Freiheit für die Erfinder

15. August 2014

Was die Innovationsfähigkeit und den Erfindergeist angeht, lassen die meisten Unternehmen die Talente ihrer Mitarbeiter ungenutzt. Mit „Open Innovation“ gibt es einen Weg zu mehr Ideen, mehr Wirtschaftlichkeit und mehr Motivation.

Mit-Denken und Mit-Forschen erhöht die Motivation

Als Arik Elimelich, Nikolas Hör und Maximilian Fischer vom Deutsches Jungforschernetzwerk-juFORUM e.V. vorigen Herbst beim 3M Innovation Summit auf der Bühne standen, da rockte der Saal. Die drei, gerade erst dem Gymnasium entsprungen und schon mit den ersten Jugend-Forscht-Meriten versehen, machten den Anwesenden klar, wie sich das anfühlt, wenn man „richtig Bock (hat) was zu erfinden“, und warum es „Spaß macht, an der Entwicklung von etwas Neuem beteiligt zu sein“. Ihre Erfindung, die intelligente Fahrradgangschaltung „Shiftintelligence“, gilt in Fachkreisen inzwischen als geniale Weiterentwicklung eines alten Prinzips.

Mehrwert für die Forschungsarbeit

Das Trio aus Konstanz steht zwar noch nicht auf der Gehaltsliste eines Unternehmens. Seine Aussagen aber machen klar, welche Wünsche Mitarbeiter von morgen haben. Wollen sich Firmen dieses Potenzial sichern, brauchen sie Antworten auf diese Wünsche. Dabei haben sie es in der Hand, auf diese Weise nicht nur vielversprechende Fachkräfte anzulocken, sondern auch der eigenen Bilanz etwas Gutes zu tun. Denn: „Die Mitarbeiter eines Unternehmens sind die Garanten für seine Innovationskraft und damit für seinen wirtschaftlichen Erfolg. Ohne sie greifen technologische Kompetenz und finanzielle Mittel für Forschung und Entwicklung zu kurz.“ So jedenfalls bilanzierte der Veranstalter, der Technologiekonzern 3M, die Erkenntnisse des Summits.

Das ehemalige Minen- und Maschinenbauunternehmen – 3M steht für Minnesota Mining and Manufacturing Company – hat selbst beste Erfahrungen mit erfindungsreichen Mitarbeitern. Die inzwischen weltweit präsenten Klebezettel Marke „Post-it“ sind ein Abfallprodukt eines Forschungsauftrags, bei dem ein Mitarbeiter nach dem idealen Superkleber suchte. „3M beschäftigt 8.000 Forscher weltweit, aber für unseren Innovationserfolg brauchen wir alle 88.000 Mitarbeiter“, erklärte denn auch Dr. Joerg Dederichs, Geschäftsführer Personal der 3M in Deutschland, in seinem Vortrag.

Offener Austausch und Reiz des Neuen

„Um unseren Innovationserfolg voranzutreiben, müssen Mitarbeiter bei 3M offen sein, über Bereiche und Standorte hinweg mit Kollegen zusammen zu arbeiten und Dinge kontinuierlich in Frage zu stellen, kurzum: Sie müssen Lust auf Veränderung haben und gerne Neues ausprobieren“, so Dederichs. Zu den Führungsprinzipien bei 3M gehöre es deshalb, Unternehmertugenden von Mitarbeitern nicht nur einzufordern sondern nachhaltig zu unterstützen – unabhängig davon, ob es sich um eine Sekretärin, einen Ingenieur oder einen Manager handelt.

„Wir schaffen ein Umfeld, in dem Menschen sich trauen, Entscheidungen zu treffen, keine Angst davor haben, Fehler zu machen und in dem sie ihre Stärken optimal einbringen können“, sagte Dederichs. „Mitarbeiter, die den Reiz des Neuen verinnerlicht haben, sehen die Tatsache, dass sich Unternehmen heute ständig verändern und neu erfinden müssen, als Chance und nicht als Risiko.“

Innovationskonzepte brauchen Freiheit statt Korsett

„Anspruchsvolle, innovative Zielsetzungen sind am ehesten in kleinen, interdisziplinären Teams mit hohen Freiheitsgraden erreichbar“, lautete ein Fazit von Prof. Dr. Oliver Gassmann, Direktor des Institutes für Technologiemanagement an der Universität St. Gallen, in seiner Einführung in den Innovation Summit. „Die Realität in großen Unternehmen zeigt jedoch, dass Innovationsprozesse häufig in ein enges Korsett eingebunden sind.“ Gleichwohl ginge es bei einer erfolgreichen Innovationskultur nicht nur darum, Freiräume zu schaffen, sondern auch effizient und terminorientiert zu arbeiten – vor allem wenn es um die Umsetzung von Innovationen geht.

Vernunft bremst, Träume beflügeln

„Die größten Innovationen der Menschheit basierten auf den Träumen der Menschen“, erläuterte Prof. Dr. Ulrich Walter, D2-Astronaut und Ordinarius für Raumfahrttechnik an der TU München. In seinem Vortrag verdeutlichte er unter anderem, wie rationale Überlegungen den Weg zu Erneuerungen verhindern können und plädierte für mehr Mut und Leidenschaft im Innovationsprozess. Auch scheinbar unumstößliche Wahrheiten und Erkenntnisse sollten immer wieder kritisch hinterfragt werden.

Das Prinzip, das Unternehmen zu Mitarbeitern bringt, die vom Erfindergeist beseelt und motiviert sind und die ihre Träume zum Wohl der Firma realisieren, heißt „Open Innovation“. Es bedeutet den Abschied vom Forschen nach Vorschrift und vom betrieblichen Vorschlagswesen nach Formular. Es bietet sich damit der Ausweg aus einem Dilemma: In vielen Unternehmen, besonders in Klein- und Mittelstands-Unternehmen, fehlen die für Innovationen nötigen Mittel. Häufig ist die eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung überlastet oder fehlt ganz. Die weltweite Innovationsgeschwindigkeit nimmt jedoch immer weiter zu.

Ideen aus den Schubladen befreien

„Um mit dem internationalen Wettbewerb Schritt zu halten und die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, ergibt sich die Notwendigkeit, Innovationen im Verbund mit Hochschulen, Kunden oder Zulieferern zu entwickeln und im eigenen Betrieb zu implementieren“, heißt es in einem Papier des Optence e.V. - Kompetenznetz Optische Technologien Hessen/Rheinland-Pfalz.

„Während die Unternehmen suchen, gibt es auf der anderen Seite viele gute Ideen, die in Schubladen schlummern, weil konkrete Anwendungen noch nicht absehbar waren oder sind. Doch häufig ändert sich dies ganz schnell, wenn die Innovationsideen einer breiten, fachlich versierten Öffentlichkeit präsentiert werden“, schreibt Daniela Reuter von der Optence-Geschäftsstelle. Open Innovation sei eine Chance für Unternehmen, Innovationen in die Firmen zu holen, wo die eigene Forschung und Entwicklung an ihre Grenzen kommt. Open Innovation sei aber auch eine Chance für kreative Köpfe mit guten Ideen, die Probleme für ihre Lösungen suchen.

Wie gewinnt man externe Ideen-Geber?

Für eine kürzlich veröffentlichte Studie haben Linus Dahlander, Associate Professor und Inhaber des KPMG-Lehrstuhls für Innovation an der ESMT, und Henning Piezunka, Doktorand an der Stanford University, 23.800 Organisationen untersucht, die Mechanismen für Online-Feedback eingeführt hatten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Unternehmen unterschiedlich viel Erfolg hatten, Vorschläge von externen Personen einzubinden.

Die Wissenschaftler haben aus ihren Daten die drei wichtigsten Tipps für erfolgreiche Open Innovation-Prozesse zusammengefasst:

  • Sei als erster aktiv: Anstatt auf Vorschläge von außen zu warten, sollten Unternehmen eine intern entwickelte Idee zur Diskussion stellen, um die Debatte anzuregen.
  • Reagiere auf Ideen: Wichtig ist, aktiv auf Vorschläge zu reagieren, um zu zeigen, dass die Teilnehmer gehört werden. Die Studie zeigt, dass diese Reaktion besonders wichtig für diejenigen war, die sich neu an der Debatte beteiligten.
  • Investiere in den Prozess: Es ist sinnvoll, sich auf neue Teilnehmer und das Anfangsstadium des Open Innovation-Prozesses zu konzentrieren. Unternehmen müssen einplanen, dass es Zeit, Aufwand und Einsatz erfordert, eine fruchtbare Diskussion zu entwickeln.Dazu gehört auch, einen Prozess zu etablieren, um Vorschläge zu gewinnen, zu bewerten und zu beantworten.

„Sehr oft scheitern Open Innovation-Prozesse“, erklärt Dahlander. „Ein Grund für dieses Scheitern ist, dass viele externe Beteiligte nicht realisieren, welchen Aufwand das Unternehmen tatsächlich hinter den Kulissen betreibt. Unsere Vorschläge scheinen auf den ersten Blick selbstverständlich zu sein, aber in der Realität unterschätzen Organisationen oft, wie viel sie investieren müssen. Nur wenn Unternehmen es schaffen, aktiv auf die Teilnehmer zuzugehen und auf ihre Ideen direkt zu reagieren, können sie die enormen Potentiale von Open Innovation nutzen.“

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