Drum lenke, wer sich lange bindet

3. März 2015

Er gilt als wichtiger Faktor beim Fachkräftemangel: der zu geringe weibliche Anteil in MINT-Studiengängen und -Berufen. Verschiedene Initiativen unterstützen Unternehmen dabei, das zu ändern. Sie räumen unter anderem gezielt traditionelle Karrierehindernisse aus dem Weg.

Die Aufgabenstellung scheint auf den ersten Blick einfach. Vier Fragen bekommen die Oberstufen-Schülerinnen und Schüler aus Österreich an die Hand: Welche Frauen in der Technik und den Naturwissenschaften kennst du? Warum haben sie diese Berufslaufbahn eingeschlagen? Wie geht es ihnen im Job? Warum könnten sie ein Vorbild für andere junge Frauen sein? Aus den Antworten sollen sie in Wort, Bild oder Film einen Beitrag erzeugen, der anderen klar macht, warum Frauen in der „Technolution“ starke Zeichen setzen. Unter diesem Namen, der den Titel eines Buchs von Matthias Horx aus dem Jahr 2008 aufgreift, läuft ein Wettbewerb, den das österreichische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft ausgerufen hat.

Interesse schüren, Bewusstsein schaffen

Ergänzt wird das Programm durch einen eigenen Kongress, 2013 erstmals durchgeführt, für den Herbst 2015 wieder im Kalender. Neben der Vorlesungsreihe „Science Lectures by Women“ findet dann auch die Auszeichnung der Gewinnerinnen und Gewinner des Kreativwettbewerbs statt. Ziel der Veranstaltung ist es, unter Jugendlichen, Eltern und Pädagogen Interesse für das Thema „Frauen in der Technik“ zu schüren und darüber hinaus das Bewusstsein zu schaffen, dass Frauen im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich selbstverständlich sind.

In der Wirtschaft Österreichs selbst kümmern sich kreative Kräfte darum, Schülerinnen eine technisch-naturwissenschaftliche Karriere nahezubringen. „Wiener Töchter. Wiener Technik. Wiener Wirtschaft.“ zum Beispiel ist ein gemeinsames Projekt der Organisation „Frau in der Wirtschaft Wien“ mit dem Berufsinformationszentrum BIWI und der Abteilung Bildungspolitik der Wirtschaftskammer Wien: ein Nachmittag für Unternehmerinnen und ihre Töchter und eine Gelegenheit, Traumberufe in traditionellem Handwerk und moderner Technik vor Ort kennen zu lernen. Die jungen Mädchen erfahren Berufsorientierung mit Live-Atmosphäre, spüren Unternehmergeist und entwickeln Zukunftsbilder.

Nachfrage an Universitäten nimmt zu

Auch diesseits der Grenze scheinen Initiativen wie der „Girls Day“ zu zünden und in ein gesteigertes Interesse an MINT-Berufen zu münden. „Der überdurchschnittliche Anstieg von Studienanfängerinnen in den MINT-Fächern der letzten Jahre erweist sich als stabil“, meldete vorigen Herbst „Komm, mach MINT.“, die Geschäftsstelle Nationaler Pakt für Frauen in MINT-Berufen unter Berufung auf aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes und eigene Berechnungen. Seit 2008 sei die Zahl der MINT-Studienanfängerinnen insgesamt um gut 70 Prozent gestiegen - von fast 60.000 auf über 100.000 MINT-Studienanfängerinnen. Wobei aller Anfang schwer ist, denn nach wie vor liegen die Abbrecherinnen-Quoten über dem Durchschnitt der männlichen Kommilitonen. 

Ein Blick auf die im Daten und Fakten Bereich auf www.komm-mach-mint.de beobachteten Fächergruppen und Studienbereiche zeigt, dass die Studienanfängerinnenzahlen in diesen Bereichen so hoch sind wie nie zuvor. So ist in der Elektrotechnik der Anteil von Studienanfängerinnen von 9,7 Prozent in 2008 auf 13,5 Prozent in 2013 gestiegen. Mit 3.700 Studienanfängerinnen 2013 begannen somit mehr als doppelt so viele Frauen ein Elektrotechnik-Studium wie 2008. Ähnlich hat die Informatik zugelegt mit einer Steigerung des Studienanfängerinnenanteils von 18,6 Prozent im Jahr 2008 auf 22,7 Prozent im Jahr 2013. Mit 13.000 Studienanfängerinnen 2013 bedeutet dies ebenfalls eine Steigerung von mehr als 100 Prozent gegenüber 2008. Weitere detaillierte Daten und Fakten zur Entwicklung von Studienanfängerinnen und Absolventinnenzahlen aller Fachbereiche, bundesweit und auf Länderebene, stehen kommentiert unter www.komm-mach-mint.de zur Verfügung.

Firmen beteiligen sich mit neuen Ansätzen

Unternehmen nutzen die Chancen, die ihnen die Partnerschaft mit der Initiative bietet – und tragen selbst mit kreativen Ideen dazu bei, deren Attraktivität zu steigern. So wurde zum Beispiel 2013 die e/c/s systems & software solutions GmbH und Co neuer Paktpartner. Das Unternehmen veranstaltete Ende Januar dieses Jahres zusammen mit der Personalberatung Hunting/Her „MINTme“, die erste virtuelle Messe für Frauen in den MINT-Berufen. Ziel war das Zusammenführen von Unternehmen und Universitäten mit weiblichen Studieninteressierten, Trainees sowie Fach- und Führungskräften mit dem Schwerpunkt MINT. Das Online-Format bietet die Möglichkeit des ersten Kontaktes mit geringem Zeitaufwand und nationaler Reichweite. www.mintme.de

„Unsere neuen Partner zeigen in aller Deutlichkeit wie breit unsere Initiative aufgestellt ist“, so Dr. Ulrike Struwe, Leiterin der Geschäftsstelle von „Komm, mach MINT“. „Ob virtuelle Messe, außerschulische Veranstaltung oder frei buchbare Technikworkshops – die Geschäftsstelle bündelt die Vielfalt an möglichen Angeboten und gewährleistet einen kontinuierlichen Informationsfluss.“

Vorbildliche Konzepte

Anregende Beispiel kommen auch aus dem Teil der Republik, der seit Beginn der Industrialisierung für einfallsreichen Zugang zu technischen Möglichkeiten steht: Baden-Württemberg. Die Finalisten des Unternehmenswettbewerbs „Frauen in MINT-Berufen“ lieferten auch 2014 wieder kreative und innovative Konzepte von Unternehmen bei der Förderung von Frauen in den Berufsfeldern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT). „Ziel des Unternehmenswettbewerbs ist es, vorbildliche Konzepte auszuzeichnen und bekannt zu machen. Ich freue mich deshalb sehr über die zahlreichen qualifizierten Bewerbungen. Dies zeigt, dass in den Unternehmen ein Bewusstseinswandel stattfindet und vorbildliche Konzepte zur Förderung von Frauen in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen entwickelt werden“, sagte Minister Nils Schmid.

Bei der CeGaT GmbH aus Tübingen zum Beispiel – das Unternehmen bietet medizinische Analysen und Sequenzierdienstleistungen zur Entschlüsselung von Erbgutinformationen an – liegt der Frauenanteil in MINT-Berufen bei 70 Prozent; 50 Prozent der oberen Führungspositionen sind mit Frauen besetzt. Das Unternehmen verfolgt eine gezielte und durchgängige MINT-Förderung weiblicher Talente von Anfang an und beteiligt sich an zahlreichen Initiativen, Projekten und Programmen wie z. B. Girls‘ Day Akademie, MINT Botschafter, Women of the future. Zum hohen Anteil an weiblichen Führungskräften tragen insbesondere Programme zur gezielten Personalentwicklung bei, z.B. regelmäßige Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie regelmäßige Entwicklungsbeurteilungen und eine gezielte Übertragung neuer Aufgaben, z. B. zur Leitung von Teams oder beim Aufbau neuer Geschäftsbereiche. 

Frühzeitig ansprechen, langfristig denken

Das Technologieunternehmen Escad AG aus Pfullendorf wiederum kooperiert mit Schulen und Hochschulen und ermöglicht seinen Mitarbeitern durch Schulungen und regelmäßigen Kontakt einen nahtlosen Übergang von der Elternzeit zurück an den Arbeitsplatz. Weiterhin unterstützt das Unternehmen mit dem Trainee-Camp Frauen gezielt auf dem Weg zur Führungskraft.

Das Pharma-Unternehmen Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG in Biberach setzt sich gezielt für die Förderung von Frauen in MINT-Berufen ein. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten in MINT-Berufen sind Frauen. Die Jury zeigte sich zudem von der Anzahl der Frauen in Führungspositionen beeindruckt. Boehringer Ingelheim Pharma beschäftigt in über einem Sechstel der führenden Positionen weibliche Mitarbeiter. Teilzeit sowie flexible Arbeitszeiten und -orte gelten dabei auch für Führungskräfte, sodass sich diese im Laufe ihrer Karriere nicht für oder gegen eine Familie entscheiden müssen.

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