Gelernt ist gelernt

12. Dezember 2011

Mit der Anerkennung und Gleichstellung einer großen Anzahl ausländischer Berufsabschlüsse ebnet Deutschland den Weg zur Anwerbung von Fachkräften aus aller Welt. Unternehmen können ihren Beschäftigten ebenfalls diesen Weg weisen.

Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen

Um dem künftigen Fachkräftemangel vorzubeugen, haben Bundestag und Bundesrat jetzt gesetzliches Neuland betreten und gemeinsam das Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen auf den Weg gebracht. Durch die Neuregelung von über 60 Gesetzen und Verordnungen, die zum 1. März 2012 in Kraft treten soll, stehen Anerkennungssuchenden, Arbeitgebern und Betrieben transparente und bundesweit möglichst einheitliche Bewertungen zu beruflichen Auslandsqualifikationen zur Verfügung. Nicht nur für die Arbeitsuchenden selbst, sondern auch für die Unternehmen, in denen sie arbeiten (wollen), ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten.

Hintergrund: Der demografische Wandel verändert unsere Gesellschaft und führt bereits heute in bestimmten Arbeitsmarktsegmenten zu einem Mangel an qualifizierten Fachkräften, etwa bei Medizin- und Erziehungsberufen, im Pflegebereich und bei sogenannten MINT-Berufen. Viele Deutsche und nach Deutschland Zugewanderte haben in anderen Ländern gute berufliche Qualifikationen und Abschlüsse erworben, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt dringend gebraucht werden. Sie können diese Qualifikationen hier aber oft nicht optimal verwerten, weil Bewertungsverfahren und Bewertungsmaßstäbe bisher fehlen. Reinhold Demel, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Augsburg, kommentierte dies anlässlich einer Informationsveranstaltung im Oktober: „Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund beträgt in Augsburg 40 Prozent, im Bundesdurchschnitt sind es 19 Prozent. Wenn die Abschlüsse des Heimatlandes hier nicht anerkannt werden, dann gelten diese Menschen als Ungelernt und müssen sich vielfach mit Hilfstätigkeiten über Wasser halten. Das ist eine Ressourcenverschwendung vor dem Hintergrund der fehlenden Fachkräfte.“

Eine Sonderauswertung des Mikrozensus 2008 im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) geht insgesamt von rund 2,9 Millionen in Deutschland lebenden Personen mit Migrationshintergrund aus, die ihren höchsten beruflichen Abschluss im Ausland erworben haben. Die Zahl derer, die aufgrund einer gesetzlichen Neuregelung ein Anerkennungsverfahren anstreben könnten, wird auf ca. 300.000 Personen geschätzt. Diese Schätzung stützt sich insbesondere auf die Annahme, dass vor allem bei Arbeitslosen und unterhalb ihrer Qualifikation Beschäftigten mit einem ausländischen Berufsabschluss von einem hohen Anerkennungsinteresse auszugehen ist.

Für 350 Ausbildungsberufe ergibt sich ein Rechtsanspruch auf Gleichwertigkeitsprüfung.

Durch das neue Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz wird für die 350 Ausbildungsberufe im dualen Ausbildungssystem erstmals ein Rechtsanspruch auf eine Gleichwertigkeitsprüfung der ausländischen Berufsabschlüsse mit den deutschen Abschlüssen geschaffen. Fällt diese positiv aus, werden ausländische Abschlüsse genauso behandelt wie zum Beispiel eine deutsche IHK- oder Gesellenprüfung. Außerdem wird in vielen Berufen, etwa bei Ärzten, die Kopplung des Berufszugangs an die deutsche Staatsangehörigkeit abgeschafft – eine Regelung, die noch aus dem Jahr 1935 stammte. In einer ganzen Reihe von Berufen in Deutschland waren demzufolge die Berufsausübung und auch der Zugang zu den entsprechenden Anerkennungsverfahren bisher an die deutsche Staatsangehörigkeit oder die Staatsangehörigkeit eines EU-Mitgliedsstaates geknüpft. Nunmehr geben in den meisten Berufen künftig der Inhalt und die Qualität der Berufsqualifikationen den Ausschlag. So kann nach Inkrafttreten des Gesetzes zum Beispiel auch ein türkischer Arzt bei Vorliegen der fachlichen Voraussetzungen eine Approbation erhalten. Dies war bisher – selbst wenn er in Deutschland studiert hatte – nicht möglich.

Neu ist auch, dass Berufserfahrung stärker bei der Bewertung der Gleichwertigkeit berücksichtigt wird. Darüber hinaus wird eine zentrale Hotline beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingeführt. Dort erhält jeder, der seine Ausbildung anerkennen lassen will, eine telefonische Erstberatung. Denn grundsätzlich sieht das Gesetz die Eigeninitiative des Einzelnen vor. Auch Unternehmen können nicht im Namen ihrer Mitarbeiter aktiv werden, sondern sollen sie idealerweise nur anleiten, selbst aktiv zu werden.

Die Hotline wird aktiviert, wenn das Gesetz in Kraft tritt. Geplant sind zudem mehrsprachige Informationsmaterialien und regionale Anlaufstellen, die auch Angebote zu Beratung und Verfahrensbegleitung vermitteln. Einen guten Überblick zum Thema, Wegweiser zu den einschlägigen Behörden und Institutionen sowie über den Stand der entsprechenden Services liefert das Internetportal www.bq-portal.de. Arbeitgebern hilft das Portal, die berufliche Qualifikation ausländischer Bewerber besser einzuordnen. Konkrete Informationen sortiert nach Ländern liefert das Informationssystem zur Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse Anabin www.anabin.de.

Kammern und Berufsorganisationen sind für Prüfung und Information verantwortlich.

Laut Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, ist das Gesetz ein wichtiger Schritt zur Sicherung des Fachkräftebedarfs in Deutschland. „Das Gesetz ist die beste Werbung an die Adresse der Fachkräfte, die nach Deutschland kommen wollen.“ An die Länder appellierte die Ministerin: „Es ist wichtig, dass die Länder nun unverzüglich die Berufsgesetze, die in ihre Zuständigkeit fallen, entsprechend dem Bundesgesetz neu regeln. Dies betrifft zum Beispiel Ingenieure, Erzieher oder Lehrer.“

Ihr Browser kann keine Inlineframes darstellen. Um dieses Video anzuschauen, besuchen Sie die http://www.bmbf.de/de/mediathek.php?V=192#VID_192 Mediathek des BMBF

Für die Bewertung und]Anerkennung ausländischer Qualifikationen sind in Deutschland verschiedene Stellen zuständig. Hier können sich Unternehmen, die eine Fachkraft aus dem Ausland beschäftigen wollen, über die jeweils gültigen Richtlinien und die davon abhängigen Optionen informieren. Es gilt der Grundsatz: Diejenige Behörde, die die Ausbildung und Ausübung eines bestimmten Berufes in Deutschland überwacht, ist auch für die Bewertung und Anerkennung der ausländischen Qualifikationen zuständig. Außerhalb der Hochschulebene sind das die

– Industrie- und Handelskammern,
– Handwerkskammern,
– Berufsverbände bzw. Kammern der freien Berufe,
– Landwirtschaftskammern sowie die
– Landesschulbehörden oder andere Ebenen der Landesschulverwaltung
Für die Bewertung von Hochschulqualifikationen sowie schulischen Berufen ist die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen bei der Kulturministerkonferenz (ZAB) die zentrale Anlaufstelle. Welche der Stellen für welche Berufe und Migrantengruppen zuständig sind, hängt bisher von Wohnort, Abschlussart, Bildungsniveau, Herkunftsland und aufenthaltsrechtlichem Status ab (siehe auch: www.berufliche-anerkennung.de).

Webtipp
Die wichtigsten Fragen und Antworten zum neuen Gesetz hat das BMBF in einem donwloadbaren PDF zusammengefasst.

investor relations