Groߟraumbüros sind mehr als eine Frage von Quadratmetern

23. Oktober 2013

Großraumabteile in Bahnwaggons haben schon manchen das Fürchten gelehrt: Kreischende Kinder, mit Hochdruck telefonierende Manager oder von überbordender Fröhlichkeit erfüllte Kegelvereine haben die Qualität des Aufenthalts dort, vorsichtig gesagt, geschmälert. Großraumbüros wird mitunter ähnliches nachgesagt. Unternehmen, die ihren Mitarbeiter Entsprechendes bieten, sind daher gefordert, sich über Arbeitsplatzqualität und Produktivität Gedanken zu machen.

Was einen ordentlichen Arbeitsplatz ausmacht, ist zumindest technisch klar definiert. Der ‘Berufsgenossenschaftlichen Information BGI 650 Bildschirm- und Büroarbeitsplätze‘ zufolge, hat der als Arbeitsfläche genutzte Tisch eine Fläche von 160 cm auf 80 cm aufzuweisen. Die freie unverstellte Bewegungsfläche am Arbeitsplatz muss 1,5 m² aufweisen, die „Benutzerfläche am Arbeitsplatz“, also der Abstand, über den sich der Bürostuhl zurückrollen lässt, hat mindestens einen Meter tief zu sein.

Außerdem sind „ausreichende Funktionsflächen“ für Fenster, Türen, Möbeltüren und -auszüge verlangt, um ein ungehindertes Öffnen und Bedienen sicherzustellen. Zuletzt ist dann noch die gesamte Arbeitsplatzfläche definiert. Einschließlich Möblierung und „anteiliger Verkehrswege“ muss sie im Einzelbüro 8 bis 10 m² und in Großraumbüros 12 bis 15 m² betragen. Soweit klar und vermutlich auch gut.

Lärm nährt sich selbst

Allein schon der Aspekt Lärm macht deutlich, dass es mit derartigen Vorgaben nicht getan ist. Er legt vielmehr offen, welche Eigendynamik Probleme in Großraumbüros annehmen. Denn: Wie in jeder ordentlichen Kneipe oder beim Rockkonzert nimmt im Lauf der Veranstaltung der Lärmpegel zu.

Dem liegt im wahrsten Sinn des Wortes eine „Eskalation“ zugrunde: Jedes Mal, wenn einem das Umfeld zu laut erscheint, um zu verstehen oder verstanden zu werden, hebt man die eigene Stimme etwas mehr an. Es folgt ein Dominoeffekt, der im Zeitraffer dem Triebwerksdonner eines startenden Jumbos gleicht. Derlei kann selbst bei Routinearbeiten stören.

Wo beginnt die Belästigung?

Wie weit die Ansichten bei diesem Thema auseinanderklaffen, zeigen zwei Zahlenwerte. „Lärm“ ist per gesetzlicher Definition erst bei einem Schalldruck von mehr als 80 Dezibel gegeben. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aber sieht in ihren „Arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse" AWE 124 schon Werte von 35 bis 40 dB (A) bei sehr hohen Konzentrationserfordernissen wie bei „der anspruchsvoller Sachbearbeitung, beim Programmieren oder bei wissenschaftlicher Arbeit“ als Obergrenze an. Zur Orientierung: Zur Debatte steht hier der Unterschied zwischen normalen Wohnungsgeräuschen und einem Presslufthammer. Selbst normales Telefonläuten liegt zwischen 70 und 80 dB (A).

Wie also mit Lärm und anderen Begleiterscheinungen dicht gedrängten menschlichen Arbeitens und Miteinanders umgehen, die gerade in Großraumbüros vermehrt auftreten und für die es keine fixen Regeln gibt? 11 Aspekte zur intelligenten Positionierung eines modernen und effizienten Konzepts für Großraumbüros.

  1. Gesundheit! Der fromme Heilswunsch sollte gerade im Großraumbüro als echter Alarm verstanden werden. In dicht besiedelten Arealen ist, draußen wie drinnen, die Ansteckungsgefahr bei Erkältungskrankheiten höher als unter wenigen Anwohnern. Der Einzelne tut also gut daran, seine Immunkraft zu stärken, Unternehmen sollten Hygienemaßnahmen forcieren und Pandemie-Pläne vorhalten. Denn: In großen Büros werden häufiger krankheitsbedingte Absenzen gemeldet als in kleinen.
  2. Rückzug! Decken, Wände und Böden bedürfen gezielter, schalldämmender Materialien und Einbauten, um den Lärmpegel im Großraumbüro gering zu halten. Wer dennoch zusätzliche Stille für anspruchsvolle Arbeiten braucht, für den sollten ausgewiesene Rückzugsräume außerhalb des gemeinschaftlich genutzten Areals zur Verfügung stehen.
  3. Abstand! Mehr noch als im normalen Arbeitsalltag gilt in Großraumbüros der Schutz der Privatsphäre. Anders als in anderen Kulturräumen gehört in Mitteleuropa das Abstandhalten zu den geschätzten Gütern und zu den gefühlten Persönlichkeitsrechten. Arbeitnehmer erwarten zu Recht, dass ihr Arbeitgeber die „soziale Distanz“, die auch die störende Wahrnehmung der Geräusche, Gerüche und Bewegungen anderer einschließt, als wertvoll anerkennt und schützt.
  4. Mahlzeit! Essen im Großraumbüro ist tabu. So gut kann kein Döner duften und so zart kein Salat knacken, dass es nicht zur Belästigung für den Tischnachbarn wird.
  5. Jetzt nicht! Für viele Kollegen gilt das Prinzip „sichtbar = ansprechbar“. Dies gilt im Großraumbüro umso mehr, als die natürlichen Hindernisse „Wand“, „Bürotür“ und „Anklopfen“ wegfallen. Schon im Interesse eines ungebrochenen Arbeitsflusses und damit uneingeschränkter Produktivität sind daher eindeutige Signale – bis zum demonstrativen „Bitte nicht stören“-Stoppschild – angebracht und kein Verstoß gegen die Kollegialität. Im Idealfall entwickeln Personalverantwortliche hier einen Codex und entsprechende Zeichen.
  6. Licht! Luft! Gerade im Innenbereich eines Großraumbüros ist die Verfügbarkeit dieser natürlichen Energiequellen oft eingeschränkt. Dies führt zu einer stärkeren physischen Belastung und damit früheren Ermüdung der dort angesiedelten Mitarbeiter. Wo die Technik nicht ausreicht, diese Defizite durch Beleuchtung und Belüftung zu beheben, empfehlen Experten das Vorhalten von „Ausgleichsflächen“, sprich: Arbeitsplätze in Fensternähe, auf die betroffene Mitarbeiter gelegentlich rotieren können.
  7. Huch! Es ist eine natürliche Reaktion von Menschen, wenn sich „hinter ihrem Rücken“ Dinge abspielen, die sie nicht wahrnehmen können. Die in Großraumbüros wegen der vorgeschriebenen Bewegungsfreiheit gern gewählte Lösung eines Zugangs zum „Cubicle“ im Rücken des dort Arbeitenden führt zu einer dauerhaften Belastung, die zunächst oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegt, nach einigen überraschenden „Ansprachen“ von hinten aber zusehends als unangenehm empfunden wird.
  8. Vive la difference! Gerade die dichte Besiedlung eines großen Raums mit in der Regel sehr ähnlichen Arbeitsplätzen stärkt in den dort arbeitenden Menschen den Wunsch nach Unterscheidbarkeit ihres persönlichen Raums. Umgekehrt müssen Unternehmen, um die Funktionalität der Einrichtung sicherzustellen, dort besonders genaue Regeln erlassen, wie viel Individualität und Gestaltungsfreiheit der Einzelne bekommt. Weil die gestalterische Gleichschaltung aller Arbeitsplätze in direktem Widerspruch zur Individualität derer steht, die dort ihr Talent einbringen und ihr persönlich Bestes geben sollen, sind hier Sorgfalt und Fingerspitzengefühl (etwa zur angemessenen „Bepflanzung“ des Schreibtischs: Blumentopf oder Palme?) bei den Verantwortlichen besonders gefordert – und konstruktive Gespräche und Lösungen einer Sanktion vorzuziehen.
  9. Kuckst Du! Der ständige, unkontrollierbare Einblick Dritter auf den Arbeitsplatz, den Bildschirm und – vor allem – auf Kleidung, Körper und Mimik des Einzelnen bedeutet „Arbeit auf dem Präsentierteller“. Schon wegen der mitunter anspruchsvollen Vorgaben bei Vertraulichkeit von Aufgaben sowie bei Datenschutz und Datensicherheit ist ab einem gewissen Level der ausgeführten Tätigkeiten ausreichender Sichtschutz unverzichtbar; in der Regel ist damit auch besserer Lärmschutz verbunden.
  10. Heiß! Kalt! Die richtige Temperatur fürs Großraumbüro lässt sich zwar theoretisch berechnen, aber nie für alle zufriedenstellend erzeugen. Wie Umfragen immer wieder zeigen: ein heißes Thema. Gut ein Viertel der Befragten gab etwa bei der „Büroumfrage 2013“ an, dass es um die richtige Temperatur oder die Qualität der Luft immer wieder Diskussionen mit den Kollegen gebe. Hier kann man zwar technische Geräte einschalten und versuchen, bei den Mitarbeitern das störende Empfinden abzuschalten. Aber wenn es bei den Punkten 1 bis 9 schon mangelt, dann gewinnen ein paar Grad Celsius hin und her schnell an Gewicht.
  11. Hallo Chef! Es liegt nicht nur auf der Hand, sondern ist sogar wissenschaftlich erwiesen: Je enger die Kommunikation mit Vorgesetzten ausfällt, desto besser fällt die Produktivität aus. So sollten schon aus ökonomischen Gründen – wenn nicht gleich aus sozialen – deren Arbeitsplätze ebenfalls in ein Großraumbürokonzept integriert werden.
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