Ergonomie am Arbeitsplatz

23. Oktober 2013

Quer durch die Unternehmen gibt es Bestrebungen, Arbeitsplätze in Richtung ergonomisches Optimum zu verändern. Der Blick in die Realität zeigt dabei zwei Stufen der Evolution: Während im Büro noch Verordnungen umgesetzt werden, gestalten die Menschen in der Produktion schon am bestmöglichen Werkzeug und Arbeitsplatz mit - und finden dabei unter anderem Antworten auf den demografischen Wandel.

Produktion ist ergonomisch oft höher entwickelt als die Verwaltung. Wer am Schreibtisch sitzt, kann sich vor Ergonomie kaum retten. Der Schreibtisch? Tief genug und hoch genug, um den Bildschirm in angemessener Entfernung zu platzieren und die Kopfneigung im Rahmen zu halten. Der Bildschirm selbst? Ergonomisch angewinkelt und illuminiert. Die Maus? Ergonomisch geformt, genauso wie Tastatur und die analogen Werkzeuge Bleistifte, Kulis oder Füller. Auch die Beleuchtung, die Anordnung von Schubladen, der Abstand zu Fenstern und Wegen – alles ergonomisch.

Arbeitsplätze per Gesetz optimiert

Gut zwanzig Jahre haben Gesundheitsorganisationen, Arbeits(platz)forscher, Wirtschaftsverbände daran gearbeitet, dass sich die theoretisch erkannten Gesetzmäßigkeiten menschlicher Arbeit und ihre praktische Umsetzung näher gekommen sind. Nicht zuletzt vielfältige politisch geprägte Vorgaben – zum Beispiel im Bürgerlichen Gesetzbuch, im Arbeitsschutzgesetz, im Jugendarbeitsschutzgesetz und im Geräte- und Produktsicherheitsgesetz – haben Grenzwerte definiert und Optimalwerte ermittelt. Büroarbeit und Ergonomie scheinen inzwischen untrennbar miteinander verbunden.

Die Rechnung geht auf

Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Während es vordergründig um Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten geht, wirken im Hintergrund als weit mächtigere Kräfte die Faktoren Produktivität und Effizienz. Beides steht in kausalem Zusammenhang: Gesunde Mitarbeiter, die ihrer Arbeit ohne körperliche Belastung nachgehen, erledigen sie schneller und zuverlässiger.

Der Aufwand für Korrekturen und Nacharbeiten sinkt, genauso wie der für den Ersatz von Ausfällen, die sich aus Krankheit oder mangelnder Sicherheit ergeben. Die Rechnung mit der Ergonomie geht auf – nicht zuletzt weil es findige Hersteller verstanden haben, ihren Produkten damit einen Mehrwert einzubauen, der ihnen Wettbewerbsvorteile verschafft.

Produktion als Vorreiter

Höhere Produktion und gesteigerte Effizienz – dieses Ergonomie-Ergebnis gilt, Überraschung, nicht nur im Büro. Dort, so lassen Fachleute durchblicken, vermutlich sogar am wenigsten. Nur machen ergonomische Werkzeuge am Fließband, beim Installateur oder im OP außerhalb der Fachmedien einfach weniger Schlagzeilen.

Überall dort, wo produziert wird und die menschliche Hand plus daran hängendem Körper physisch daran mitwirken, haben Ideen und Konzepte der Ergonomie schon viel früher Einzug gehalten. Jeder Handwerker, den man über gute und weniger gute Griffformen von Schraubendrehern befragt, hat dazu eine mindestens schon vom Lehrmeister ererbte Meinung. Selbst die Frage nach dem optimalen Sessel bei einer sitzenden Tätigkeit ist nicht aufs Büro beschränkt, sondern bekommt Impulse aus den Cockpits von Flugzeugen genauso wie von Formel 1-Boliden. 

Als diesen März sich im VW-Werk Wolfsburg beim „Ergonomietag der Marke Volkswagen“ zahlreiche Manager und Betriebsräte des Konzerns über die jüngsten Fortschritte in der ergonomischen Ausgestaltung der Arbeitswelt bei der Marke Volkswagen Pkw informierten, machte der Personalvorstand der Volkswagen AG, Dr. Horst Neumann, deutlich, wie vielschichtig das Thema in einem Unternehmen heute betrachtet und behandelt wird: „Ergonomie und Produktivität sind zwei Seiten einer Medaille. Deshalb setzen wir auf gute ergonomische Arbeitsbedingungen. Das reicht von individuellen Lösungen am Arbeitsplatz bis zu ergonomischen Schichtmodellen. Zudem fördern wir Teamarbeit und die Bereitschaft des Einzelnen zu Prävention, Training und Fitness. Jede Verbesserung der Ergonomie ist eine Investition in die Gesundheit und Leistungsfähigkeit unserer Beschäftigten.“

Ergonomie und Produktivität „Hand in Hand“

Dr. Hubert Waltl, Markenvorstand Volkswagen Pkw für den Geschäftsbereich Produktion und Logistik, ergänzte die ganzheitliche Perspektive um Aspekte, die ebenfalls das personalstrategische Denken jedes Wirtschaftsbetriebs heute bewegen, indem er Ergonomie und Demographie in Zusammenhang brachte: „Wir arbeiten konsequent daran, ein Arbeitsumfeld an unseren Standorten zu schaffen, in dem jeder Mitarbeiter, unabhängig von Alter und körperlicher Leistungsfähigkeit, sein Bestes geben kann. Dabei gehen die Verbesserungen in der Ergonomie und unsere Ziele bei der Produktivität Hand in Hand.“

Mitarbeiter-Ideen fließen in Weiterentwicklungen ein

Dass in einem solchen Prozess längst nicht mehr nur Top-Down-Strategien zählen, sondern sich auch optimale Möglichkeiten bieten, das Anwendungs-Knowhow der Mitarbeiter abzurufen, hat man bei VW ebenfalls erkannt. „In den vergangenen fünf Jahren wurden dank zahlreicher Ideen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter viele ergonomische Verbesserungen umgesetzt“, berichtete Prof. Dr.-Ing. Werner Neubauer, Markenvorstand Volkswagen Pkw für den Geschäftsbereich Komponenten.

„Diese Lösungen werden wir möglichst an allen Standorten einführen. Ich denke dabei auch an praktische Innovationen wie in der Bremsscheibenfertigung in Braunschweig, wo Mitarbeiter ihre Idee umgesetzt haben: Sie können nun die bis zu 15 Kilogramm schweren Bremsscheiben nahezu lastfrei prüfen und haben so einen ergonomischen Arbeitsplatz geschaffen“, so Neugebauer.

Zustimmung vom Betriebsrat

Eine Perspektive, die auch den Betriebsrat bei VW überzeugt. Dessen Vertreter Michael Riffel sprach sich beim „Ergonomietag“ für eine ganzheitliche Arbeitsgestaltung aus. Dabei sollten entlastende Tätigkeitsanteile nicht als Verschwendung gesehen und aus den Teams verlagert werden. Damit könne der wachsenden Zahl an Tätigkeitseinschränkungen ein Stück weit entgegen gewirkt werden. „Unser Ziel muss sein, die Arbeitsbedingungen an den Menschen so anzupassen, dass Arbeit ausführbar ist, nicht schädigt und auf Dauer gesehen ein ausgewogenes Maß an Beanspruchung enthält. Diesem Ziel sind wir ein gutes Stück näher gekommen“, sagte Riffel.

Da passt es ins Bild, dass wenige Kilometer Luftlinie entfernt im April die Forscher aus dem „Fraunhofer Verbund Produktion“ zur Hannover Messe Industrie ihre „E3-Fabrik effizient, emissionsneutral und ergonomisch“ vorstellten. Lesen Sie auch „Effizienz ist nicht nur bei der Energie gefragt“. „Eine optimale Verwendung aller Rohstoffe und die effiziente Nutzung der eingesetzten Energie sind die entscheidenden Wettbewerbsfaktoren für die Produktion in den kommenden Jahren“, betonte bei dieser Gelegenheit Professor Fritz Klocke, Sprecher des Verbunds. Zudem sei eine bessere Einbindung des Menschen in Produktionsabläufe wichtig. Daher gewännen Gesundheitsschutz und Ergonomie an Bedeutung.

Mobilität und Logistik als Einsatzfeld

Ein weites Feld für verbesserte Ergonomie ist in der mobilen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts das Thema Logistik. Dies gilt sowohl bei der Beförderung von Menschen als auch von Gütern – ganz besonders aber dort, wo beides zusammenkommt. So lässt die Deutsche Post, Europas größter Postdienstleister und Marktführer im deutschen Brief- und Paketmarkt, gerade ein neues Elektrorad für die Briefzustellung entwickeln.

Gemeinsam mit der StreetScooter Research GmbH und dem Werkzeugmaschinenlabor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen entsteht in einer ersten Phase zunächst ein Konzept, das die postspezifischen Anforderungen bezüglich Ergonomie, Effizienz, Lastenverteilung und Sicherheitsstandards erfüllt und damit die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter im Zustellalltag verringert. In einem zweiten Schritt sollen dann zehn Prototypen im Zustelldienst getestet werden.

Post setzt Zusteller künftig aufs Pedelec

Jürgen Gerdes, Vorstand Brief Deutsche Post DHL, sagt: „Als Betreiber einer der größten Fahrradflotten Deutschlands und Europas wissen wir aus Erfahrung, dass Fahrräder mit elektrischer Trittunterstützung die Arbeit der Zusteller zum Teil deutlich erleichtern. Wir glauben, dass die technische Entwicklung eines elektrischen Lastenfahrrads noch nicht abgeschlossen ist, und es noch Potenzial insbesondere in den Bereichen Ergonomie, Lastausnutzung und Effizienz gibt.“

Optimale Voraussetzungen für die „Besten im Stall“

Längst hat sich die Ergonomie aus dem Bereich der Beziehung zwischen Mensch und Maschine hinausbewegt. Damit sind nicht die Versprechungen gemeint, dass in modernen Hightech-Einbauküchen die gebratenen Tauben quasi eigenflüglig die Mikrowelle bedienen. Doch ist es in der Tat die Sektion „tierische Lebensmittel“, aus der einer der jüngsten ergonomischen Ansätze berichtet wird: Milchkühe. Die Frage nach Effizienz und Produktivität steht hier genauso im Raum, oder besser ‚Stall‘, wie die nach Sicherheit und Gesundheit.

Denn hier handelt es sich um Hochleistungstiere, vergleichbar mit Spitzensportlern oder anderen High-Potentials. Nur Kühe, die sich wohlfühlen, erzeugen große Mengen qualitativ hochwertiger Milch. Ein Wohlfühlfaktor zum Beispiel ist nach Erkenntnis der Forscher die Qualität der Stallluft. Die Ermittlung und Minderung von Emissionen einschließlich der Gestaltung des Stallklimas sind ein Schwerpunkt der Arbeit im Leibniz-Institut für Agrartechnik in Potsdam. Ihr langfristiges Ziel ist der „Null-Emissionen-Wohlfühl-Stall“, ein Haltungskonzept, das künftig Milchgewinnung bei bestmöglichem Tierwohl und minimalen Emissionen verwirklichen soll. Dass sich ganz nebenbei auch die Bedingungen für die dort beschäftigten Menschen verbessern, gehört zum ganzheitlichen Ansatz dazu.

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