Großraum ist (k)ein Lebensgefühl

1. Februar 2016

Anders als im Schrebergarten bescheren die Parzellen im „Open Office“ ihren Nutzern nicht automatisch reiche Ernte. Lehren aus einer laufenden Diskussion dienen nach Ansicht von Kommentator Ulrich Pfaffenberger allerdings als Dünger für schönere Früchte der Arbeit.

Andere Themen mögen in den USA derzeit präsenter sein, aber eine Debatte beschäftigt das Land seit über einem Jahr: „Was Google wrong?“ oder „Did Google it right?“ Diese Überschriften stehen über Berichten, Reportagen, Analysen und Kommentaren zum Thema Großraumbüros, in den Staaten euphemistisch „Open Office“ genannt. Tageszeitungen, Fachzeitschriften und Blogs tauschen Argumente aus und wägen Vor- und Nachteile der Arbeit vieler auf einem Haufen gegeneinander ab. Fachleute verschiedenster Disziplinen positionieren sich auf beiden Seiten der Argumentationslinie.

„Cubicles“ quer durchs Land

Die Debatte ist nicht zuletzt von dem Faktum beflügelt, dass die schier grenzenlosen Büroetagen mit ihren „Cubicles“ in ganz Nordamerika gelebter Arbeitsalltag sind. 70 Prozent des gesamten Büroraums der USA, berichtet die Washington Post, sind so aufgeteilt.

Lage, Lage, Lage

Groß ist darin die Anzahl derer, die sich wider ihren persönlichen Vorlieben mit den Nachteilen arrangiert haben: mangelnde Privatsphäre, Belästigung durch Geräusche und Gerüche, Monotonie der Arbeitslandschaft. Dazu kommt, dass die vermeintliche Gleichheit nicht durchgängig gegeben ist: Leistungsträger werden mit Randlagen und Fensterblick honoriert. Man sieht beim ersten Blick in ein solches „Open Office“: Hier ist nicht nur die Vernunft am Werk, hier arbeiten Emotionen – auf Hochtouren.

Geringe Lerneffekte aus dem Google-Beispiel

Google nimmt wegen seiner Bedeutung in der digitalen Wirtschaft, wegen seiner Größe in der öffentlichen Wahrnehmung und seiner Relevanz als Trendsetter eine Schlüsselrolle ein. Gleichwohl handelt es sich um einen Sonderfall, denn so wie in diesem Unternehmen ist vorher noch nirgendwo sonst gedacht und gearbeitet worden. Die Lerneffekte sind also bei den Pros wie bei den Contras nur bedingt.

Nicht nur ans Büro denken

Eines jedoch lässt sich als Generalregel ableiten und auf die deutsche Arbeitswelt transferieren: die Emotionalität des Themas. Arbeitsplätze werden von den dort Beschäftigten nicht nur als Raum wahrgenommen, sondern als Lebensumstand. Das gilt übrigens nicht nur für Büros, sondern auch für Fabrikhallen und Werkstätten.

Nutzen und Lasten abwägen

Arbeitgeber, die Work-Life-Balance ernst nehmen, wägen daher Nutzen und Lasten gegeneinander ab: die Kosten- und Gestaltungseffizienz eines beliebig disponierbaren und gestaltbaren Raums gegen die Potentiale der darin disponierten und organisierten Arbeitskräfte. Ungefähr so, wie ein Gärtner Boden, Sonnenlage und Art der Pflanzen mit Bedacht über sein Land verteilt.

Erfolg durch Individualität

In der Regel wird es dann keine einfachen „right or wrong“-Lösungen geben. Es braucht vielmehr individuelle Ansätze und gemeinsam mit den Mitarbeitern entwickelte Konzepte, um zum Erfolg zu kommen. Aber das kennen Unternehmen ja aus anderen Aufgabengebieten schon längst. Dazu brauchen sie kein Google.

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