Durchschnittliche Mitgift

15. Juni 2015

Ausbildungsreife eher ja, ausbaufähiges Können eher nein. So lassen sich die Ergebnisse der jüngsten Umfrage des randstadkorrepondent zusammenfassen. Gefragt war nach der Qualifikation von Nachwuchskräften, die eine Ausbildung im Unternehmen beginnen.

Ausbildungsreife eher ja, ausbaufähiges Können eher nein.

Deutsch, Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften – vier Schulfächer, in denen heute jeder sattelfest sein sollte, der seinen Berufsweg beginnt. Wenn man die Ergebnisse der aktuellen Umfrage des randstadkorrespondent zugrunde legt, dann sind die Qualitäten der Berufseinsteiger auf diesen Gebieten jedoch kein Grund zum Jubeln. „Überwiegend durchschnittlich.“ Auf diesen Nenner lässt sich bringen, wie die Unternehmen die Mitgift ihrer Azubis aus dem Schulleben bewerten. 52 Prozent von ihnen sehen sich daher gefordert, in Bereichen nachträglich zu qualifizieren, wo eigentlich die Schule gefordert gewesen wäre.

„Sehr gut“ ist die Ausnahme

Ein „sehr gut“ verteilten die Antwortenden aus dem Personalbereich gerade einmal in 0,6 % (Englisch) bis 3,5 % (Deutsch) der Fälle. Den Löwenanteil ihrer Azubis bewerteten sie mit „befriedigend“. Insbesondere bei der Mathematik (51,8 %) schlägt der Zeiger an der Waage damit Richtung Defizit aus. Bei Deutsch (30,7 %) und Englisch (24,1 %) sorgen die „gut“-Noten für eine Aufhellung des Bildes.

Das Ergebnis der Umfrage fügt sich nahtlos ein in Beobachtungen der jüngsten Zeit, wie sie zum Beispiel der jährliche Bildungsreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) macht: Was die Azubis an Grundlagenwissen von der Schulbank mitbringen, deckt sich nicht mit den Erwartungen ihrer Arbeitgeber.

„Teamfähigkeit“ am besten ausgeprägt

Ein ähnliches Bild, allerdings mit einer deutlich positiven Gewichtung auf der sehr gut/gut-Seite, erbrachte die Frage nach den altersentsprechenden Kompetenzen der Azubis – also nach sozial relevanten Eigenschaften Allgemeinbildung, Auftreten oder Selbständigkeit. Hier erwiesen sich die beiden Talente „Teamfähigkeit“ und „Motivation“ als Matchwinner. Bei der Teamfähigkeit erreichten die beiden Bestnoten zusammen sogar einen Anteil von fast 58 Prozent. Auf der Gegenseite war bei den Faktoren „Selbständiges Arbeiten“, „Sorgfalt“ und „Allgemeinbildung“ die stärkste Häufung von „mangelhaft“ und „ungenügend“ festzustellen. Insgesamt ergab sich auch bei Fragen wie „Sozialer Kompetenz“, „Sprachlicher Kompetenz“ oder „Auftreten“ ein Bild, das sich mit der allgemeinen Wahrnehmung im Alltag deckt: die Azubis als Spiegel der Gesellschaft.

Es hapert bei der Eigenständigkeit

Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist ein Blick in die freien Antworten der Umfrage. Unter den 340 Aussagen in diesem Bereich finden sich einerseits starke Häufung bei den Schulfächern Mathe/MINT und Deutsch. Viele Antworten beziehen indes die Folgewirkungen mit ein: Da ist häufig von „mangelhaftem kaufmännischen Denken“ und „fehlendem Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge“ die Rede. Bei den – auch allgemein häufig genannten „Soft Skills“ – fallen Umgangsformen, vor allem der Umgangston, mangelndes Arbeitsethos, wenig ausgeprägtes selbständiges Arbeiten und, sehr oft genannt, fehlende Disziplin besonders ins Gewicht.

„Mir fehlt das Mitdenken für Andere, das vorausschauende Arbeiten“, heißt es in einer Antwort, aus der klar wird, dass die Unternehmen selbst neben den fachlichen Aspekten eines Berufsbildes auch die sozialen Komponenten in die Ausbildung einbeziehen müssen – und sich dabei nicht unbedingt auf eine solide Basis stützen dürfen. In die gleiche Kategorie fallen die Defizite beim „Transfer von der Theorie in die Praxis“ sowie Klarheit beim „Entscheiden zwischen wichtig und unwichtig“.

Mitgebrachte Qualifikationen verschlechtert

Wie weit die Lücke zwischen schulischen Grundlagen und beruflicher Praxis klafft, machen denn auch die Antworten auf zwei weitere Fragen deutlich. In mehr als 52 Prozent der Fälle heißt es bei „Müssen in Ihrem Unternehmen Azubis in Bereichen nachgeschult werden, die Ihrer Ansicht nach die Schule hätte übernehmen müssen?“ klipp und klar: „Ja“. Und mehr als 58 Prozent der Personalverantwortlichen sind der Meinung, dass sich die schulischen Qualifikationen der Bewerber um einen Ausbildungsplatz in den letzten fünf Jahren verschlechtert haben (bei weniger als 6 Prozent, in deren Augen sie sich verbessert hat). Nicht ganz so hoch, aber dennoch eindeutig fällt die Einschätzung bei den Soft Skills aus. Auch hier sehen 47 Prozent der Antwortenden eine Verschlechterung und nur 8,6 Prozent eine Verbesserung.

Ausbildung fällt aus

Eine Zahl, die sich sehen lassen kann, lieferte die Frage, ob grundsätzlich in einem Unternehmen Azubis beschäftigt werden: Bei neun von zehn Befragten ist dies der Fall. Wenn Unternehmen auf Auszubildende verzichten, dann mögen situativ verschiedene Gründe mehr oder weniger stark ins Gewicht fallen. Über Branchen und Unternehmensgrößen hinweg zeichnen sich jedoch wenige bestimmende Faktoren ab. Einer heißt „Aufwand“: Entweder ist zu wenig Zeit da, um sich mit dem Nachwuchs zu befassen, zu wenig (für Ausbildung qualifiziertes) Personal – oder beides. Ein anderer heißt „Konjunktur“: Wegen Umstrukturierung oder schlechter Geschäftsentwicklung in Verbindung mit unsicheren Perspektiven findet keine Ausbildung statt. Und ein dritter Faktor heißt: „Schlechte Erfahrungen“.

In der Summe führt das dazu, dass in drei von zehn Unternehmen in der Umfrage Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, weil keine geeigneten Kandidat(inn)en gefunden wurden.

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