Eine gute Fehlerkultur kennt keine Versteckspiele

Hinschauen, wie es anderen gegangen ist und aus deren Scheitern praktische Lehren ziehen: Fehlerkultur wird von vielen Faktoren beeinflusst und lebt vom direkten Erfahrungsaustausch.

  • Nicht nur die Erfolge, sondern auch das Scheitern zählt zu den Qualitäten von Individuen und Organisationen.
  • Eine offene Nachbereitung von Fehlern ist wesentliche Grundlage für eine lernende Organisation.
  • Die Furcht vor Strafe oder Bloßstellung verhindert vielfach einen gewinnbringenden Umgang mit Fehlern.
  • Durchdachte Strategien zum Vermeiden von Fehlern helfen und sind wirkungsvoller als nachgeordnete Sanktionen.

Fehler veröffentlichen statt verstecken

„Das meiste von dem, was ich versuche, scheitert. Aber es bleibt im Verborgenen, während die Erfolge sichtbar sind.“ Der Autor dieser Zeilen heißt Johannes Haushofer und ist Assistant Professor an der Princeton University. Er hat einen „CV of Failure“ zusammengestellt, den er auf seiner Website neben dem regulären Lebenslauf veröffentlicht. Er will damit öffentlich klarstellen, dass sein Leben kein unbeschwertes Nacheinander von Erfolgen ist. Dies solle andere Menschen, die am Scheitern verzweifeln wollen, eine bessere Perspektive beim Blick auf ihre eigenen Chancen eröffnen. In aller Offenheit räumt Haushofer dabei ein, dass er nicht der Erste mit diesem Gedanken war. Er verweist auf einen Artikel der Neurobiologin Melanie Stefan in der Fachzeitschrift Nature, in dem sie über das Prinzip eines „Lebenslaufs des Scheiterns“ geschrieben hat. Anlass war ein zurückgewiesener Antrag auf ein Fellowship – am gleichen Tag, an dem die brasilianische Nationalelf den Stürmer Ronaldinho aussortierte. „Sportler können ihr Scheitern nicht verbergen, während wissenschaftliche Lebensläufe eine Kette von Erfolgen darzustellen scheinen“, so eine ihrer Aussagen. Wissenschaftler, die auch die Kette ihrer Misserfolge vor Augen haben, zeigten zugleich Wertschätzung für alle ihre Arbeit, auch wenn sie nicht zum Ziel führte.

Fuck-up-nights als Vorbild für interne Fehlerdiskussion

„Sometimes you win. Sometimes you learn. Schöner Scheitern bei der FuckUp Night Berlin.“ Lakonischer könnte eine Einladung nicht sein, wie diese auf der Website fuckups.de, die sich an Gründerinnen und Gründer wendet, die mit Schicksalsgenossen ins Gespräch kommen wollen, die ihr Start-up ebenfalls an die Wand gefahren haben. Die Idee hatte 2012 in Mexiko Premiere und breitet sich seither weltweit aus. In vielen deutschen Städten bestehen inzwischen Gruppen, die sich regelmäßig treffen. Durch die dort gepflegte Offenheit „soll denen die Angst vor dem Scheitern genommen werden, die den Sprung ins kalte Wasser noch nicht gewagt haben“, heißt es bei der Stuttgarter Gruppe. In ihrer Radikalität gelten die Meetings als lebendiges Anschauungsmaterial für alle, die sich ein Bild von wahrer Fehlerkultur machen wollen.

Beispiel Cockpit: Fehler nachbereiten, Fehler vorbereiten

Missverständnisse im Cockpit sind auch einer der häufigsten Fehler, die zu Zwischenfällen in der Luftfahrt führen. Fachbücher wie „The Naked Pilot – About Human Factors in Aircraft Incidents“ sind voll von einschlägigen Fällen. Sie dokumentieren aber zugleich, wie umfassend die Aufarbeitung erfolgt – unmittelbar, branchenweit und betriebsübergreifend. „Lernen aus Fehlern (oder Unfällen) ist in der Luftfahrt seit ihrer Pionierzeit fest verankert“, heißt es in einem Dokument des Vereins bavAIRia, in dem die bayerischen Kernkompetenzen in Luftfahrt, Raumfahrt und Raumfahrtanwendungen gebündelt sind. Weiter ist dort festgehalten, dass eine effiziente Fehlerkultur nicht nur die Nachbetrachtung sondern auch die Vorbereitung auf mögliche Fehler braucht: „Auf einen Unfall kommen statistischen Untersuchungen zufolge bis zu 30.000 unsichere Handlungen oder Fehler. In der heutigen Zeit kann man es sich nicht mehr leisten, auf Unfälle zu warten, um aus den Fehlern zu lernen. Moderne Safety Management Systeme propagieren deshalb das Lernen aus Fehlern, bevor ein potentieller Unfall entsteht. Dazu benötigt eine Organisation eine gesunde Fehlerkultur. Die Entwicklung, der Aufbau und die Pflege einer solchen Kultur ist in heutigen Management-Systemen die Variable, die es zu beherrschen gilt.“