„Herzen gewinnen“ ist auch ein Handwerk

Beim 8. Randstad Qualifizierungsforum stand im Fokus, wie sich „Nachwuchs partnerschaftlich gewinnen“ lässt. Es zeigte sich, dass dabei vor allem „Herz, Hirn und Hand“ gefragt sind.

  • Randstad Qualifizierungsforum bietet Teilnehmern fundiertes Fachwissen und fachkundige Gespräche
  • „Ich glaub‘ an Dich“ ist Mitarbeitern gegenüber Ausdruck eines Ethos der Verantwortung
  • Umdenken beim Gespräch mit jugendlichen Bewerbern öffnet den Zugang zu bislang oft übersehenen Potentialen

Einen wie Carl-Heiner Schmid trifft man nicht jeden Tag. Handwerker mit Promotion. Wobei er aufs erste viel Wert legt und das zweite eher wie eine Nebensache erscheinen lässt. Beim diesjährigen Randstad Qualifizierungsforum in München, dem inzwischen 8. in der Reihe, zeigt der Gesellschafter der Unternehmensgruppe Heinrich Schmid, dass Zögern, Jammern und Angsthaben der falsche Weg sind, wenn Unternehmer mit künftigen Auszubildenden zusammenkommen wollen – auf beiden Seiten. Vielmehr zählt für ihn das, was programmatisch als Überschrift über seinem Vortrag steht: „Ich glaub‘ an Dich.“

Zukunft überwindet Vergangenheit

Von einem wie ihm, der seine Firma mit „Herz, Hirn und Hand“ führt, lassen sich die Führungskräfte und Personalverantwortlichen, die an diesem Abend die Wappenhalle des ehemaligen Flughafens Riem füllen, gern den Weg weisen. Da spricht kein Oberlehrer oder Theoretiker, da ist jeder Satz aus dem Leben gegriffen. Zum Beispiel: „Menschen sind mehr nur als ein Brocken Fleisch. Wir alle haben eine Seele. Es hat sie zwar noch keiner gesehen, auch wenn die Theologen schon über 2000 Jahre nach ihr forschen. Doch wir spüren die Seele des Anderen.“ Oder: „Zum Nein braucht‘s Einen, zum Ja mindestens Zwei. Ohne ein Ja zum Anderen gibt‘s keinen humanitären Fortschritt.“ Oder: „Ich glaub‘ an Dich‘“ ist Ausdruck eines Ethos der Verantwortung. Denn es geht um Zukunft. Nur die Zukunft kann ich frei gestalten. Und die ist weder schön noch großartig, sondern schlicht und einfach unbekannt, ungewiss, unvorhersehbar … alle Adjektive beschreiben nur die Vergangenheit.  Aber die kommt nicht wieder, da brauch ich auch an niemand zu glauben.“

Handfestes Erfahrungswissen live

Solche Sätze hört man selten in der Welt der Wirtschaft, schon gar nicht von einem Unternehmer. Der Funke springt daher schnell ins Auditorium über. Schaut man in die Gesichter der Leute, sieht man ihnen an: „Gut, dass ich mir die Zeit genommen habe. Allein dieser Mann war’s schon wert.“ Dass es im Verlauf seines Vortrags auch noch ganz handfestes Erfahrungswissen zu gewinnen gibt, wie sich Schüler, Studierende, Jugendliche für ein Unternehmen begeistern und für eine Karriere dort gewinnen lassen, ist die zusätzliche, rationale Rendite des Zuhörens.

Zugang finden zu scheinbar Chancenlosen

Nicht minder berührend und anregend ist das, was die zweite Rednerin des Abends anzubieten hat, Ulrike Garanin, Geschäftsführender Vorstand der JOBLINGE-Dachorganisation. Sie markiert zwei Gegensätze: Den bevorstehenden Fachkräftemangel einerseits, und die Tatsache, dass für viele Jugendliche der Weg ins Arbeitsleben endet, bevor sie ihn betreten, andererseits. Trotz guter Wirtschaftslage, demographischem Wandel und einem Höchststand unbesetzter Ausbildungsstellen haben gering qualifizierte junge Menschen kaum Chancen auf Zugang zum Arbeitsmarkt. „Rund 500.000 Jugendliche in Deutschland haben derzeit den Sprung von der Schule zur Ausbildung nicht geschafft, sind arbeitslos oder befinden sich in Maßnahmen des sogenannten Übergangssystems zwischen Schule und Beruf“, sagt sie. „Wer sind diese Jugendlichen, die die den Stempel ,nicht vermittelbar‘ tragen und oft auch selber den Glauben an sich verloren haben?“

Endlose Varianten von Hindernissen

„Wir erleben junge Menschen, bei denen die schulischen Schwierigkeiten oft nur die oberflächlich erkennbaren Hindernisse sind. Die dahinterliegenden Geschichten gehen unter die Haut und erzählen endlose Varianten davon, wie fern für viele junge Menschen die Realität von Chancengleichheit oder auch nur von einer echten Chance ist“, berichtet sie aus der Arbeit der Initiative JOBLINGE - 2007 von der Unternehmensberatung The Boston Consulting Group und der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG gestartet. Dort engagieren sich Wirtschaft, Staat und Privatpersonen gemeinsam, um junge Menschen mit schwierigen Startbedingungen zu unterstützen.

Perspektivwechsel beim Vorstellungsgespräch

Mehr als 4.300 junge Menschen, die aufgrund „multipler Vermittlungshemmnisse“ als nicht oder nur schwer in Arbeit integrierbar galten, haben – persönlich geführt von haupt- und ehrenamtlichen Begleitern – bereits an dem Programm teilgenommen. Wobei Eigenständigkeit und Hilfe zur Selbsthilfe im Zentrum standen, damit sich die Teilnehmer aus eigener Kraft ihren Ausbildungs- oder Arbeitsplatz erarbeiten. Ulrike Garanin machte deutlich, dass auch hier zwei dazugehören, um „Ja“ zu sagen. Sie fordert daher die Personalverantwortlichen zum Perspektivwechsel auf und appelliert an sie, das Bewerbungsverfahren auf den Kopf zu stellen. Das bedeute, zunächst das persönliche Vorstellungsgespräch zu führen und sich dann die Zeugnisnoten anzuschauen.

Eine Chance in der Praxis geben, engagierte und loyale Auszubildende gewinnen – über 70 Prozent der Teilnehmer schaffen den Sprung in die Ausbildung. Auch nach dem Ende des JOBLINGE-Programms und während der Ausbildung begleiten die JOBLINGE-Mitarbeiter die Jugendlichen und auch Unternehmen eng. Denn die Vermittlung soll nicht nur passgenau sein, sondern auch nachhaltig. Die derzeitige Quote liegt bei 80 Prozent.

Neues Wissen und entspannter Dialog

Die Reaktionen der Teilnehmer am Randstad Qualifizierungsforum belegten, wie Eva Krotwaart die Formel schildert, nach der sie jedes Jahr die Veranstaltung komponiert: Der Abend zieht seine Attraktivität „aus der Mischung von neuem Wissen und alten Bekannten, von praxisnahen Themen und ungewöhnlichen Gesprächspartnern, von intensivem Dialog und entspanntem Gedankenaustausch. Mich haben schon Teilnehmer angesprochen, die diese Stunden im vertrauten Kreis mit einem Klassentreffen verglichen haben“, berichtet die Projektmanagerin Arbeitsmarktprojekte bei Randstad Deutschland. „Aber ist das nicht genau die Atmosphäre, die wir uns für einen Business-Termin in Work-Life-Balance wünschen?“

Fachkundiger Gedankenaustausch

In der Tat lassen sich hier Dinge beobachten, die bei vergleichbaren Anlässen selten sind. Ein Großteil der Besucher trifft deutlich vor Beginn der Veranstaltung ein, nur ganz wenige kommen zu spät, obwohl der Beginn um 18 Uhr für die meisten direkt an die Arbeitszeit anschließt. Neulinge kommen, so die Erfahrung, schnell und unkompliziert mit Stammgästen ins Gespräch, die Gesprächsatmosphäre ist angeregt, von Fachkunde geprägt. „Wir sprechen hier keine Einladung zum Essen, Trinken und ,Sich berieseln lassen‘ aus", sagt Krotwaart. „Wer hier dabei ist, soll gute Anregungen für die tägliche Arbeit mit nach Hause nehmen – und ein paar neue Kontakte sicher auch.“ Zum Beispiel den ungewöhnlichen Unternehmer und gewinnenden Handwerker am Rednerpult. Dass er im Verlauf seines Vortrags auch noch ganz handfestes Erfahrungswissenvermittelt, beispielsweise wie sich Schüler, Studierende, Jugendliche für ein Unternehmen begeistern und für eine Karriere dort gewinnen lassen, ist die zusätzliche, rationale Rendite des Zuhörens. Dass dieses Erfahrungswissen nicht rückwärtsgewandt ist, sondern soziokulturelle Entwicklungen berücksichtigt, kommt vor allem in seiner Idee des Dualen Gymnasiums zum Ausdruck. „Junge Menschen brauchen nicht nur Fähigkeiten, sondern auch Fertigkeiten. Die aktuellen Bildungsmodelle haben ihren Schwerpunkt allerdings auf dem kognitiven Bereich“, so Dr. Carl-Heiner Schmid. Gemeinsam mit der IHK und dem Bildungsministerium hat er daher ein Duales Gymnasium als Pilotprojekt ins Leben gerufen. In Reutlingen absolvieren derzeit 13 Schüler parallel zur Schule eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Am Ende haben sie nicht nur ihr Abitur, sondern auch einen Gesellenbrief in der Tasche.