Digitalisierung lässt Grenzen verschwinden

12. Oktober 2015

Die Wirtschaft gewinnt mehr Freiheiten, die Mitarbeiter fordern. Aus Sicht von Prof. Dr. Eva Savelsberg werden die Unternehmen und Geschäftsprozesse ein ganz anderes Gesicht haben, als heute.

Bewegliche Daten lassen eine dezentrale Produktionslandschaft reifen

  • Geschwindigkeit wird zum bestimmenden globalen Wettbewerbsfaktor. Die Digitalisierung liefert die nötigen Werkzeuge, damit Unternehmen schneller werden.
  • Das Versprechen von Flexibilisierung, das digitale Technologien in sich tragen, wird den Trend zur Dezentralisierung der Produktion vorantreiben.
  • Selbst wenn sich einzelne Trends der Digitalisierung nur in Ansätzen durchsetzen, wird die Wirtschaft der Zukunft ein völlig anderes, grenzenloseres Gesicht haben.

Sie haben die Internationalisierung der Wirtschaft als eine treibende Kraft für den Bedarf zur Digitalisierung ausgemacht. Welche Ansatzpunkte sprechen Sie dabei im Detail an?

Dr. Eva Savelsberg: Die komplexe, arbeitsteilige Weltwirtschaft beschleunigt sich enorm. Der schnelle Wandel ist die einzige Konstante. Geschwindigkeit wird zunehmend zum Wettbewerbsfaktor. Online-Versandhändler werben heute mit Day-to-Day-Delivery, einer Warenzustellung nur wenige Stunden nach der Bestellung. Um diesem Versprechen gerecht zu werden, sind digitale Prozesse unabdingbar. Aber durch die massenhaft verfügbaren Daten werden Entscheidungen stets komplexer. Die Anzahl der Möglichkeiten und Handlungsalternativen ist überwältigend. Aber auch hier bietet Digitalisierung neue Chancen und Möglichkeiten. Intelligente Software ist zum Beispiel in der Lage, Geschäftsprozesse in Echtzeit zu planen und zu disponieren. Im Unterschied zu herkömmlichen IT-Systemen, die lediglich Daten bereitstellen und den Benutzer mit der Entscheidungsfindung alleine lassen, schlagen „entscheidungsintelligente“ Systeme eigenständig optimierte Lösungen vor, die der Benutzer übernehmen, ablehnen oder modifizieren kann. 

Macht die Digitalisierung die weltweite Wirtschaft technisch gesehen auf Dauer grenzenlos?

Dr. Eva Savelsberg: Der Vorteil geringerer Produktionskosten sorgte für viele Jahrzehnte dafür, dass Produkte hauptsächlich zentral in riesigen Werken produziert wurden. Doch es kommen immer neue Technologien auf den Markt, die diesen Vorteil nivellieren, z.B. der von vielen mit großen Erwartungen versehene 3D-Druck, das Internet der Dinge oder der zunehmende Einsatz von Robotern. Das Versprechen von Flexibilisierung, das diese Technologien in sich tragen, wird den Trend zur Dezentralisierung der Produktion vorantreiben. Kleinere, regionale Produktionszentren sind nah am Endkunden und reduzieren dadurch Transportkosten bzw. stellen die Notwendigkeit für ausgedehnte, mehrstufige Lagerstrukturen in Frage. Wieso ein Produkt am anderen Ende der Welt herstellen und verschiffen, wenn ich es gleich um die Ecke produzieren kann? Wie auch immer sich die Zukunft entwickeln wird – unser traditionelles Wirtschafts- und Distributionsmodell wird neuen Ideen und Konzepten weichen. Selbst wenn sich einzelne Trends nur in Ansätzen durchsetzen, wird die Wirtschaft der Zukunft ein völlig anderes, grenzenloseres Gesicht haben.

Überwindet sie auch sprachliche und kulturelle Grenzen?

Dr. Eva Savelsberg:  Das Internet ist für viele Menschen kein Neuland mehr, sondern zusammen mit Social Media längst fester Bestandteil ihres privaten und beruflichen Alltags. Auch dass internationale Netzwerke wie LinkedIn zunehmend an Bedeutung gewinnen, ist kein Geheimnis. Hierbei werden permanent Sprachbrücken gebaut und kulturelle Grenzen überwunden.

Unternehmen haben die Lücken und Hürden erkannt

Es hat derzeit den Anschein, als sei das Thema "Wirtschaft 4.0" für große Unternehmen und Einheiten machbar, aber für KMU eine schier unüberwindbare Hürde. Ihre Einschätzung?

Dr. Eva Savelsberg: Wo sich die Unternehmen tatsächlich in der Entwicklung der „Wirtschaft“ bzw. „Industrie 4.0“ sehen und wie sie beispielhaft in der Branche des Maschinen- und Anlagenbaus erlebt wird, zeigte eine Umfrage auf einer Kundentagung der INFORM, bei der rund 120 Branchenvertreter zusammenkamen (Kongress „Marktsynchrone Produktion“, Aachen, Juni 2015“). Neben dem Austausch von Erfahrungen und Neuigkeiten in der Produktionsplanung, stand auch eine Standortbestimmung zum Thema Industrie 4.0 auf der Tagesordnung. Ergebnis war, dass die teilnehmenden deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (darunter viele KMUs) wissen, dass der Aufbau der Industrie 4.0 gerade erst beginnt. 63 Prozent der Befragten gaben an, dass das Thema Industrie 4.0 zwar strategisch eine zunehmende Bedeutung hat, aber auf dem Weg zu einer automatisierten Fabrik sah sich die Mehrheit der Kongressbesucher (83 Prozent) erst am Anfang der zu begehenden Reise.

Sehen die Unternehmer auch schon die Hindernisse bzw. Lücken?

Dr. Eva Savelsberg: 44 Prozent der befragten Maschinen- und Anlagenbauer nutzen noch gar keine smarten Geräte in den Anlagen Ihres Unternehmens, 52 Prozent schon teilweise und nur vier Prozent bestätigten eine hohe Nutzung. Die Befragten sehen auch verschiedene Schwierigkeiten für ihr Unternehmen aufgrund der Industrie 4.0. Größtes Problem ist nach Angaben der Maschinen- und Anlagenbauer die fehlende Standardisierung (25 Prozent), dicht gefolgt von dem Reifegrad der Technologien (20 Prozent) und der Datensicherheit sowie mangelnder Fachkräfte mit je 18 Prozent. Auch den unklaren wirtschaftlichen Nutzen sehen die befragten Unternehmen als Schwierigkeit (14%).

Technik kann ich im Handel kaufen. Aber haben denn die Unternehmen auch schon die Mitarbeiter, die sie für eine erfolgreiche Digitalisierung brauchen?

Dr. Eva Savelsberg: Siehe Umfrage Punkt 4: Mangelnde Fachkräfte sehen 18 Prozent der Befragten als Problem an.

„Das Digitale ersetzt nicht das Persönliche“

Ist den Unternehmen geholfen, wenn Sie intensiver auf das Wissen und Können der Generation „U30“ zugreifen? Kann man diesen Mitarbeitern auch schon entsprechende Führungsrollen übertragen?

Dr. Eva Savelsberg: Die frühe Übernahme von Verantwortung ist für uns als Softwareunternehmen unabdingbar. Unsere interne Organisation ist darauf ausgelegt, Entscheidungskompetenz weitgehend an den ausführenden Mitarbeiter zu delegieren, auch an die Generation „U30“. Sie lernen im Rahmen eines intensiven Mentoren-Programms vor Ort und unter Zeitdruck eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen – sei es beim Kunden in Saudi Arabien oder Norwegen, Australien oder in unserer Aachener Zentrale. Auch indem sie Fehler machen, denn erst dadurch wird Lernen möglich. Gerade in der Implementierungsphase beim Kunden ist Nervenstärke gefragt. Themen müssen völlig neu aufgerollt werden; plötzlich tauchen Einflussfaktoren auf, die zuvor nicht relevant waren. Spätestens dann zahlt sich die sorgfältige Einarbeitung unserer Nachwuchskräfte aus.

Und wie geht man mit jenen „Risiken und Nebenwirkungen“ der Digitalisierung für die moderne Arbeits- und Lebenswirklichkeit um: der Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit z.B. oder der verringerten physischen Präsenz im Miteinander?

Dr. Eva Savelsberg: Viele Mitarbeiter fordern heute mehr Freiheiten. Dazu gehört Kompetenzwachstum im Job genauso wie die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Die Digitalisierung ermöglicht überhaupt erst eine Work-Life-Balance. Einem Ausbrennen der Mitarbeiter muss aber vorgebeugt werden. Denn die digitale Arbeit darf nicht die Überhand gewinnen, weder im Privatleben noch im Berufsalltag. Wir dürfen nicht der Illusion erliegen, dass das Digitale das Persönliche ersetzt. Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ist und bleibt das A und O. Nur so lässt sich Vertrauen aufbauen.

Was sind die Folgen für HR?

Dr. Eva Savelsberg: Angestellte sind nicht mehr so statusorientiert wie früher. Sie genießen die Arbeit im Team. Ein Sternchen im Heft ist ihnen nicht mehr so wichtig. Sich profilierende Ichs funktionieren nicht mehr. Ein Team akzeptiert eine Führungskraft, wenn es weiß, dass sie sowohl die wirtschaftlichen Ziele als auch das Wohlbefinden der Belegschaft im Blick hat. Neue Führungsmodelle müssen Veränderungen durch einen Wertewandel bei den Beschäftigten – eng verwoben durch Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung – einbeziehen. Hier stehen wir sicher noch am Anfang.

Info zur Person PD Dr.-Ing. Eva Savelsberg

PD Dr.-Ing. Eva Savelsberg ist Bereichsleiterin Logistik bei der INFORM Institut für Operations Research und Management GmbH in Aachen. Das Unternehmen ist spezialisiert auf intelligente Software zur optimierten Planung und Echtzeit-Disposition von Geschäftsprozessen. Ihr Vortrag bei der diesjährigen Tagung „Digitalisierung der Arbeitswelt“ am Institut für Sozial- und Wirtschaftspolitische Ausbildung e.V. befasste sich mit der „Internationalisierung und Digitalisierung als Herausforderung an Führung im Mittelstand“. Savelsberg ist Dozentin an der RWTH Achen, wo sie in Mechanical Engineering promovierte und ihre Habilitation vollendete.

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