Ergonomie praktisch umgesetzt

23. Oktober 2013

Beispiele dafür, wie Unternehmen sich ergonomische Effekte zunutze machen, gibt es viele. Die ausgewählten Best-Practice-Anwendungen machen unterschiedliche Ansätze und Strategien sichtbar.

Künstliches Auge bietet mehr Sicherheit als Not-Halt-Taste

Auf der Hannover Messe Industrie 2012 zeigte die Pilz GmbH & Co. KG wie dynamische Sicherheitslösungen den Menschen schützen und zudem die Wirtschaftlichkeit von Maschinen und Anlagen steigern. Die radikalste Methode bei Industriemaschinen: Abschirmung durch ein Schutzgitter oder eine Not-Halt-Taste. Diese Systeme haben jedoch auch Grenzen: Die Wiederinbetriebnahme ist nach einem harten Stopp meist aufwändiger und starre Schutzeinrichtungen beeinträchtigen die Ergonomie von Arbeitsprozessen. Fakt ist: Je stärker Schutzeinrichtungen die Arbeit behindern, desto größer ist die Manipulationsgefahr. Pilz entwickelt nun Sicherheitslösungen, die sich flexibel an wechselnde Schutzanforderungen anpassen lassen. Dazu zählen beispielsweise Kamerasysteme für den Schutz an Abkantpressen sowie Lichtgitter für den gefahrlosen Eingriff an Verpackungsmaschinen.

Stehen oder sitzen? Beides!

Dass sich komfortables und gesundheitsförderndes Arbeiten nicht ausschließen, zeigt die Ausstattung des Vorstandsbereiches der Genossenschaftsbank in Ostwestfalen. Die Bank engagierte den Büromöbelexperten Leuwico für die Neugestaltung und -möblierung dreier Büro- und zweier Konferenzräume sowie des Empfangsbereiches. In den Vorstandsbüros stehen nunmehr Schreibtische, an denen die Mitarbeiter stehen oder sitzen können oder abwechselnd beides. Mittels einer bequemen Handverstellung wird der jeweilige Schreibtisch in wenigen Sekunden auf die gewünschte Höhe gebracht. Die spontanen Haltungswechsel entlasten insbesondere die im Sitzen angestrengte Wirbelsäule sowie die Bandscheiben.

Fließband verändert sich demografisch

Beim „Dekra Award“ des Jahres 2011 holt sich in der Kategorie Gesundheit, Fokus „Altersgerechtes Arbeiten“ die Neff GmbH aus Bretten den Sieg. Perfekte Ergonomie in Produktion und Büro, höhenverstellbare Montagebänder, behindertengerechte Arbeitsplätze – etwa ein spezielles Fließband für Schwerbehinderte –, dazu ein umfassendes Sportangebot: Was andernorts nach Zukunftsmusik klingen mag, ist bei Neff in Bretten selbstverständlich und überzeugte die Jury. Für Geschäftsführer Albin Finck ist die Sorge um das ganzheitliche Wohlbefinden seiner Mitarbeiter auch eine Frage der unternehmerischen Weitsicht: Betrug das Durchschnittsalter der Belegschaft vor zehn Jahren noch 40 Jahre, so sind es heute schon 42,5. „Diese Zahl wird in den nächsten Jahrzehnten weiter nach oben wandern“, so Finck. „Und wenn die Menschen älter werden, muss man ihre Fitness, Leistungsfähigkeit und Motivation aktiv fördern.“ Wie gut das mithilfe modernster ergonomischer Erkenntnisse und eines durchdachten Gesundheitskonzeptes gelingt, zeigt sich bei Neff in einer überdurchschnittlichen Senkung des Krankenstandes, hoher Produktivität und minimaler Mitarbeiter-Fluktuation, wodurch Knowhow langfristig im Betrieb verbleibt.

3D-Analyse schon für die Planung von Fertigungsanlagen

Ford arbeitet mit einer ausgeklügelten Kameratechnik, um ein Abbild von realen Fertigungsanlagen zu erstellen und diese Aufnahmen zu digitalisieren. Auf Basis dieser ultra-realistischen 3D-Daten werden virtuelle Werksanlagen konstruiert. Zur Aufnahme von Bildmaterial werden dabei spezielle Projektoren und Optiken mit Bewegungssensor und Polarisationsfunktion verwendet. Die Arbeit der Produktionsarbeiter am Fließband wird später ebenfalls durch Computer simuliert. Das hilft den Ergonomie-Experten von Ford, anstrengende Körperhaltungen zu eliminieren und einzelne Aspekte der Montagearbeit zu optimieren. Die in Köln verwenden Computersimulationen dienen auch zur Analyse von Fertigungsprozessen, damit die Belastungen am Arbeitsplatz auf ein Minimum reduziert werden.

Intelligente Schutzkleidung gegen leistungsstarke Laser

Schützende Berufsbekleidung etwa für die Feuerwehr, für Schweißarbeiter oder im Chemielabor ist heutzutage selbstverständlich. Trotz enormer Verbreitung von Lasern als Werkzeug in Industrie und Forschung mangelt es bis heute an geeigneter Schutzkleidung für den Anwender. Gegen die von intensiver Laserstrahlung ausgehende Gefährdung sind bisher ausschließlich für Augen Schutzklassen genau definiert und entsprechend zertifizierte Schutzbrillen am Markt erhältlich. Am Laser Zentrum Hannover (LZH e.V.) wurden jetzt passive wie aktive Schutzsysteme in Form von Jacken, Hosen, Schürzen und Handschuhen entwickelt, die einen wirksamen Schutz vor Laserstrahlung mit Leistungsdichten von mindestens 20 Megawatt pro Quadratmeter bieten. Das von den Forschern entworfene passive System besteht aus mehrlagigen technischen Textilien. An der obersten Schicht wird die Strahlung durch eine spezielle Beschichtung bestmöglich und vor allem diffus reflektiert. Dennoch eindringende Strahlung wird in der mittleren Lage möglichst breitflächig verteilt. Eine über kurze Zeit unkritische Restwärme trifft nach Durchdringen der inneren Lage, die eine zusätzliche Energiebarriere darstellt, auf die Haut und verursacht ein Schmerzempfinden – der Träger der Schutzkleidung zieht das betroffene Körperteil instinktiv weg. Gleichzeitig greift ein aktives System von zusätzlich in den textilen Multilagenaufbau integrierten Sensoren. Diese senden bei Beschädigung infolge von Bestrahlung innerhalb weniger als 100 Millisekunden ein elektrisches Signal an den Laser, der daraufhin automatisch abgeschaltet wird.

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