichen. Dazu kommt, dass auf diesem Weg auch neue Lernmethoden über die Inspektionsgrube gefahren werden können. Und auch fürs Recruiting befindet man sich damit auf der Höhe der Zeit.

Die Praxis bestätigt jedenfalls auch außerhalb solcher Musterbeispiele auf breiter Ebene die neue Wertschätzung für ein breit angelegtes E-Learning, das im Konzert von Weiterbildungs- und Qualifizierungskonzepten eine tragende Rolle spielt. Um herauszufinden, welche messbaren Effekte E-Learning auf die Leistungsfähigkeit, Kennzahlen und Ergebnisse eines Unternehmens haben, hat im Jahr 2011 das Beratungsunternehmen KnowledgeAdvisors 465 Unternehmen befragt. Insgesamt nahmen 7.800 Lernende an der Umfrage teil. Zentrale Ergebnisse der Studie lauten:

  • E-Learning wirkt sich positiv auf die Arbeitsleistung aus, da es sich einfach in den Arbeitstag integrieren lässt und sofort anwendbar ist.
  • Es beeinflusst kritische Bereiche der Geschäftsleistung, wie zum Beispiel Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, Qualität und Produktivität.
  • Zudem unterstützt diese Form der Weiterbildung Mitarbeiter dabei, Wissenslücken zu schließen und deren Selbstvertrauen aufzubauen, das wiederum für eine hohe Leistungsfähigkeit essenziell ist.

Die Studie kommt darüber hinaus zu dem Ergebnis, dass E-Learning den Anteil unnützen Lernens erheblich reduziert. So gaben die Befragten an, dass sie die Lerninhalte innerhalb von sechs Wochen im Job anwenden konnten, was einer „Scrap-Lernrate” von lediglich 14 Prozent entspricht. „Scrap-Learning” ist laut Dr. Robert Brinkerhoff, einem international anerkannten Experten im Bereich Trainingsevaluation und -effizienz, die messbare Menge an Training, die an Lernende herangetragen wird, sich aber nicht erfolgreich im Job anwenden lässt. Nach Einschätzung des Wissenschaftlers kann dies bei traditionellen Trainingsmethoden bis zu 80 Prozent des Lernens umfassen. In der Regel läge der Anteil an „Scrap-Learning” aber zwischen 55 und 80 Prozent, was häufig auch als Argument angeführt wird, dass Weiterbildung nichts bringe.

Daraus lässt sich auch ableiten, dass über Scheitern und Erfolg von E-Learning nicht zuerst die Schüler, sondern die Lehrplangestalter entscheiden. In diesem Zusammenhang empfiehlt sich noch einmal ein Blick in das Papier des Olympischen Sportbundes. Im Kapitel „Was Sie bei der Durchführung von E-Learning beachten müssen“ empfehlen die Experten zu prüfen, ob folgende Punkte geklärt sind:

  • Haben Sie sich über mögliche Bedenken und Sorgen von Lernenden kundig gemacht und Maßnahmen getroffen, um diesen vorbereitend zu begegnen?
  • Haben Sie sich einen Überblick über eventuelle technische Hürden verschafft und daran gedacht, was zu tun ist, wenn sie auftreten?
  • Haben Sie konkrete Ideen, wie Sie Lernende generell und im Falle von ungünstigen Ereignissen bei der Stange halten und motivieren?
  • Haben Sie daran gedacht, ein Evaluationskonzept zu erstellen, mit dessen Hilfe Sie die Zielerreichung effizient überprüfen können?
  • Haben Sie eine Strategie, wie Sie Ihr eigenes E-Learning-Beispiel bekannt machen und sich mit anderen darüber austauschen können?

Man lernt nicht aus.

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