Fehlerkultur – die unterschätzte Ressource

2. November 2016

Ein verändertes Wettbewerbsumfeld zwingt Unternehmen zur Suche nach neuen Strategien und Ansätzen. Die produktive Nutzung von Fehlern führt dabei noch ein Schattendasein – zu Unrecht, wie Experten für Innovation und Change Management sagen.

  • Fehler zu tabuisieren und mit Sanktionen zu belegen, führt kaum zum erwünschten Ziel, sondern belastet das Ergebnis.
  • Die Wirkung einer Fehlerkultur ist stärker als die Strategiebeschlüsse der Geschäftsführung, die Anweisungen des Managements und das Steuerungspotenzial der Führungsinstrumente.
  • Die Bereitschaft zum Risiko, die Neugier auf Neues und das Lernen aus Fehlern erhöhen Innovationskraft und Prozesseffizienz.


Gesetze, Normen und Grenzwerte, Vertragsregeln oder Dienstvorschriften – sie alle bergen das Risiko eines Verstoßes in sich. Solche Verstöße, ausgeführt durch fehlbare Menschen, werden in unserem Kulturkreis in der Regel als „Scheitern“ betrachtet, weshalb viele Lebensbereiche, insbesondere aber das Wirtschaftsleben, vom Wunsch nach einer Null-Fehler-Produktion beherrscht sind. Dementsprechend leben wir in einer Leistungsgesellschaft, in der Menschen an ihren Erfolgen gemessen und für ihre Niederlagen verurteilt werden. Fehler gelten überwiegend als schädlich.
Einer, der in jüngster Zeit dieses Spannungsfeld genau unter die Lupe genommen hat, ist Dr. Sebastian Kunert, Partner der artop GmbH – Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er berät Organisationen zu den Themen Innovationsmanagement, Change Management und Strategie und unterstützt und begleitet Teamentwicklungs- bzw. Organisationsentwicklungsprozesse. Zudem gehört die Evaluation von Bildungsprogrammen, Projekten und Verfahren sowie die internationale Forschung zu Innovation zu seiner Tätigkeit.

Zu scheitern ist vielfach ein Tabu

Kunert kritisiert, dass besonders in vielen Unternehmen das Scheitern immer noch ein Tabu sei. Das Wissensportal „Springer Professional“ zitiert ihn in einem Interview: „Folgenreiche Fehler werden noch immer zu wenig als Lernanlass wahrgenommen. Stattdessen stehen die betreffenden Personen schnell am Pranger und müssen mit disziplinarischen oder gar juristischen Konsequenzen rechnen.“
Besonders in etablierten und stark hierarchischen Organisationen entpuppe sich die gelebte Fehlerkultur als sehr intolerant. Dabei ist nach Meinung Kunerts eine offene Unternehmenskultur, die Misserfolge zulässt, gerade in Zeiten eines hohen Innovationsdrucks und großer wirtschaftlicher Volatilität unerlässlich. Wichtig sei die Bereitschaft zum Risiko, die Neugier auf Neues und das Lernen aus Fehlern. Wie Unternehmen einen aktiven Umgang mit dem Scheitern fördern können, zeigen die Beiträge des Buchs „Failure Management“.

Ohne Fehlerkultur bleiben Potenziale ungenutzt

In die gleiche Kerbe schlägt die Unternehmensberaterin Elke Schüttelkopf, die sich auf Fehlerkultur spezialisiert hat, mit ihrer Kritik an Unternehmen, die ausgefeilte Methoden des Qualitäts-und Risikomanagements implementieren, um dann festzustellen, dass die erzielten Verbesserungen weit hinter den Erwartungen zurückbleiben: „Das produktive Potenzial kann von der Organisation nicht ausgeschöpft werden. Was ist passiert? Bei all den ehrgeizigen Plänen hat man ein zentrales Phänomen übersehen: die Fehlerkultur! Unsichtbar und unscheinbar wirkt sie im Hintergrund. Dennoch entfaltet sie eine Wirkung, die stärker ist als die Strategiebeschlüsse der Geschäftsführung, die Anweisungen des Managements und das Steuerungspotenzial der Führungsinstrumente.“

Scheitern als Ausgangspunkt fürs Lernen

„Fehler sind menschlich, und Scheitern lässt sich nicht immer vermeiden – dies gilt insbesondere bei innovativen Aufgabenstellungen sowie in komplexen Arbeitsumgebungen“, beschreibt Sebastian Kunert das Umfeld der heutigen Wirtschaft zwischen Digitalisierung, Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge. Umso wichtiger werde das Lernen aus solchen Situationen. Gerade kleinere Fehler in Bereichen, wo bereits Erfahrungen im Umgang mit dem Scheitern bestehen, eignen sich seiner Meinung nach, um die Mechanismen hinter dem Versagen zu analysieren und ein Risikobewusstsein in der Belegschaft zu erzeugen.

Viele Formate zum „Lernen aus Fehlern“

Ein Unternehmen müsse das Wissen zum Spannungsfeld von Mensch und Unternehmenskultur heute für ein strategisches Fehlermanagement nutzen. Nur wie? „Indem man sich zunächst ein Bild der Lage macht“, sagt Kunert und fährt fort: „Vielfach weiß das Management zu wenig über die gelebte Fehlerkultur.“ Darüber hinaus seien – in anonymisierter Form, und ohne einzelne Personen zu diffamieren – vielfältige Formate des Lernens aus Fehlern denkbar. Formate, wie man sie aus dem ganz normalen Projektmanagement kennt: „Sie reichen von anlassbezogenen Teamsitzungen über interne Großveranstaltungen (Fail Faire) bis hin zu Tools des Wissensmanagements.“

Negative Fehlerkultur belastet den Unternehmenserfolg

Der Aufwand lohnt sich, ist Beraterin Schüttelkopf überzeugt: „Die Fehlerkultur hat maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg der Unternehmen. Es sind die Firmen mit negativer Fehlerkultur, von denen wir täglich in den Zeitungen lesen. Da gibt es Rückrufaktionen und Beschwerden ohne Ende, da laufen die Kunden in Scharen davon, die Mitarbeiter haben innerlich gekündigt, die Gewinne brechen ein.“ Eine konstruktive Fehlerkultur hingegen verbessere die Qualität der Produkte und Dienstleistungen, senke die Kosten, hebe die Arbeitszufriedenheit, verbessere das Firmenimage und stärke damit die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. „Es lohnt sich für jedes Unternehmen, eine produktive Fehlerkultur zu etablieren bzw. kontinuierlich weiter zu entwickeln“, so ihr Fazit.

Führung soll Mitarbeiter aus Fehlern lernen lassen

„Fehler können wertvolle Hinweise liefern, da sie deutlich machen, was wir übersehen haben und was wir noch verbessern können. Das gilt sowohl im Arbeitsalltag als auch für die eigene Karriere“, sagt Sophia von Rundstedt, CEO der gleichnamigen Talent- und Karriereberatung. „Um Ängste und Unsicherheiten zu nehmen, müssen Führungskräfte ihren Mitarbeitern das Gefühl geben, sich frei weiterentwickeln und ausprobieren zu können, auch wenn es bedeutet, Fehler dabei zu machen. Nur so gelingt es ihnen, aus ihren Erfahrungen zu lernen. Eine offene und konstruktive Fehlerkultur stärkt die emotionale Bindung der Mitarbeiter an ihren Arbeitgeber und fördert die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen. Letztendlich können Fehler Innovationen hervorbringen, die den Erfolg des Unternehmens steigern und Wettbewerbsfähigkeit garantieren.“

investor relations