Globales Gütesiegel für den Umgang mit Mitarbeitern

16. Januar 2015

Zu den Zertifikaten, die im weltweiten Geschäftsverkehr stark an Bedeutung gewinnen, gehören jene für Sozialstandards. Der Umgang mit Mitarbeitern nimmt darin einen hohen Stellenwert ein.

Kriterien der Sozialstandards

Seit mehr als einem Dutzend Jahren führt zum Beispiel der TÜV Rheinland als weltweit tätiger unabhängiger Prüfdienstleister in verschiedenen Ländern die Überprüfung von Sozialstandards in der Produktion und Industrie durch. Die Kontrollen finden durch ausgebildete Auditoren nach verschiedenen Standards statt, für deren Überprüfung der TÜV Rheinland zugelassen ist. Schwerpunktländer der Audits sind insbesondere Schwellenländer wie unter anderem Bangladesch, China, Indien sowie weitere südostasiatische Regionen. Aber auch in verschiedenen europäischen Ländern nimmt die Zahl solcher Audits zu.

Ethische Normen auf dem Prüfstand

Ziel der Audits ist es, grundlegende Sozialstandards in der globalen Lieferkette bei der Fertigung von Waren sicherzustellen und deren Einhaltung zu überwachen. Anerkannte Standards, nach denen der TÜV Rheinland prüft, sind beispielsweise der Standard SA 8000 des Social Accountability Institute (USA), der Standard der Business Social Accountability Initiative (BSCI, Europa) sowie der Ethical Trading Initiative (ETI, Europa). In einzelnen Branchen sind zudem vergleichbare Standards etabliert.

Dazu zählen der Standard des International Council of Toy Industries (ICTI, Spielzeug) sowie Worldwide Responsible Accredited Production WRAP in der Textilbranche oder der Standard der Pharmaceutical Supply Chain Initiative (PSCI) in der pharmazeutischen Industrie. Zulieferer der Elektro-Industrie prüft der TÜV Rheinland nach dem Electronic Industry Code of Conduct EICC.

Derzeit hat der TÜV Rheinland nach solchen Sozialstandards weltweit bereits einige tausend Unternehmen auditiert. Wichtigstes Ziel solcher Audits ist es, dem auditierten Unternehmen eindeutig aufzuzeigen, wo Potenziale zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen liegen.

Kriterien der Sozialstandards

Zentrale Kategorien der verschiedenen Sozialstandards orientieren sich generell an der Einhaltung des lokal geltenden Rechts sowie grundlegenden Forderungen der Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen ILO. So umfasst der Standard SA 8000 folgende Kategorien:

  • Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit,
  • Verbot von Rassen-, Geschlechts- und Religionsdiskriminierung,
  • Recht auf Vereinigungsfreiheit, auf Organisation in Gewerkschaften und kollektive Lohnverhandlungen,
  • Festlegung der Höchstarbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche, mit einem freien Tag,
  • Garantie von Existenz sichernden Löhnen,
  • Einforderung und Einführung von menschenwürdigen Arbeitsbedingungen,
  • systematische Verbesserung der Bedingungen im Betrieb,
  • Dokumentation durch Zertifizierung nach außen.

In Übereinstimmung mit den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation fordert die BSCI-Norm:

  • Einhaltung der national gültigen Gesetze,
  • Versammlungsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen,
  • Verbot jeglicher Diskriminierung,
  • Einhaltung der gesetzlichen Mindestlöhne und Sicherung des Lebensunterhalts,
  • Festlegung der Höchstarbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche und Begrenzung der Überstunden,
  • Klare Regeln und Verfahren für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz,
  • Verbot von Kinderarbeit,
  • Verbot von Zwangsarbeit und Disziplinarmaßnahmen,
  • Einhaltung der Mindestanforderungen für die Abfallbewirtschaftung, für Emissionen und für die Abwasserbehandlung,
  • Einhaltung der Mindestanforderungen für den Umgang mit Chemikalien und anderen gefährlichen Stoffen.

Audits: Dauer und Ablauf

Der Ablauf der Audits orientiert sich an vergleichbaren Vorschriften für die Überprüfung von Managementsystemen wie beispielsweise ISO 14000 im Umweltmanagement. Die Vorgaben zum Ablauf der Audits, Erstellung von Auditberichten und Dokumentation werden nicht vom TÜV Rheinland definiert, sondern ergeben sich aus den Vorgaben des jeweiligen Standards. Ein Beispiel: Analog zur Auditierung des Umweltmanagements nach der weltweit gültigen ISO 14000 werden Audits bei Sozialstandards angekündigt. Ausnahmen bilden hier einige Branchenstandards wie der ICTI-Standard, der ausdrücklich unangekündigte Audits vorsieht.

Keine behördliche Funktion

Die Audits werden je nach Standard in der Regel in einem ein- bis dreijährigen Rhythmus wiederholt. Die Auditoren vom TÜV Rheinland arbeiten dabei beispielsweise im Auftrag des Fabrikbetreibers, eines Herstellers oder Handelsunternehmens. Sie nehmen keine behördliche, polizeiliche oder staatliche Aufsichtspflicht wahr. Diese obliegt den Behörden der jeweiligen Länder, in denen die Produktion besteht.

Die Neutralität der Auditoren ist durch die Einbindung vom TÜV Rheinland sowie der Auditoren in die nationalen und internationalen Akkreditierungssysteme gewährleistet. Dies umfasst auch regelmäßige unabhängige Kontrollen der Tätigkeit vom TÜV Rheinland und seiner Auditoren durch Akkreditierer, Standard gebende Organisation und nationale Aufsichtsbehörden.

Umfassendes Kontrollsystem

Auch die Auditoren selbst sind in ein Qualitäts- und Kontrollsystem eingebunden. Der TÜV Rheinland beschäftigt nur Auditoren mit eingehender Berufserfahrung, die über entsprechende Kenntnisse der Auditierung von Managementsystemen und Sozialstandards verfügen. Zudem durchlaufen die Auditoren zunächst eine spezielle Ausbildung, die die jeweiligen Standards betrifft und die beispielsweise beim BSCI-Standard eine Woche umfasst.

Darüber hinaus hospitieren neue TÜV Rheinland-Auditoren nach einem achttägigen Training zunächst bei Audits von sehr erfahrenen Experten. Schließlich sind sie zu regelmäßigen Fortbildungen sowie einem systematischen Erfahrungsaustausch zwischen den Auditoren verpflichtet. Zusätzlich finden regelmäßige Monitorings durch die Führungskräfte im Rahmen der Audittätigkeit statt.

Wie ernst wird der Verhaltenskodex genommen?

Das eigentliche Audit führt der TÜV Rheinland vor Ort in der Produktionsstätte durch. Dabei stellen die Auditoren fest, ob sich das Werk beispielsweise an die Richtlinien des vorgegebenen Verhaltenskodexes hält und überprüfen, ob es Lücken hinsichtlich der Anforderungen des Sozialstandards gibt. Das Audit beginnt mit einer Eingangsbesprechung, in der Ziel und Ablauf der Prüfung erläutert werden.

Anschließend inspizieren die Prüfer das Werk, einschließlich des Produktionsbereichs oder Sozialbereichen wie Schlafsälen und der Kantine. Hierbei handelt es sich um eine reine Begehung beispielsweise im Hinblick auf menschenwürdige Arbeitsplatzgestaltung oder Hygiene. Bautechnische Kontrollen, Kontrollen der Gebäudestatik, Brandschutzanlagen sowie Gebäude- und Elektrotechnik sind kein Bestandteil der Audits. Bei offensichtlichen Mängeln informieren die Auditoren jedoch selbstverständlich unverzüglich Betreiber und Auftraggeber.

Vertraulichkeit zählt viel

Als weiterer Bestandteil befragen die Auditoren Führungskräfte und Mitarbeiter und überprüfen die Dokumentationen – unter anderem, ob die Betriebsgenehmigungen durch die lokalen Behörden vorliegen – mit denen die Einhaltung der Kriterien belegt werden muss. Die vertraulichen Gespräche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führen die Prüfer einzeln, aber auch in Gruppen durch. Die Auswahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen die Auditoren sprechen, erfolgt auf Vorschlag der Auditoren, wobei die Beschäftigten selbstverständlich ihr Einverständnis geben müssen.

Die Ergebnisse des Audits werden in einem umfassenden Auditbericht vom TÜV Rheinland zusammengefasst, dem Auftraggeber zur Verfügung gestellt und – je nach Auditsystem – auch der jeweiligen Standardorganisation übergeben und gegebenenfalls veröffentlicht. So umfasst eine BSCI-Auditierung, dass die Prüfresultate in die BSCI-Datenbank einfließen, damit andere BSCI-Mitglieder sehen, welche Unternehmen erfolgreich das BSCI-Audit durchlaufen haben. Werden wie beispielsweise bei SA 8000 nach einer erfolgreichen Prüfung Zertifikate ausgestellt, sind diese im Internet hinterlegt.

Differenzierter Blick auf Mängel

Werden Mängel festgestellt, bewertet der TÜV Rheinland die Schwere. So gibt es bestimmte K.O.-Kriterien, die dazu führen, dass eine Überprüfung nicht erfolgreich abgeschlossen werden kann. Dazu zählen grobe Verstöße gegen die grundlegenden Regeln der ILO wie beispielsweise Zwangsarbeit oder Kinderarbeit oder auch, dass die Auditoren feststellen, dass in kritischen Punkten falsche Angaben gemacht wurden.

Bei geringeren Mängeln werden diese im Auditbericht dokumentiert und müssen in einem festgelegten Zeitrahmen, spätestens zum nächsten Re-Audit, beseitigt sein. Die Durchfallquote von Unternehmen, die erstmals eine Anerkennung nach einem der gängigen Sozialstandards anstreben, liegt bei den vom TÜV Rheinland überprüften Unternehmen bei 50 bis 75 Prozent.

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